Salman Rushdie Die Liebe ist gefährlich

Ein Gespräch mit Salman Rushdie einmal nicht über die Fatwa, sondern über seinen neuen Roman "Die bezaubernde Florentinerin"

DIE ZEIT: Sie haben diesem Gespräch unter der Bedingung zugestimmt, dass sich die Fragen ausschließlich auf Ihren neuen Roman und »andere literarische Themen« beziehen. Sind Sie der Ansicht, dass man ein Werk der Literatur wie einen Scherenschnitt aus der Zeit, in der es entstanden ist, herauslösen kann?

Salman Rushdie: Nein, keineswegs. Geschichte ist eine Debatte, die niemals endet. Egal, in welcher Gesellschaft wir zu Hause sind, wir werden niemals aufhören, über die Bedeutung der Vergangenheit zu reden: als eine der Möglichkeiten, über die Welt zu sprechen, in der wir selbst leben. Ich bin der Allerletzte, der ahistorisch dächte. Aber es hat sich mit den Jahren eingebürgert, dass ich Bücher veröffentliche und die Leute zu mir kommen, um über alles Mögliche außer dem jeweiligen neuen Buch zu reden. Und das ist für mich zum Problem geworden.

DIE ZEIT: Ihr neuer Roman beginnt mit einem Reisenden aus Florenz, der im Jahr 1572 im indischen Fatehpur Sikri eintrifft und beobachtet, dass »die bilderreiche, enthüllende Traumpoesie des Alltäglichen« am Hofe Akbars des Großen »noch nicht von der engstirnigen, nüchternen Wirklichkeit erdrückt« ist.

Rushdie: Ich erzähle in dem Roman von einem historischen Augenblick, in dem die imaginäre Landschaft der Fantasie die reale Landschaft der Wirklichkeit noch durchdringen konnte. Das galt damals für den Osten, der für einen Reisenden der Projektionsraum aller möglichen Träume sein konnte, ebenso wie für den Westen. Ich glaube, dass unsere heutige Auffassung, es auf der einen Seite mit etwas Prosaischem zu tun zu haben, das wir als realistisch bezeichnen, und auf der anderen mit etwas Poetischem, das wir fantastisch nennen, grundsätzlich falsch ist: Und deshalb habe ich in meinem Roman über eine Zeit zu schreiben versucht, in der die Menschen diese Unterscheidung noch nicht getroffen haben.

DIE ZEIT: Was wussten Sie über Ihren Roman, als Sie mit der Arbeit begannen?

Rushdie: Am Anfang stand vor allem der Gedanke, eine Geschichte zu erfinden, die das Florenz Machiavellis und das Indien des Großmoguls Akbar, diese beiden Welten, die in Wirklichkeit nichts voneinander wussten, zwingen würde, sich gegenseitig anzusehen. Mich interessierte die Tatsache, dass es zu jener Zeit offenbar keine Reisenden aus dem Osten in den Westen gegeben hatte. Es hatte den Gewürzhandel gegeben, der europäische Kaufleute in den Süden Indiens führte. Es gab ein paar westliche Reisende, die bis in den Norden des Landes vorgedrungen waren. Und es hatte natürlich die portugiesische Kolonie in Goa gegeben. Aber ich konnte bei meinen Recherchen keinen einzigen östlichen Reisenden ausfindig machen, der in dieser Zeit aus Indien nach Europa gelangt war. Ich machte mich also daran, zu erfinden, was nie geschehen war. Und weil ich es mir nicht zu einfach machen wollte, erfand ich eine durch zahlreiche Verwicklungen von Indien nach Italien gelangte Prinzessin: ebenjene »bezaubernde Florentinerin«, von der der Besucher aus Florenz dem Großmogul Akbar erzählt.

DIE ZEIT: Die faszinierendste Figur Ihres Romans ist der Großmogul selbst. Weshalb ist Akbar, der von 1542 bis 1605 lebte, ein guter Protagonist für einen zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstandenen Roman?

Rushdie: Akbar ist ein tyrannischer Herrscher, der unaufhörlich über die Gerechtigkeit nachdenkt, und dieser innere Kampf macht ihn interessant. Akbars Regentschaft markiert die Geburt der Idee Indiens. Bevor Akbar einen Großteil von Indien vereinte, gab es Fürstentümer und alles Mögliche, aber nicht den Gedanken an ein geeintes Hindustan. Weil Akbar halbwegs gerecht regierte, begann sich gegen Ende seiner Regentschaft und der seiner Nachfolger das abzuzeichnen, was man rückblickend als das moderne Indien bezeichnet. Bei der Arbeit an meinem Roman hatte ich den Eindruck, dass ich den Augenblick erforschte, in dem die Welt entstand, in der wir heute leben.

DIE ZEIT: Was können wir von Akbar lernen?

Rushdie: Ein Roman ist nicht dazu da, Menschen etwas beizubringen. Aber ich glaube, dass ich durch das Verhältnis der Figur Akbars zu der des Niccolò Machiavelli viel darüber nachgedacht habe, ob es für einen Fürsten möglich war, gerecht zu handeln, oder ob es im Wesen der Gerechtigkeit etwas gibt, das einen in die Ungerechtigkeit treibt. Dieser Gedanke ist heute so relevant wie damals.

DIE ZEIT: Die aufregendste Fantasie Ihres Romans ist das sogenannte »Zelt des Neuen Kultes«, das Akbar errichten lässt.

Rushdie: Es gab an Akbars Hof einen Disput zwischen östlichen religiösen Denkern und Mystikern einerseits und westlichen Philosophen und Rationalisten andererseits: Das Zelt allerdings, in dem diese beiden Lager im Roman aufeinander losgehen, ist meine Erfindung.

DIE ZEIT: Sie haben die Kategorien Ost und West bereits in Ihrem 1981 erschienenen Roman Mitternachtskinder erfolgreich unterlaufen. Aber ist der Gedanke, dass der Unterschied zwischen Ost und West am Ende gar nicht so groß sei, dass es vielmehr der Fluch der menschlichen Rasse sei, »dass wir uns so ähnlich sind«, in Zeiten der Globalisierung nicht ein alter Hut?

Rushdie: Es mag sich mittlerweile um einen Gemeinplatz handeln, aber das hieße noch lange nicht, dass der Gedanke falsch ist. Es stimmt natürlich, dass die Welt inzwischen kleiner geworden ist, dass die Massenmigration für eine beträchtliche Durchmischung gesorgt hat und wir nicht mehr in unseren überschaubaren Welten leben. Dennoch sind die Unterschiede zwischen dem christlichen Europa und dem Indien eines muslimischen Herrschers gewaltig. Es hat mich bei der Arbeit an meinem Buch allerdings erstaunt, wie viele Echos und Spiegelungen es zwischen den beiden Welten schon damals gab. Im Übrigen teile ich nicht die vorherrschende Ansicht, dass es infolge der Globalisierung überall auf der Welt zunehmend gleich aussieht.

DIE ZEIT: Globalisierung heißt nur, dass man überall den gleichen Kaffee trinkt?

Rushdie: Starbucks ist nicht die gesamte Gesellschaft. Natürlich gibt es diesen ökonomischen Internationalismus von Unternehmen wie Nike oder Gap und Coca-Cola. Aber Indien ist trotzdem noch immer Indien, Italien noch immer Italien, und Amerika fühlt sich noch immer wie Amerika an. Wir sind uns unserer Unterschiede nach wie vor sehr bewusst. Es ist eine menschliche Eigenart, die Welt zu verstehen, indem man versucht, die Ähnlichkeiten oder Unterschiede zu erkennen, die einen verbinden oder trennen, und ein Problem unserer Zeit liegt meines Erachtens in dem, was man als »Identitätspolitik« bezeichnet. Wir werden dazu angehalten, unsere Identität auf eine zunehmend einfache, immer weniger komplexe Weise zu definieren, doch wenn wir eines wissen, dann, dass keiner von uns einfach ist. Wir haben alle eine Vielzahl von Identitäten.

DIE ZEIT: Was uns auf Ihren Roman zurückbringt, in dem sich auch Akbar als Individuum wahrzunehmen beginnt. Erzählen Sie von den »verstörenden Möglichkeiten der ersten Person Singular«, die der Mogul entdeckt, wenn er von sich nicht mehr als »wir« spricht, sondern zum ersten Mal als »ich«.

Rushdie: Als Herrscher über ein großes, geradezu weltumspannendes Reich ist es Akbar gewohnt, sich als plurale Existenz zu verstehen, die aus einer unerschöpflichen Vielzahl unterschiedlicher Persönlichkeiten besteht. Was ihn nachdenklich macht, ist der Gedanke, dass nicht nur er, sondern auch jeder seiner Untertanen aus einer solchen Vielzahl bestehen könnte und Akbar in dieser Hinsicht nicht mehr einzigartig wäre. Die sich daraus ergebende Frage ist, wie man diese unterschiedlichen Facetten des Selbst zu dem vereinen kann, was man dann »Ich« nennt.

DIE ZEIT: Eine Frage, die man sich zur selben Zeit auf ähnliche Weise auch in Florenz stellte.

Rushdie: Genau. Das vielleicht größte Geschenk, das die Renaissance unserer heutigen Zeit gemacht hat, ist die Entdeckung des Individuums und die Idee von einem souveränen und einzigartigen Selbst.

DIE ZEIT: Das Motiv des Spiegels, in dem sich die östliche und die westliche Welt reflektieren, zieht sich durch den ganzen Roman. Ist Die bezaubernde Florentinerin auch Ihr Spiegelbild?

Rushdie: Wahrscheinlich schon, aber ich denke, das könnte man von all meinen Romanen sagen. Schließlich will man Bücher schreiben, die niemand außer einem selbst schreiben könnte.

DIE ZEIT: Was sehen Sie in dem Spiegel?

Rushdie: Ich sehe zum Beispiel eine Meditation über die Liebe. Die romantische Liebe kommt in dem Buch nicht besonders gut weg. Es gibt natürlich starke Gefühle wie Liebe und Leidenschaft, aber wir neigen dazu, sie mit den sehr viel konventionelleren Vorstellungen von Treue und Dauerhaftigkeit zu umgeben. Es ist jedoch möglich, dass Leidenschaft mit Treue und Dauerhaftigkeit gar nichts zu tun hat und in Wirklichkeit eine sehr viel gefährlichere Angelegenheit ist. Was passiert denn, wenn man die Dinge wieder trennt und sagt, hier ist die erotische Anziehung, die leidenschaftliche Liebe, und sie ist gefährlich? Sie ist nicht sicher, sie ist vielleicht nicht von Dauer und garantiert keine Treue, aber sie ist von einer großen verführerischen Kraft. Ebendies habe ich am Beispiel der Titelfigur meines Romans zu erzählen versucht: Es ist gefährlich, sich in der Nähe von Qara Köz, der »bezaubernden Florentinerin«, aufzuhalten. Es ist sogar gefährlich, sie selbst zu sein.

DIE ZEIT: Beim Lesen des Romans hatte ich den Eindruck, auch Qara Köz, von der der italienische Reisende dem Großmogul erzählt, sei der Spiegel Ihrer selbst. Verbindet sie nicht Ost und West, genau wie Sie das tun?

Rushdie: Weshalb versucht man heutzutage eigentlich immer, in Romanen den Autor zu entdecken?

DIE ZEIT: Ein rein voyeuristisches Interesse.

Rushdie: Es gibt in diesem Roman keine Figur, die ich bin. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass die Leser mich in jedem meiner Bücher ausfindig zu machen versuchten. Und das ging mir schließlich derartig auf die Nerven, dass ich mir vornahm, keine Figuren mehr zu erfinden, die mir ähneln. Früher schien es mir hilfreich zu sein, Figuren wie Saleem, den mir in mancher Hinsicht ähnlichen Erzähler von Mitternachtskinder, zu erfinden, weil es mir auf diese Weise leichterfiel, in die Geschichte einzusteigen. Aber inzwischen finde ich es nicht mehr hilfreich, weil mich das Verlangen der Leser stört, einen Roman als verdeckte Autobiografie zu lesen.

DIE ZEIT: Sie haben von den Gefahren der Leidenschaft und der sexuellen Lust gesprochen: In welcher Hinsicht erfahren die Figuren Ihres Romans die Gefahren des Erzählens von Geschichten?

Rushdie: Der Mensch ist nun mal das Tier, das sich Geschichten erzählt, und zwar nicht nur im Sinne der Literatur. Jede Familie hat ihre eigenen Geschichten, und es gibt die großen Erzählungen von Historie und Religion, in denen wir alle leben. In jedem von uns ist ein tiefes Verlangen, seine eigene Geschichte zu erzählen, und wenn man davon abgehalten wird, hat das alle möglichen morbiden Symptome zur Folge, alle möglichen Arten von Gewalt. In meinem Roman wollte ich dies an der Figur des Reisenden deutlich machen: Er hat Akbar aufgesucht, um seine Geschichte zu erzählen, und als er im Kerker fürchtet, dass er sterben wird, ohne sie zu Ende erzählt zu haben, hat er das traumatisierende Gefühl, niemals gelebt zu haben.

DIE ZEIT: Worin besteht Ihrer Ansicht nach das Verhältnis zwischen einer Geschichte und dem, der sie erzählt?

Rushdie: Dieses Verhältnis ist äußerst kompliziert. Jede Geschichte kann sich der Macht ihres Schöpfers entziehen, und ich nehme an, ein wenig ist es mir mit den Satanischen Versen so ergangen. Man schreibt ein Buch, und es wird einem auf eine Weise entrissen, die sich nicht mehr kontrollieren lässt.

DIE ZEIT:Jetzt sprechen Sie eine Frage an, die ich nicht gewagt hätte anzusprechen, nachdem Sie sich alle außerliterarischen Fragen verbeten haben.

Rushdie: Ich habe gar nichts dagegen, über Die satanischen Verse zu sprechen. Der Grund für all diese Bedingungen ist, dass es mich Jahre kostet, ein neues Buch zu schreiben, und dann wollen die Leute mit mir über zwanzig andere Dinge reden.

DIE ZEIT: Verstehe.

Rushdie: Aber die Problematik, über die wir eben sprachen, zieht sich durch die gesamte Geschichte der Literatur: Pygmalion erschafft Galatea und verliert sie wieder, Henry Higgins erteilt dem Blumenmädchen Eliza Doolittle in My Fair Lady Sprachunterricht und verliert sie an einen anderen Mann. Das Verhältnis zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung ist komplex und beinhaltet nicht selten einen Verlust. Auch Akbar muss den Verlust seiner Ideale hinnehmen.

DIE ZEIT: Ein Verlust, der heute zum Kampf der Kulturen führt.

Rushdie: Akbar sieht am Ende meines Romans vorher, dass die Welt der Zukunft ein sehr viel kälterer Ort sein wird. Ich bin ein wenig traurig über das, was heute in Indien geschieht, zumal wir uns doch an einem historischen Punkt befinden, an dem der Westen aufzuwachen scheint und Indien aufgrund der ökonomischen Expansion überhaupt erst wahrnimmt. Doch das, was Sie als Kulturkampf bezeichnet haben, bestimmt in Indien zunehmend das Leben.

DIE ZEIT: Stimmt es Sie optimistisch, dass im Westen ein Visionär wie Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde?

Rushdie: Das Interessante an Obama ist, dass er eine wirklich kosmopolitische Persönlichkeit ist. Er kennt die Welt sehr viel besser als sein Vorgänger, und das ist eine gute Sache. Als Internationalist und Intellektueller ist er eigentlich ein ziemlich überraschender Präsident. Es ist lange her, dass Amerika einen Intellektuellen zum Präsidenten gewählt hat.

DIE ZEIT: Wie erinnert man sich im heutigen Indien an Akbar den Großen?

Rushdie: Auch das hängt von der Politik ab, die man verfolgt. Die radikalen Hindus sagen, dass alles, was mit der Muslim-Herrschaft in Indien zu tun hatte, schlecht sei, und sehen Akbar als Teil der islamistischen Tyrannei. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die Akbar als bemerkenswerten Teil eines pluralistischen Erbes anerkennen. Das bringt uns auf den Anfang unseres Gesprächs zurück: Über die Geschichte wird man immer streiten. Geschichte ist nichts Festes, nichts Unumstößliches, sondern etwas, das immer neu diskutiert werden wird. Auch Akbars Herrschaft und seine religiöse Toleranz bleiben umstritten.

DIE ZEIT: Jetzt haben wir die Fatwa tatsächlich mit keinem Wort erwähnt.

Rushdie: Was gibt es darüber noch zu sagen? Ich habe zwanzig Jahre lang über diese Geschichte geredet, und es gibt nichts mehr, was sich noch sagen ließe.

DIE ZEIT: Deshalb habe ich gar nicht erst danach gefragt.

Rushdie: Vielen Dank.

Das Gespräch führte Thomas David

 
Leser-Kommentare
    • Puella
    • 07.03.2009 um 22:49 Uhr

    Danke für das tolle Interview!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service