In den Nachrichten entschuldigen sich jetzt jeden Abend die Bankenmanager beim Volk. Die Reisebüros bieten fünftägige "Anti-Depressions-Bustouren" ins benachbarte Ausland an. Ein Manager hat angekündigt, sich ein Gewehr zu kaufen, um sich und seine Familie zu schützen. In den hippen Restaurants im Bankenviertel gibt es den "Krisen-Burger", mit einer halben Portion Speck und extra wenig Käse. Die Aura des Erfolges hat sich verflüchtigt, das Geld schon länger. Es riecht jetzt nach Fritten.

Willkommen in Musterland! Musterland liegt in Europa, es ist EU-Mitglied. In Musterland stehen mehrere große Banken vor dem Ruin – und zahllose Unternehmen. Wahlen sind angesetzt.

In Musterland gibt es jetzt Krisen-Burger wie in Dublin, bewaffnete Bankmanager wie in London, Angst wie überall. Die Zustände und die Ereignisse in Musterland sind zwar fiktiv, sie basieren jedoch auf Tatsachen anderswo. Musterland ist nicht Deutschland, nicht Irland, nicht Ungarn und nicht Großbritannien. Was in Musterland passiert, könnte aber auch hier und dort passieren. In Musterland kann man Weggabelungen erkennen, Haltemarken sehen. In Musterland kann man erfahren, was es heißt, wenn Sicherungsnetze reißen. Wenn die Politik versagt. Und was es bedeutet, wenn ein Land kippt.

Der Staat ist in Musterland zum entscheidenden ökonomischen Akteur geworden. Nicht weil er wollte: weil er musste. Er hat Milliarden in die Banken gesteckt, Milliarden in Konjunkturprogramme, Milliarden direkt in Unternehmen. Der Staat will retten – und stürzt sich in immer höhere Schulden. Auf das Zehnfache der jährlichen Wirtschaftsleistung beläuft sich die Bilanzsumme der Banken. Wie in Irland. Die Experten der Regierung sind sich einig: Wenn man die Banken pleitegehen lässt, bricht die gesamte Wirtschaft zusammen.

Also retten. Das kostet Geld. Ein Vielfaches des jährlichen Staatshaushalts. Anfangs hofft man noch, dass es gut angelegtes Geld ist. Dass die Wirtschaft wieder in Fahrt kommt, die Einkommen steigen und die Schuldenlast dadurch erträglicher wird. Dass das Land aus seinen Schulden herauswachsen kann.

Doch es kommt anders. Die Finanzmärkte reagieren nervös auf die Nachricht von der Bankenrettung. Musterland hatte bislang einen tadellosen Ruf. Es konnte problemlos den Kapitalmarkt anzapfen – die Investoren konnten ja sicher sein, ihr Geld zurückzubekommen. Bei den Rating-Agenturen, den globalen Bonitätswächtern, hatte Musterland stets die Bestnote AAA. Die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls lag bei nahezu null. Das ist jetzt anders. Die Agenturen stufen Musterland herab. Die Investoren machen plötzlich einen Bogen um die bislang so beliebten Staatspapiere. Die Krise trifft zwar alle Staaten. Doch noch gibt es Länder, die als sicherer gelten. Und die ersten Analysten raten den Anlegern bereits, überhaupt kein Geld mehr an Staaten zu verleihen. Sondern Gold zu kaufen.

Wenn die Investoren fliehen, werden sie als "Spekulanten" beschimpft

Musterlands Schuldentitel werden wöchentlich im Rahmen einer Auktion angeboten, zu den Käufern gehören Banken, Pensionsfonds, Privatinvestoren. Es ist auch das Geld der Sparer, das auf dem Spiel steht. Die letzte Auktion wird mangels Bieterinteresse verschoben. Musterland geht das Geld aus.

Dabei muss nicht nur das Bankenrettungspaket finanziert werden. Der Staat hat sich viele Hundert Milliarden Dollar geliehen, ein Großteil davon im Ausland. Jedes Jahr werden Kredite fällig, die verlängert werden müssen. Jedes Jahr muss Musterland die Kapitalmärkte davon überzeugen, dass es sich rechnet, ihm Geld zu geben.