Mode Die perfekte beste Freundin

Anna von Griesheim kleidet die Berliner Medien- und Politik-Elite ein, jedenfalls den weiblichen Teil. Ihre Kleider sieht sie gerne auf dem roten Teppich – sich selbst eher nicht

Pariser Straße in Berlin-Wilmersdorf. Es ist Februar. In einem schulterfreien Kleid tritt Anna von Griesheim aus der Tür. Kein Mantel, offene Schuhe. Der Fahrer wartet schon, öffnet die Tür der Limousine. Sie hat sich verspätet, bittet um Entschuldigung: »Ich komme gerade erst aus dem Atelier. Es gab so viele Anproben heute!« Zehn Minuten hatte sie zum Fertigmachen, fingert noch an ihren Ohrringen; draußen rauscht das abendliche Berlin vorbei. In der Limousine ist es ruhig, nur Anna von Griesheims angenehm dunkle Stimme ist zu hören. Sie erzählt von den kleinen Pannen der Vorbereitung des Abends. Die Ohrringe schließen immer noch nicht richtig, und ihre mit Strasssteinen besetzten High Heels verfangen sich in dem erst vor einer Stunde fertiggestellten Kleid. Sie hat vorher nicht richtig »geplant«. Ihre Kundinnen gingen vor.

Doch jetzt muss sie sich selbst präsentieren, auf dem roten Berlinale-Teppich von Cinema for Peace neben Prominenten wie Diane Kruger, Michail Gorbatschow und Leonardo DiCaprio. »Leicht fällt mir das nicht… Ich bin keine Schauspielerin. Die Bilder können hinterher so schrecklich aussehen, aber wie ein Model Posen zu machen ist auch nicht mein Stil.« Der Fahrer biegt um die Ecke, das hell erleuchtete Konzerthaus liegt vor ihr. Die Wagentüren öffnen sich, und alle Augen – die der wartenden Schaulustigen wie die der Fotografen – sind auf von Griesheim gerichtet. Zusammen mit ihrem Mann und Tamara Gräfin von Nayhauß tritt sie auf den roten Teppich. »Anna, Anna – Tamara, Tamara!«, schlägt es ihnen entgegen. Die Fotografen überbieten sich im lauten Rufen, um das richtige Foto zu schießen.

Ein »mädchenhaftes Detail« bricht das Bild des klassischen Blazers

Einen Tag später. Ihr Laden in der Pariser Straße 44. Im Schaufenster steht das mattpinkfarbene Kleid, das sie am Abend zuvor trug. Anna von Griesheim ist auch heute elegant gekleidet. Sie trägt eine weiße Bluse mit gewickeltem cremefarbenem Cardigan und langer Kette, einen rötlich schimmernden Rock und Stiefel im Reiterstil. Und die Einrichtung ihres Geschäfts unterstreicht den Eindruck. Es ist ganz in Weiß und sanften Cremetönen gehalten. Hohe Decken, große Spiegel, ein eleganter Ankleideraum. Für die Gestaltung erhielt von Griesheim 2006 eine Auszeichnung des Deutschen Designer Clubs. Ihre Mode ist ähnlich gradlinig und hat doch immer etwas Besonderes. Sie zeigt auf die Bluse mit den extralangen Manschetten, die sie trägt – eines ihrer Markenzeichen –, die gewickelten Kleider, verweist schließlich auf ein mit schwarzer Spitze überzogenes nudefarbenes Kleid mit einem einzelnen Spitzenträger. Wieder mehr »Weiblichkeit« in die Mode zu bringen, so nennt sie das, für Frauen, die sich in der Öffentlichkeit präsentieren und auch in Männerdomänen behaupten müssen. Oft ist es nur ein kleines, wie sie sagt, »mädchenhaftes« Detail, das das Bild des klassischen Blazers bricht.

Die Wahlberlinerin Anna von Griesheim gehört zu den derzeit in Modekreisen bekanntesten deutschen Designerinnen. Die Modelle, die sie entwirft, von zarten Abendroben bis zu schlichten Businesskostümen, sieht man auf großen politischen und glamourösen Bühnen, später dann in Hochglanzmagazinen wie Gala, Bunte und InStyle. Von Griesheim entwirft für eine Generation gesellschaftlich und beruflich erfolgreicher Frauen und steht damit in einer Tradition heute fast vergessener namhafter Berliner Couturiers der sechziger und siebziger Jahre wie Hermann Schwichtenberg, Uli Richter oder Detlev Albers. Auch diese kleideten – ein paar Straßen weiter – Damen der Gesellschaft, damals jedoch waren es oft noch »Gattinnen«, wie Rut Brandt, Ignes Ponto, Ebelin Bucerius, keine Mächtigen qua Amt und Posten. Die Entwürfe prägten im vergangenen Jahrhundert das gesellschaftliche Bild der Bundesrepublik und standen für die letzte Hochphase der Berliner Couture, die in den achtziger Jahren endete.

Anna von Griesheim, 1966 in München geboren, ist eine der ersten Designerinnen, denen heute eine ähnliche Stellung zukommt, weil sie große Teile der Berliner Medien- und Politik-Elite kleidet: Angela Merkel, Renate Künast, Friede Springer, Maybrit Illner, Sandra Maischberger, Marietta Slomka, Mareile Höppner, Carola Ferstl, Sabine Christiansen, Anja und Gerit Kling und Andrea Sawatzki.

Ihrer Lehrmeisterin würde das gefallen. Ihre ersten wichtigen Stücke entwarf von Griesheim im renommierten Haute-Couture-Salon Topell in Wiesbaden. Elise Topell war in den dreißiger und vierziger Jahren eine der namhaftesten Berliner Modedesignerinnen mit eigenem Haus am Hausvogteiplatz. Mit Beginn der Berlin-Blockade 1948 siedelte sie nach Wiesbaden um, wobei sie von einer ihrer ersten wichtigen Nachkriegskundinnen, Marjorie Clay, der Frau des Militärgouverneurs und Organisators der Berliner Luftbrücke Lucius D. Clay, unterstützt wurde.

Gesellschaftliche Kontakte, Freundschaften und Netzwerke sind auch das Geheimnis Anna von Griesheims. Sie macht keine Werbung, sie wird empfohlen. Viele ihrer Kundinnen werden über die Jahre zu Freundinnen, finden in ihr die perfekte Beraterin in Kleidungsfragen. Wie die Schauspielerin Gerit Kling. Lachend erzählt Kling von den Journalisten, die sie bei Veranstaltungen nur noch fragen: »Und, trägst du wieder Anna?« Für Galas verleiht von Griesheim, wie in der Branche üblich, opulente Abendroben, doch auch die Tagesgarderobe von Anja und Gerit Kling besteht »zu 50 Prozent aus Griesheim«. Sie schätzen die »Feminität ihrer Kleider«, die trotzdem bequem seien »und immer elegant«.

Das Besondere an von Griesheims Kleidern ist der schräg zum eigentlichen Fadenlauf angelegte Schnitt und dass alle Modelle am Körper entworfen werden. Gerit Kling zeigt es an ihrem Abendkleid: Ihre schmal geschnittene, elegant-lilafarbene Robe mit weich fallendem Kragen ist wunderbar dehnbar, gibt jeder Bewegung nach. »Ich muss sitzen, essen und trotzdem gut aussehen! Da sind Annas Kleider perfekt.« Sie zieht am Stoff ihres Kleides, dann lässt sie ihn los, und er gleitet in die schmale Silhouette zurück. Als sie sich umdreht, schwingt das Kleid leicht aus, und man sieht, dass es eigentlich aus zweien besteht, einem glänzenden Unterkleid und einem matten, hauchzarten Kleid darüber.

Draußen vor Anna von Griesheims Laden regnet es. Sie hakt sich wie selbstverständlich ein, um unter einem Schirm ein paar Straßen weiter zum Hotel Bleibtreu zu gehen. Hier ist sie Stammgast, es gibt sogar ein »Huhn à la Anna«, nach ihr benannt. Überall wird sie freudig begrüßt. Von den anderen Tischen schaut man auf. Sie hat etwas, das Männer wie Frauen fasziniert. Sie glaubt, es transportiere sich über ihre Kleidung, dass »ich Frauen halt gerne mag! Ich empfinde andere Frauen nicht als Konkurrenz.« Sie ist tatsächlich eine angenehme Gesprächspartnerin. Eigentlich die perfekte beste Freundin: klug, schön und aufmerksam, und sie kann, wenn es sein muss, über Nacht auch noch das perfekte Kleid schneidern!

Als die Moderatorin Tamara Gräfin von Nayhauß vor vier Jahren das perfekte Brautkleid suchte, wandte sie sich, überfordert ob der klassischen Schleier und Rüschen in der Brautmode, an Anna von Griesheim. Von Nayhauß bekam ihr schlichtes und dennoch elegantes Brautkleid mit hochgeschlossenem Spitzenoberteil – und gewann eine Freundin. Heute ist von Griesheim Patentante von von Nayhauß’ Sohn Maximilian. Patenonkel ist der frisch gekürte Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Man kennt sich.

Fotos in der »Bunten« oder »Gala« sind die beste Werbung

Doch es gibt auch Kundinnen, die sich an der offenherzigen Art von Griesheims stören. Angela Merkel scheint so jemand zu sein. Die Kanzlerin spricht nicht gern über Kleidung. Wer es an ihrer Stelle tut – und von Griesheim wurde fortwährend auf Merkel angesprochen –, wird abgemahnt. Von Griesheim äußert sich nun nicht mehr über die Kanzlerin. »Kein Kommentar.« Von Griesheim hat, wie sie dann doch sagt, einiges dazulernen müssen. Ihren Platz hat nun die Hanseatin Bettina Schoenbach eingenommen. Im Magazin stern war zu lesen, diese »herrsche« nun über Merkels Kleiderschrank. Dennoch sehen wir Merkel noch in von Griesheim. Wie es so schön aus dem Kanzleramt heißt: in »Neuarrangements« alter Stücke.

Nach ihrer Ausbildung bei Topell zog von Griesheim 1989 nach Berlin. Dort arbeitete sie zunächst als Praktikantin bei der Designerin Brigitte Haarke, bevor sie eine einjährige Schnittausbildung an einer privaten Modeschule absolvierte. Es folgte eine erste kleine Kollektion mit 15 eleganten Teilen. 1991 eröffnete sie dann – mit gerade einmal 25 Jahren und einem Bankkredit – ihren eigenen Salon mit Atelier in der Pariser Straße 44. Neun Mitarbeiter beschäftigt sie dort. Acht Frauen, einen Mann. Im gleich über dem Laden liegenden Atelier wird entworfen, zugeschnitten und gefertigt. Eine kleine Personengesellschaft, der es wichtig ist, »klassische Verarbeitungstechniken hochzuhalten«. Wie viel sie mit ihrem Betrieb umsetzt, will Anna von Griesheim nicht preisgeben. So bleibt nur ein Vergleich: Das Magazin Klar-Text, ein Informationsdienst der Branche, nennt für das ähnlich große Unternehmen der Mainzer Modedesignerin Anja Gockel einen jährlichen Umsatz von rund einer Million Euro. In besonders guten Jahren waren es auch schon zwei Millionen Euro.

War die Bekleidungsindustrie im 19. und frühen 20. Jahrhundert und noch bis zum Mauerbau 1961 der zweit- beziehungsweise drittwichtigste Wirtschaftszweig Berlins, spielt sie heute, trotz massiver Versuche der Wirtschaftsförderer, Berlin wieder zu einem bedeutenden Modestandort zu machen, bislang eine unbedeutende Rolle. »Für das große Geschäft hat Berlin keine Bedeutung«, sagt Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer des Modeverbandes German Fashion. Doch »was Kreativität und die Designer betrifft«, sei Berlin die Nummer eins.

Auf der Fashion Week Berlin im Januar, der großen Modewoche nach dem Vorbild von Paris und New York, ist von Griesheim nicht vertreten gewesen. »Vielleicht beim nächsten Mal. Mit einem passenden Sponsor.« Große Modeschauen sind kostspielig. Rote Teppiche hingegen kostenlos. Die Benefizgala Cinema for Peace während der Berlinale war so eine perfekte Mischung aus Society, Charity, Film und Mode. Die Karte für den Abend kostet mehr als 1000 Euro. Doch BMW hat von Griesheim eingeladen. Chauffeur, roter Teppich und Medieninteresse inbegriffen. Nach einer Veröffentlichung ihrer Kreationen in der Bunten oder Gala erreichen von Griesheim zahlreiche Anfragen. Ein Selbstläufer.

Gilt das auch noch in der Finanzkrise? Immerhin spart auch die Glamourindustrie. Galas und Veranstaltungen, wie etwa die Verleihung der Goldenen Kamera, werden abgesagt. »Erstaunlicherweise war der Januar ein guter Monat. Ich habe das Gefühl, die Leute sparen eher an der hundertsten Gucci-Tasche und legen Wert auf Qualität und Nachhaltigkeit«, so von Griesheim. Ein Abendkleid von ihr kostet nur einen Bruchteil dessen, was ein Couture-Kleid aus Paris kostet, von 1000 Euro aufwärts. Dennoch ist es individuell und maßgeschneidert, und: Von Griesheim kennt jede ihrer Kundinnen persönlich. Jedenfalls noch.

Bei der Erfolgsgeschichte ihrer Mode und der öffentlichen Wirkung von Griesheims wird sie oft gefragt, ob sie ihr Unternehmen nicht vergrößern wolle. Mit finanzieller Unterstützung eines Konzerns könnte sie zu den ganz Großen aufsteigen. Sie weiß um ihre Chance, doch sie zögert. Sie möchte keine unnahbare Design-Ikone sein, sondern eine Beraterin, eine Freundin, und sich keinem »industriellen Korsett unterwerfen«. Andererseits sagt sie auch, sie warte auf die richtigen Partner. Dann könne sie sich durchaus vorstellen, Schuhe oder ein hochwertiges Parfum zu entwickeln, einen Duft, der zu ihr passe, keinen bloßen Umsatzbringer. »Die Dinge begegnen mir, ich suche sie nicht so zwingend…« Es scheint eine Charakterfrage zu sein. Nach der Zukunft ihres Unternehmens gefragt, lehnt sie sich zurück, zieht die Stirn in Falten und sagt ganz berlinerisch: »Ick weeß et ooch nich!« Dann lacht sie: »Ich weiß noch nicht wirklich, wo das Glück hängt. Aber ich möchte dringend dahin gehen, wo das Glück hängt.«

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