Geldpolitik Keine Angst

Die Warnung vor steigenden Preisen entbehrt jeder Grundlage

Harte oder weiche Währung? Euro-Symbol und Passanten vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt

Die deutsche Politik hat ein neues Lieblingsthema: Inflation. Die drohe nun, weil zu viel Geld gedruckt werde, so warnen Finanzminister Peer Steinbrück und die Kanzlerin unisono. Dabei gibt es dafür bislang keine Anzeichen. Im Gegenteil: Wegen der Wirtschaftskrise ist eher mit einer Deflation als einer Inflation zu rechnen.

In einer Deflation fallen die Preise. Das ist gefährlich, denn es steigt dabei die Last der Schulden, und die Firmen investieren nicht mehr. Die Europäische Zentralbank (EZB), die sonst keine Gelegenheit auslässt, auf die Gefahr einer zu hohen Teuerung hinzuweisen, erwartet, dass die Preise in Deutschland schon im Sommer zu sinken beginnen. Deshalb gehen die Währungshüter jetzt bis zum Äußersten. Die EZB reduziert die Zinsen, und sie erwägt, Staatsanleihen und Wertpapiere aufzukaufen. So würde sie noch mehr Geld in Umlauf bringen. Andere Notenbanken tun das bereits. Sie senken damit die Finanzierungskosten für Staaten und Unternehmen. Die Firmen können mehr Geld ausgeben und die Regierungen Konjunkturprogramme auflegen.

Anzeige

Vielleicht sind die öffentlichen Inflationswarnungen der Bundesregierung ja nur als vorsorgliche Abwehr gedacht – damit keine Debatte um ein weiteres Konjunkturprogramm beginnt. Aber das wäre ein gefährliches Spiel mit den Ängsten der Menschen und der Reputation der Notenbanken.

Denn in der Krise die Notenpresse anzuwerfen ist keine Teufelei, sondern moderne Wirtschaftspolitik. Was geschähe mit den deutschen Exporten, wenn die Amerikaner Steinbrücks Rat beherzigten und darauf verzichteten, ihre Konjunktur anzukurbeln? Das Geld, das jetzt gedruckt wird, finanziert keinen künstlichen Boom, sondern verhindert den Absturz. Es ist schon deshalb mehr davon im Umlauf, weil die Banken so kaputt sind, dass die Währungshüter die Wirtschaft mit Liquidität versorgen müssen. Die Geldmenge der Zentralbank allein sagt nur wenig über drohende Preissteigerungen aus. Viel wichtiger ist, ob die Notenbanken die Zinsen rechtzeitig wieder erhöhen, wenn die Konjunktur anzieht und die Banken Geld verleihen. Nur wenn das nicht passiert, droht Inflation. Nur dann.

Damit ist das Problem aber im Kern ein politisches und kein ökonomisches. Rein technisch ist es einfach, überschüssiges Geld einzusammeln. Wenn das in der Geschichte nicht gelungen ist, dann, weil es die Politik verhindert hat. Zum Beispiel, weil es allemal bequemer ist, Staatsschulden über steigende Preise zu entwerten, statt sie mühsam abzutragen. Nur diskreditiert die Möglichkeit des Missbrauchs noch nicht das Instrument an sich. Es wäre ja auch töricht, ein lebensrettendes Medikament zu verbieten, nur weil es bei Überdosierung tödlich ist.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Da schau her: Das Anwerfen der Notenpresse sei moderne Wirtschaftspolitik, und deshalb müssten wir keine Inflation fürchten!

    Greenspans Geldpolitik war auch eine solche der modernen Art, und weil er die Geldpresse angeworfen hat, und daraufhin merkwürdiger Weise das Geld (nach einer gewissen Zeit) verschwunden ist, müssen wir jetzt die Geldpresse anwerfen?

    Aber diejenigen, welche jetzt eine ungehemmte Geldschöpfung der Notenbanken propagieren, WOLLEN doch gerade Inflation ( http://www.bloomberg.com/... ). Daher meine Einschätzung:

    "Alles Madoff oder was? Amerikanische Wirtschaftswissenschaftler (auch die US-Notenbank?) wollen (erneut) die Welt bestehlen. Jetzt durch Inflation." (Mehr dazu siehe unter http://beltwild.blogspot.... .)

    CANABBAIA
    http://beltwild.blogspot....
    Interessen erhellen - sich Widersprüchen stellen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service