Hilfe und Häme
Der Aufruhr um Bischof Williamson tritt in eine neue Phase: Jetzt wird innerkirchlich nachgekartet
Die katholischen Bischöfe in Deutschland erfreuen sich derzeit einer Beliebtheit, die ihnen nur bedingt recht sein kann. Bei ihrer Frühjahrsvollversammlung diese Woche in Hamburg sind mehr Kameras und Mikrofone auf sie gerichtet, als die mehrheitlich eher medienscheuen älteren Herren in vielen Jahren auf einem Haufen zu sehen bekamen. Doch nicht den wenig ehrenrührigen Teilen der Tagesordnung gilt die Aufmerksamkeit, etwa der Lage der katholischen Schulen im Land, sondern dem Umgang mit der fragwürdigen Gesellschaft der Pius-Brüder. Und was hierzu von der katholischen Kirche zu hören ist, ist weniger erfreulich, als es der erste Eindruck nahelegen könnte.
Zwei Schauplätze hat die Auseinandersetzung dieser Tage, hier das Edelhotel Elysee an der Hamburger Rothenbaumchaussee und dort die Gemächer des Vatikans. Während in Hamburg das Problem der letzten Tage ein Stimmengewirr war, ist es in Rom ein dröhnendes Schweigen. Redlich müht sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, den Schaden zu begrenzen, den die Rehabilitierung von vier Bischöfen der stramm antijudaistischen Abspaltung durch die Kirche in Rom verursacht hat. Er versucht, seinem Papst die Treue zu halten und doch die erneute Trennung von den Pius-Brüdern einzuklagen, die nicht nur wegen ihres Bischofs Williamson, der den Holocaust leugnet, eine zweifelhafte Vereinigung sind. So weit der erfreuliche Teil. Doch Zollitschs Botschaft wird fast übertönt vom beträchtlichen Lärmen, das einige konservative Bischöfe ausgelöst haben. Zwar erinnert die Konstellation an manchen Kampf, den schon sein Vorgänger Karl Kardinal Lehmann auszufechten hatte. Tatsächlich markieren die Auseinandersetzungen aber weit mehr: Die zweite Phase der Causa Williamson hat begonnen – jetzt wird innerkirchlich nachgekartet.
Da ist zum einen der inzwischen notorisch auf Krawall gebürstete Augsburger Bischof Walter Mixa, der zum Auftakt des Hamburger Treffens eine Neuauflage des Vergleichs von Abtreibung und Holocaust lancierte – nur um sich anschließend entsetzlich missverstanden zu fühlen. Für sich genommen, ist die Provokation, die auch der Kölner Kardinal Meisner schon austestete, so abgeschmackt, dass man sie am besten mit Beschweigen straft. Und natürlich ist auch Mixa kein Holocaust-Verharmloser. Doch im Nachgang zum Williamson-Streit steht zu befürchten, dass Mixa trotzigen Triumphalismus betreiben will: Was wir Holocaust nennen, bestimmen wir immer noch selbst. Der Regensburger Bischof Gerhard Müller wiederum, unlängst wegen seines reichlich gnädigen Umgangs mit einem pädophilen Seelsorger in der Kritik, will drei Theologen zur Rechenschaft ziehen, weil sie wegen des Pius-Streits eine vatikankritische Petition unterschrieben. Unseligerweise haben sich jetzt die übrigen bayerischen Bischöfe in Müllers Händel hineinziehen lassen. Und dann ist da der Angriff des deutschen Kurienkardinals Paul Josef Cordes auf den gesundheitlich gebeugten, aber innerlich standhaften Karl Lehmann. Weil Lehmann früh und klar die Fehler der Vatikanbürokraten benannt hat, wirft ihm sein Kardinalskollege jetzt de facto Verrat am Papst vor.
Warum aber treibt der Spinner Williamson die Kirche noch so um? Erst jetzt wird offenbar, wie tief die Fehler des Vatikans in der Angelegenheit gerade den romhörigsten Teil des Klerus verunsichert und verstört haben. Im Augenblick der Krise, des weltweiten wie eigenen Entsetzens über den Holocaust-Leugner konnten sie nicht anders, als in den Kanon der Kritik ihrer liberaleren Kollegen einzustimmen. Diese Allianz der Not ist ihnen heute fast peinlich, jedenfalls ist das Bedürfnis nach Distanz jetzt umso ausgeprägter. Zollitschs Stärke wird also auf lange Zeit nicht mehr so groß sein wie auf dem Höhepunkt der Konfrontation mit den Pius-Brüdern.
Leicht verfrüht hat damit die Kirche ihre Post-Williamson-Phase eingeleitet. In der Sache nämlich, daran muss man nach Wochen des Mediengetrommels erinnern, hat sich bisher nichts verändert. Entgegen den Forderungen Vieler innerhalb und außerhalb der Kirche hat der Papst bisher seine Annäherung an die vier Bischöfe, und also auch an Williamson, nicht zurückgenommen. Erzbischof Zollitsch hat jetzt eine erneute Exkommunikation der Pius-Bischöfe ins Gespräch gebracht, aus dem Vatikan dagegen fehlen derartige Signale bisher. Stattdessen hat ein unwürdiges Feilschen der Kurie mit Williamson um den Grad seiner selbst deklarierten Entschuldigung begonnen. So trägt das beredte Schweigen aus Rom in Deutschland dazu bei, dass die falschen Bischöfe laut werden und die richtigen leiser.
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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