Gefährlicher Hunger
Andrew Natsios und Kelly Doley untersuchen, was geschieht, wenn bezahlbare Nahrung knapp wird
Über all den Ängsten um die eine, die Krise der Weltwirtschaft, ist die andere um den rapiden Preisanstieg der Nahrungsmittel, die noch vor einem halben Jahr die Gemüter aufwühlte, fast vergessen. Ohne Grund: Denn zwar sind die Preise etwas gefallen, befinden sich jedoch immer noch auf so hohem Niveau, dass viele in den armen Teilen der Welt hungern müssen. Und die Wirtschaftskrise wird das Ihre dazu beitragen.
Aus dieser Verbindung, so Andrew Natsios und Kelly Doley von der Georgetown University in Washington, entsteht nicht nur weiteres Elend, sondern erwachsen auch Sicherheitsgefahren für die Staatenwelt. Ihr Aufsatz The Coming Food Coups – künftige Hunger-Umstürze – in der Januarausgabe des Washington Quaterly warnt: »Wenn die globale Wirtschaftslage sich nicht wesentlich verbessert und in armen Ländern ohne soziale Sicherheitsnetze die Arbeitslosigkeit steigt, dann könnte das gleichzeitige Zusammenwirken von hohen Urbanisierungsraten, hohen Nahrungsmittelpreisen und verbreiteter Arbeitslosigkeit fatale Folgen haben.«
Wenn bezahlbare Nahrung knapp wird, wandern junge Männer aus und verdingen sich in den Milizen von Warlords, wie im Irak oder in Afghanistan geschehen. Die Kriminalitätsrate schwillt an, wie in Nordkorea oder Somalia. Die meisten Aufstände, die Afrika im Frühjahr 2008 erlebte, brachen nicht auf dem isolierten Lande aus, sondern in den Städten, in denen die Nahrungsmittelpreise von den dramatischen Steigerungen auf dem Weltmarkt bestimmt waren.
Dabei sind, stellen die Autoren fest, die politischen Konsequenzen des Hungers weitgehend abhängig vom politischen System. Demokratien kennen keine Hungersnöte, offenbar weil die Politik sich den Wählern stellen muss und die demokratischen Institutionen das »Recht auf Überleben« sichern. In Indien hat es trotz der Armut großer Bevölkerungsteile seit der Unabhängigkeit keine solchen Krisen mehr gegeben.
Totalitäre Systeme können zwar Hungersnöte nicht ausschließen, nehmen sie häufig sogar bewusst in Kauf, aber sie können deren politische Wirkungen unterdrücken. Stalin, Mao, die Roten Khmer, Kim Jong Il in Nordkorea blieben unangefochten an der Macht, während Millionen ihrer Bürger verendeten. Allerdings zeigen die intensiven Geheimhaltungsbemühungen in jedem dieser Fälle, dass Diktatoren zumindest nervös werden können. Natsios und Doley vermuten sogar, dass hinter dem jüngsten aggressiven Gebahren Nordkoreas die Sorge vor einer neuen großen Hungersnot steht. Von 2007 auf 2008 stiegen die Nahrungspreise dort um das dreifache.
Am anfälligsten für die Doppelkrise von teurer Nahrung und wirtschaftlicher Rezession sind fragile, autoritär geführte Staaten, die weder über die Unterdrückungsmacht von Diktaturen noch die Kontrollmechanismen von Demokratien verfügen. Sie »stellen zurzeit die größte Herausforderung für Politik und regionale Sicherheit dar«. Von den 30 Ländern, die das UN-Welternährungsprogramm zu den am schwersten von Nahrungsmittelkrisen getroffenen zählt, gehören die meisten in diese Kategorie, 14 davon liegen allein in Afrika.
Was also tun? Die Autoren empfehlen Geber- wie Entwicklungsländern ein vierfaches Vorgehen, eng koordiniert mit Weltbank und anderen UN-Einrichtungen. Erstens sollten Entwicklungsgelder für die schwachen Staaten in Projekte fließen, welche die landwirtschaftliche Produktivität steigern. Zweitens müsste das internationale Netz humanitärer Hilfe verbessert werden, um schneller und besser auf Preisexplosionen reagieren zu können; dazu gehören auch große Impfprogramme für Kinder unter fünf, die in Hungersnöten besonders durch tödliche Krankheiten bedroht sind. Drittens sind direkte Marktinterventionen, etwa örtliche Versteigerungen oder Geldzuwendungen, an bedürftige Familien zu erwägen, wie in Mosambik und Äthiopien erfolgreich erprobt. Schließlich müssten die großzügigen Subventionen zur Umwandlung von Getreide in Bio-Treibstoff sofort eingestellt werden; allein der Preis für Mais würde damit um ein Fünftel, der für Getreide um ein Zehntel verringert.
Natürlich sollten die Geberländer schon aus humanitären und ethischen Gründen so handeln. Sie dürften aber, so die Kernthese des Aufsatzes, die möglichen Konsequenzen von Hungersnöten in den armen Staaten schon wegen deren sicherheitspolitischen Folgen nicht ignorieren. Vielleicht wird der Appell an den Eigennutz der Reichen fruchten, um den Armen besser beizustehen. Christoph Bertram
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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