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"Vanity Fair" aus Berlin ist tot, es lebe "Love" aus London. Das dicke Magazin will mehr Realität wagen

Während der internationale Zeitschriftenverlag Condé Nast jüngst der deutschen Ausgabe von Vanity Fair nach zwei erfolglosen Jahren ein abruptes Ende bereitete und zu Hause in Amerika Magazine wie Men’s Vogue und Portfolio einstellte oder auf Schrumpfdiät setzte, wird in London trotz Weltwirtschaftskrise noch einmal geklotzt und nicht gekleckert: Love, anderthalb Kilo schwer, 334 Seiten dick, ein paar merkliche Millimeter größer als das gängige Hochglanz-Magazinformat, biegt seit ein paar Tagen die Kioskregale durch – und das mitten in der Werbeflaute.

Vom Niedergang ist im Debüt-Heft wenig zu spüren. "Waghalsig, nicht wahr?", fragte der britische Condé-Nast-Geschäftsführer Nicholas Coleridge im Interview mit der Sonntagszeitung The Observer und hatte Spaß daran.

Love, das europaweit für umgerechnet 5,60 Euro einmal im halben Jahr erscheint und damit jeder Schnelllebigkeit entsagt, hievt die sehr füllige, sehr nackte Sängerin Beth Ditto auf den pfefferminzgrünen Titel , eine "Ikone unserer Generation. Die Krise mache einen "reality check" notwendig, argumentiert Chefredakteurin Katie Grand in ihrem Editorial, und was sei realer als die Liebe? Und wer wollte in "imperfekten Zeiten" noch mit der "modernen Vorstellung von Perfektion" aus den guten Jahren behelligt werden? Zu lange seien doch jene Frauen, die als Vorbilder galten, "gebotoxt, geliftet, abgesaugt und eingefärbt" worden. Das Love- Titelmädchen Ditto dagegen sage die falschen Dinge, sehe nicht richtig gut aus und erinnere die Betrachter an die eigenen Unzulänglichkeiten.

Katie Grand gilt als schräge, aber massenkompatible Magazinmacherin . Sie zeigt selbst eine charmante Zahnlücke. Condé Nast war seit einiger Zeit hinter ihr her. Zunächst hatte man versucht, ihr im Jahre 2000 gegründetes Magazin Pop dem Konkurrenten Bauer abzukaufen. Als das misslang, warb man sie ab. Katie Grand gibt Condé Nast in der Krise eine Kante, um das junge Publikum aus der Virtualität des Netzes mit grobkörnigem Pathos in die Hochglanzwelt zu locken.

Aber die Kante, inspiriert von der in London nach wie vor sehr vitalen zines- Szene mit selbst gemachten Titeln wie Amelia’s Magazine oder Marmalade, ist bei Love doch ganz schön abgeschliffen. Umzingelt von traditionell beworbenen, sündhaft teuren Krokodilledertaschen, Designermode und Parfüms, verglimmt das Fünkchen Realitätsliebe ziemlich rasch. Hinten im Heft werden dann wieder die üblichen Verdächtigen angehimmelt, von der Rockstar-Tochter Pixie Geldof über die Sängerin Lily Allen bis hin zur unausweichlichen Kate Moss. 

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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    • Schlagworte Medien | Kate Moss | London | USA | Sänger | Berlin
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