Nahost Zarte Bruderliebe

Nach dem Gazakrieg kommen sich Fatah und Hamas wieder näher. Das Wohlwollen des Westens ist ihnen dabei gewiss

Ramallah/Bethlehem - Präsident – so ein Posten klingt auch unter Palästinensern nach Macht und Kraft. Aber das gilt hier nur bis zur nächsten Straßensperre. Wenn Machmud Abbas sein Land bereisen möchte, ist er auf israelische Passierscheine angewiesen. Sein Amtssitz ist in Ramallah – gleich am Stadtausgang unterhält die israelische Armee eine große Kaserne. Der Norden des Westjordanlands liegt versperrt hinter Checkpoints und verbotenen Straßen. Südlich von Ramallah erstreckt sich Jerusalem, das die Palästinenser als ihre Hauptstadt ansehen. Mauern und Wachtürme trennen die benachbarten Städte voneinander. Viel Bewegungsfreiheit hat Machmud Abbas also nicht. Ins zerstörte Gaza ist er während des ganzen Krieges nicht gefahren. Da liegt derzeit sein größtes Problem.

Immerhin fuhr der Präsident nun in den ägyptischen Badeort Scharm al-Scheich. Dort trafen sich zu Wochenbeginn Saudi-Arabien und die USA mit siebzig weiteren Staaten, um über drei Milliarden Euro für Palästina und den Wiederaufbau des Gaza-Sreifens zu sprechen. Nur wie ausgeben? Präsident Abbas, Liebling des Westens, soll das Geld verteilen, obgleich er in Gaza kaum Zugang hat. Die islamistische Hamas soll leer ausgehen, war in Scharm al-Scheich nicht eingeladen, sitzt aber in Gaza an den Schalthebeln. So widersprüchlich ist das Bild der Palästinenser. Als die US-Außenministerin Hillary Clinton in dieser Woche die Region bereiste, war sie stets mit der Frage konfrontiert: Hat Abbas noch die Macht in Palästina? Und wer kann Vereinbarungen am Ende durchsetzen?

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Wie es um den Präsidenten steht, erfährt man schnell in der Innenstadt von Ramallah. In jedem Kaffeehaus hängen Bilder des verstorbenen Jassir Arafat, aber kaum welche vom lebenden Präsidenten Abbas. Im Café de la Tour ist die Luft dick vom Wasserpfeifentabak, Kardamomkaffee und Zorn über den Herrscher der Stadt. »Israel hat Arafat vergiftet und Abbas als Agenten eingesetzt«, behauptet einer über den Präsidenten. Die palästinensische Autonomiebehörde habe nichts für die Menschen, sondern nur für ihr persönliches Wohlergehen erreicht, sagt der Zweite am Tisch. »Abbas hat sich ständig mit Bush getroffen, aber außer dessen Hand nie was Greifbares bekommen«, sagt der Dritte. Dann lachen alle.

Von dem Café geht man keine Viertelstunde über winterspröde Betonpisten in die Außenbezirke der Stadt, zum Büro von Qaddura Fares. Seine Meinung zählt bei Fatah, der säkularen Partei Arafats, der heute Machmud Abbas vorsteht. Der 46-jährige Fares war Mitglied des palästinensischen Quasiparlaments, er saß 14 Jahre lang in israelischen Gefängnissen. Seinem Urteilsvermögen hat das nicht geschadet. Im Gazakrieg im Januar erregte er Aufsehen, weil er als erster Fatah-Politiker offene Kritik an Abbas’ Politik übte. Für die Besucher wiederholt er das gern noch mal: »Abbas hätte im Krieg den Streit mit Hamas vergessen und Solidarität mit Gaza zeigen sollen.« Er habe viel zu spät reagiert. So habe die islamistische Partei ihre Geschichte vom heldenhaften Widerstand allein schreiben können. Fares spricht für viele bei Fatah. Sie sehen Abbas als Verlierer des Krieges.

Hier scheitert die Strategie Israels und die des Westens gleich mit. Vereinfacht lautet sie so: Wir bauen im Westjordanland blühende Landschaften, feiern Abbas als Helden der palästinensischen Wiedergeburt und beweisen so das Versagen der Islamisten in Gaza. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Die Stadt Bethlehem zum Beispiel liegt im Schatten einer Sperranlage, die die Israelis den Zaun und die Palästinenser die Mauer nennen. Hier trennt die acht Meter hohe Betonwand ehemals palästinensische Weiden und eine neue jüdische Siedlung aufseiten Israels von einem stickigen Flüchtlingslager der eng bebauten Altstadt samt der Geburtskirche Christi auf palästinensischer Seite. Im neuen Grenzgebiet stand eine Möbelfabrik, in der bis vor wenigen Jahren 200 Palästinenser arbeiteten. Jetzt ist die Fabrik leer, der ehemalige Besitzer lebt in den USA. Sicherheit schlug Wirtschaft, das ist keine Ausnahme. Alles, was ins Westjordanland geht, muss über israelische Checkpoints. Nördlich von Nablus steht eine Metallfabrik still. Ihre Rohstoffe gelten als Dual-Use-Waren, könnten also auch für Waffenproduktion eingesetzt werden. Vor Kurzem blockierten israelische Behörden auch die Einfuhr von Nudeln und Tomatenmark. Sicher ist sicher.

Hilft also alles, was im Westjordanland schiefgeht, gleich Hamas? Hören wir zwei Ansichten, eine von Fatah und eine von Hamas. Dschihad Abu Snaid steht Präsident Abbas nahe. Die 41-jährige palästinensische Fatah-Abgeordnete ist ein Kraftwerk auf zwei Beinen. »Boykottiert nicht Hamas!«, warnt sie den Westen. »Das schadet am Ende nur Abbas und nützt Hamas.« In den Ruinen von Gaza zweifelten viele längst an der Weisheit der Islamisten, meint Abu Snaid. Die Blockade aber liefere Hamas weitere Ausreden. Zugelegt habe sie im Krieg vor allem im Westjordanland. Das glaubt auch Omar, ein Hamas-Anhänger, der seinen wirklichen Namen nicht nennen will. Er wähnt seine Partei im Aufwind. »Abbas hat sich selbst das Handwerk gelegt«, freut er sich. »Durch Korruption und Kollaboration mit Israel.« Bei den nächsten Wahlen werde Hamas Fatah von der politischen Landkarte fegen. Wenn die Wahlen denn kommen, sagt er.

Leser-Kommentare
  1. ... wenn Marwan Barghuti nicht ausgetauscht wird.

    Toll geschrieben!

    Sind die besetzten Gebiete eigentlich ein Bundesland innerhalb Iraels??? Ein Staat der eigentlich kein Staat ist hat einen Präsidenten? Also wer sich ans Absurde gewöhnt, findet sich da wahrscheinlich mit all diesen Checkpoints gut zurecht. Die Klärung über den eigentlichen Status wäre vor allem für die Palästineser eine gute Sache, egal wer ihr "President" werden würde.

    time is natures way to prevent things from taking place all @ once...

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