Beherzte Kritik am Fernsehen
Stephan Lebert und Stefan Willeke: »Unser Gott, die Quote« Zeit Nr. 9
Ich muss einen Fehler korrigieren. Für den Film über Afghanistan, Leben und Sterben für Kabul – wie die Deutschen die Freiheit am Hindukusch verteidigen, eine NDR/WDR-Produktion für die ARD, hat der NDR sehr wohl einen freien Kameramann gestellt. Und an dem von Ihnen beschriebenen Reise- und Rechercheaufwand lässt sich unschwer erkennen, dass es auch weder am Etat noch an der redaktionellen oder produktionellen Unterstützung für die Dokumentation gemangelt hat. Im Gegenteil.
Das Problem für solche Sendungen liegt nicht bei fehlenden Ressourcen oder mangelndem Mut einzelner Redakteure. Es liegt, wie Sie auch schreiben, an der Doktrin der Quote und der festgefahrenen Vorstellung, mit solchen Themen ließe sich prinzipiell kein Publikum finden. Dabei haben Filme über die Globalisierung wie am Beispiel der Firma Grohe Und Du bist raus (Deutscher Fernsehpreis) oder kürzlich Gigant Gazprom – Die Deutschen und das Gas aus dem Osten durchaus gezeigt, dass sich auch mit vermeintlich schwierigen Themen durchaus eine respektable Quote erzielen lässt, wenn man in dieser Logik argumentiert. Aber daneben gibt es ja noch andere Kriterien für öffentlich-rechtliche Sender.
Hubert Seipel, Hamburg
Ich bin Redakteur beim WDR und habe Ihren Artikel mit großem Interesse gelesen. Sie haben da eine ganze Reihe Dinge aufgegriffen, sehr gut. Auch ich wünsche mir in und um meinen Arbeitgeber endlich einmal wieder Bewegung. Ich sehe die Probleme vor allem im Mittelbau. Hier sitzen oft genug Leute, die auch bei der Postbank die Abteilung »Privatkunden A–K« betreuen könnten und eben nicht »Macher mit Mut« sind. Einige dürfen ja noch wagen, aber das Wagen gehört nicht mehr zur Unternehmenskultur. Die meisten sichern sich ab, operieren nur geschützt und sorgen vor allem dafür, dass sie ihre eigenen Schäfchen ins Trockene bekommen. Es schmerzt, zu sehen, dass Ideen, Vorschläge und unkonventionelles Denken von den meisten Entscheidern unter C:\Probleme\Papierkorb abgespeichert werden. Das Feedback ist allenfalls negativ, wenn es denn überhaupt kommt. Denn Ideen machen Probleme, Ideen fallen oft genug in andere Zuständigkeitsbereiche, und vor allem: Ideen bedeuten Risiko. Und wer will schon Risiko für seine Schäfchen? Auch ich möchte meinen Namen nicht in der Zeitung lesen.
Name ist der Redaktion bekannt
Heute – am Sonnabend – schlage ich gewohnheitsmäßig den Fernseh-Schnell-Überblick in der Hörzu auf, und will mal sehen, was mich unter »Info und Kultur« erwartet. Doch das gibt’s nicht mehr: Nur noch »Info und Natur«! Weggefallen ist auch die Spalte mit den Kindersendungen, dafür ist eine Rubrik »Serien« dazugekommen. Was für eine Bestätigung Ihres Artikels!
Ines Hauptmann, Großhansdorf
Ich habe in meiner jahrelangen Arbeit mit Redakteuren aus Radio und Fernsehen immer wieder einen höchst entlarvenden Satz gehört: »Mir gefällt das ja sehr gut, aber für die Leute draußen ist das zu hoch.« Entlarvend deshalb, weil dieser Satz von Redakteuren gesagt wird, die um keinen Deut anders oder gar besser sind als »die Leute da draußen«.
Redakteure, und vor allem Chefredakteure, stellen sich gerne über die anderen und meinen, das sie qua Amt schon gehobeneren Geistes seien. Ein Trugschluss ist auch der Glaube, »Bildungsauftrag« bedeute, für die »Gebildeten« zu senden. Es ist allein der Auftrag, Bildung anzubieten, ungeachtet, ob dieses Angebot von allen oder nur von manchen genutzt wird.
Ein Publikum lässt sich sehr wohl gerne bilden, wenn man es klug und ohne Dünkel angeht – leider lässt es sich auch verblöden, wie man an der Entwicklung sehen kann. Wenn man dem Publikum häufiger zutraute, ebenso zu denken und zu urteilen wie der »Herr« Chefredakteur, dann könnte es das mit der Zeit auch wieder. So aber gelten schon Angebote, die nichts weiter als »interessant« sind, für die Herren Kulturvermittler als sperrig und schwer, und das Publikum wird in einer Selffulfilling Prophecy zunehmend unwillig, sich auf Interessantes einzulassen.
Der Politik kann das nur recht sein. Sagte der Kaiser zum Papst: »Halte du sie dumm, ich halte sie arm!«
Sandra Kreisler, Wortfront, Berlin
Es tut gut, diese beherzte Kritik am deutschen Gebührenfernsehen zu lesen. Dazu fiel mir ein Erlebnis ein: Ich hatte einen ZDF-Film über die Arbeit von Anthropologen und DNA-Analytikern in Bosnien (Titel: Knochenarbeit), die die Toten identifiziert zu den Lebenden zurückbringen, so toll gefunden, dass ich die Redaktion und Macher beglückwünschen wollte. Die Antwort: Das sei zwar schön, aber der Film sei »durchgefallen«, zu einer solch guten Abendzeit erwarte man mindestens 9 Prozent Beteiligungsquote, die Sendung hatte aber nur – ich weiß nicht mehr genau: 6,4 Prozent (?).
Und zum Thema »Es wird nichts mehr riskiert!«: Die Cap Anamur ist nur auf das Südchinesische Meer gegangen und hat 11300 Menschen aus dem Wasser geholt, weil einmal, am 24. Juli 1979, ein Programmmacher mir sagte, ich sollte gleich live in der Sendung die Kontonummer sagen. Das war illegal, aber nötig. Und die Folge: 1,2 Millionen Mark auf einen Schlag.
Das war vor 30 Jahren – so etwas gibt es nicht mehr! Oder? (Bitte bei uns melden!)
Rupert Neudeck, Troisdorf Gründer des Komitees Cap Anamur
Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, warum sich die Leute aufregen, weil man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen angeblich seinen Bedarf an Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung nicht mehr decken könne. Tatsächlich ist das Angebot sehenswerter Sendungen pro Tag weit größer, als man konsumieren kann. Man muss sich nur der segensreichen Hilfe eines modernen Recorders bedienen, und schon kann man Umfang, Zeitpunkt und Inhalt seines täglichen TV-Konsums selbst bestimmen.
Allerdings: Jede Sendung müsste exakt zur ausgedruckten Zeit beginnen und nicht später, und die VPS-Codierungen müssten zuverlässig sein, denn sonst wird dem, der den Recorder benutzt, ein abruptes, verstümmeltes Ende der Sendung beschert.
Jürgen Törber, Essen
Speziell habe ich mich bei Herrn Belluts Aussage, ein anspruchsvolles Kinderprogramm im ZDF werde nicht akzeptiert, da das Kinderprogramm ja der Kinderkanal (Kika) mache, gefragt, ob er sich jemals die Mühe gemacht hat, das dort gezeigte Programm näher zu betrachten. Abgesehen von einigen wenigen Lichtblicken wie Logo werden dort vor allem billig produzierte Zeichentricksendungen mit langweiligen Storys präsentiert, die sich in der Qualität von den Sendungen der Privaten nicht unterscheiden. Das Programm ist so schlecht, dass mir, wenn ich Kinder haben werde (ich bin 23), die Anschaffung einer vernünftigen DVD-Sammlung mit Kinderfilmen und alten Serien als einzig sinnige Lösung erscheint.
Nora Kleen, Geesthacht
In der gezeigten Tabelle über die zehn meistgesehenen TV-Sendungen des Jahres 2007 erscheint viermal Wetten, daß…?. Seis drum! Dann folgt mit bis zu 16 Millionen Zuschauern dreimal (!) Boxen, eine »Sport«-Art, bei der es darauf ankommt, den Gegner so zuzurichten, dass sein Gleichgewichtsorgan versagt und er umfällt. Schließlich folgen Fußball (zweimal) und Handball (einmal) mit Bildern, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Das ist fast so schlimm wie bei der stundenlangen Übertragung von Biathlon, wo man ständig nur kaum voneinander zu unterscheidende Figuren auf eine Scheibe zielen und weiterrennen sieht. Angesichts eines derart anspruchslosen Publikums lohnt es sich doch nicht, dass die Fernsehanstalten überlegen, wie sie ihre Programme verbessern können.
Horst Krummhaar, per E-Mail
Der pauschalen Kritik an ARD und ZDF kann ich nicht zustimmen. So gibt es eine Vielzahl von zumeist digitalen Spartensendern der öffentlich-rechtlichen Anstalten wie zum Beispiel Eins Festival oder Phoenix, in denen es hoch konzentriertes Qualitätsfernsehen der ersten Güte zu bestaunen gibt, und dies auch noch zu akzeptablen Uhrzeiten. Bezeichnend ist allerdings, dass dafür in den Hauptkanälen offensichtlich kein Platz mehr ist. Die in ARD/ZDF vermehrt angebotene seichte Unterhaltung dürfte mehr Stammzuschauer verscheuchen als es neue, neutral gesprochen: »anders interessierte« anlocken kann.
Markus Burger, 21, München
Ich würde gerne auch den doppelten Betrag an Rundfunkgebühren bezahlen, wenn ich dafür eine adäquate Gegenleistung bekäme. Wie kann es sein, dass bei acht Milliarden Euro Budget tatsächlich der Jenfelder mein Programm bestimmt? Wie kann es sein, dass selbst in der letzten Enklave des Informationsfernsehens, nämlich bei Phoenix, fast jeden Abend Reise- und Eisbärdokus laufen? Ist da auch schon der Jenfelder am Werk? Liebe öffentlich-rechtliche Sender: Befreit Euch von der Quote und schmeißt den Jenfelder aus den Programmausschüssen!
Dr.-Ing. Andreas Zabel, Dortmund
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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