Transatlantische Beziehungen Wir Abhängigen

Unser Verhältnis zu den USA ist neurotisch. Wie Halbwüchsige starren wir auf die väterliche Supermacht. Höchste Zeit für die Europäer, erwachsen zu werden und sich als gleichberechtigte Partner zu betrachten

Trotz vieler Unterschiede verbinden Europa und Amerika geteilte politische Ideale

Trotz vieler Unterschiede verbinden Europa und Amerika geteilte politische Ideale

Die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hat eine Idee wiederbelebt, die die meisten Menschen im Laufe der vergangenen acht Jahre schon begraben hatten: die Idee, Amerika sei ein Ort der Hoffnung, an dem Dinge möglich sind, von denen die Menschen in anderen Ländern nur träumen können. Bis heute wäre es in Europa nur schwer vorstellbar, dass hier ein junger Mann mit einem schwarzen Vater ins höchste Amt des Staates gewählt würde. Doch der amerikanische Präsident ist mehr als nur ein Politiker. Alle vier Jahre findet in Amerika die Salbung eines neuen Königs statt, nun war es die eines halb afrikanischen Königs.

Natürlich wurde dieses Ereignis in Afrika und unter den schwarzen Einwanderern in Europa enthusiastisch gefeiert, nicht weniger allerdings von vielen weißen Europäern, die den amerikanischen Traum eigentlich schon abgeschrieben hatten. Manche beobachteten die diversen Katastrophen der US-Außen- und Wirtschaftspolitik mit Schadenfreude, andere wiederum mit Bedauern, gar mit ängstlicher Sorge. Was sollte ohne die Macht und die moralische Autorität der größten westlichen Demokratie aus der angeschlagenen westlichen Welt werden? Und würden diejenigen, die sich über die Missgeschicke des Giganten freuen, wirklich lieber von anderen Großmächten herumkommandiert, zum Beispiel von China oder Russland?

Ich glaube nicht. Aus diesem Grund wurde Barack Obama auch mit so großer Erleichterung empfangen, ja mit mehr als Erleichterung, mit Verherrlichung. Als sei Obama nicht nur ein Politiker, nicht nur ein amerikanischer Monarch, sondern eine Art Erlöser.

Das ist zugleich beunruhigend. Zu viele Erwartungen lasten auf den jungen Schultern des neu gewählten Präsidenten. Es offenbart auch den neurotischen Charakter unserer Abhängigkeit von der Großmacht Amerika. Was diejenigen, die zu viel Hoffnung auf Amerika setzen, mit den Feinden Amerikas verbindet, ist ein Glaube an die amerikanische Allmacht. Amerikas Feinde sehen hinter jedem weltpolitischen Ereignis gern die dunklen Machenschaften der CIA. Für sie sind wir alle nur Figuren, die von sinistren Großmeistern in Arlington, Virginia, auf einem gigantischen Schachbrett herumgeschoben werden.

Doch die Wirklichkeit ist viel banaler. Die Politik der USA wird in großem Maße von widerstreitenden innenpolitischen Interessen geprägt, von Berufslobbyisten und Provinzpolitikern gestaltet und von schwerfälligen Bürokraten, die zum Teil nur recht vage Vorstellungen von der Außenwelt haben, ausgeführt. Neurotisch aber ist Europas Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten aus anderen Gründen. Nach 1945 träumten die Europäer ihren eigenen Traum von einer besseren Welt, in der es keine Machtpolitik, dafür aber uneingeschränkte Diplomatie und vernünftige Lösungen für unvernünftige Konflikte gäbe. Und dieser Traum trug auf europäischem Boden durchaus Früchte: keine weiteren Kriege in Westeuropa, die Aufnahme zahlreicher neuer Staaten in die EU und so weiter.

Ein wirklich schöner Traum, doch konnten wir uns diesen Traum nur leisten, solange die amerikanische Militärmacht für unsere, für die europäische Sicherheit garantierte. Wir träumten süß von der Zukunft unter Uncle Sams atomarem Schutzschild. Und als die gewaltsamen Konflikte vor unserer Haustür – etwa in Serbien – unseren Nachkriegsschlaf störten, warteten wir Europäer ab, bis die Amerikaner kamen, um unsere Probleme mit ihrer überwältigenden Militärmacht zu lösen.

Was an diesem Verhältnis neurotisch ist? Weil wir wie Halbwüchsige auf eine väterliche Macht angewiesen sind, die uns doch zugleich abstößt. Dieser Widerwille wurde unter der Regierung von George W. Bush so stark, dass einige Europäer bereits über alternative Lösungen nachzudenken begannen, die eine größere Unabhängigkeit ihres Kontinents erfordern würden. Die Wahl Obamas nun droht die lieb gewonnenen Erinnerungen an die Berliner Luftbrücke und an John F. Kennedy aufleben zu lassen – und damit alle wieder sanft in den Schlaf zurückzuwiegen.

Diese Vorstellung ist nicht etwa deshalb gefährlich, weil Europa aus dem Bündnis mit den USA ausscheren sollte. Das meine ich nicht. An eine grundsätzliche Spaltung der westlichen Welt habe ich selbst in den Jahren der Bush-Regierung nie geglaubt. Trotz vieler sozialer und kultureller Unterschiede verbinden Europa und Amerika doch immer noch eine gemeinsame Zivilisation und geteilte politische Ideale.

Nein, ich halte die Vorstellung, wir könnten in die alte Zeit zurückfinden, deshalb für gefährlich, weil die Ära von George Marshall, General Lucius Clay und Kennedys Camelot ein für alle Mal abgelaufen ist. Selbst wenn man die Vereinigten Staaten für eine Kraft des Guten hält, muss man sehen, dass das US-Militär nicht in der Lage sein wird, alle drohenden Gefahren im Alleingang aus der Welt zu schaffen. Es war einfach, Slobodan Milošević mit Präzisionsbomben und zielgenauen Raketen loszuwerden. Schwerer ist es, ein globales Netzwerk lose assoziierter, oftmals unabhängig agierender Terroristen zu bekämpfen. Sollten verbrecherische Regime, Dritte-Welt-Diktatoren oder revolutionäre Dschihadis in den Besitz von Atomwaffen gelangen, wird weder die europäische Diplomatie noch die US-Militärmacht für unsere Sicherheit garantieren können.

Sowohl Europa als auch die Vereinigten Staaten werden, erst recht angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise, ihr Gewicht in die Waagschale werfen müssen, doch als gleichberechtigte Partner. Es war Barack Obama, der bei seiner Rede im Berliner Tiergarten im Juli vergangenen Jahres auf diesen Punkt hinwies. Zehntausende bejubelten ihn wie einen Rockstar oder wie einen Messias (was ganz ähnlich aussehen kann). Der einzige Teil seiner Rede, der die Menge nicht sofort in Ekstase versetzte, war seine Aufforderung, die Europäer möchten doch ernsthafter über gemeinsame Bedrohungen in Europa sowie außerhalb Europas nachdenken. Als er sagte, das afghanische Volk brauche »unsere Truppen und eure Truppen; unsere Hilfe und eure Hilfe im Kampf gegen die Taliban und al-Qaida«, ging ein beklommenes Raunen durch die Fangemeinde.

Man kann sicher darüber streiten, ob es sinnvoll ist, mehr Truppen nach Afghanistan zu schicken. Doch hat Obama zu Recht bemerkt, dass die USA nicht allein dastehen sollten noch können (Bush hat es versucht, und es war ein Desaster). Obamas Wahl schafft günstige Voraussetzungen für ein engagierteres Europa, das weniger predigt und mehr zur Lösung der globalen Krisen und Konflikte beiträgt. Sich aus Ressentiment oder Verärgerung über eine unpopuläre Regierung völlig von den Vereinigten Staaten loszusagen würde die Gefahren nur vergrößern. Ein erster Schritt zu ihrer Eindämmung hingegen wäre es, in einem freundschaftlichen Bündnis mit einem beliebten Anführer unabhängiger aufzutreten.

Ian Buruma wurde 1951 in Den Haag als Sohn eines Niederländers und einer Britin deutsch-jüdischer Herkunft geboren. Er studierte chinesische Literatur und Geschichte unter anderem in Japan und arbeite als Journalist, Übersetzer, Dokumentarfilmer und Schauspieler in Tokyo. Heute lebt Buruma als Publizist in London. Zuletzt erschien von ihm bei Hanser »Die Grenzen der Toleranz: Der Mord an Theo van Gogh«.

Aus dem Englischen von Bettina Engels

 
Leser-Kommentare
  1. Obama wurde also zum "amerikanischen Monarchen gesalbt" und wurde anschließend in Europa als "Messias" begrüßt.
    hmmmmm....lag ich die letzten Monate im Koma??!! Denn sollte dies der Wahrheit entsprechen, wurde ich darüber nicht aufgeklärt...

    P.S. Kurze Frage: Was sehen denn seine Gegner in ihm? Den Anti-Christen??!!

    Diese Art von Wortwahl passt wohl eher zu möchtegern Aristokraten und religiösen Fanatikern...beides gehört ins dunkle Mittelalter!

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    ....meines Beitrages kann ich ablesen, dass die geneigten Leser also so eine Art des Ausdruckes gutheißen.
    Na dann: Es lebe das Reich, unsere Kaiserin Merkel und das Imperium Europa!!!!

    Euphemismus, oder was??!! Zurück in die Zukunft....

    ....meines Beitrages kann ich ablesen, dass die geneigten Leser also so eine Art des Ausdruckes gutheißen.
    Na dann: Es lebe das Reich, unsere Kaiserin Merkel und das Imperium Europa!!!!

    Euphemismus, oder was??!! Zurück in die Zukunft....

  2. Die Deutschen glauben immer noch, sie stünden , bzw. hätten auf gleicher Stufe mit den anderen europäischen Staaten gestanden, was das¨Verhältnis zu den USA betrifft: die BRD war bis 1989 "offiziell" ein von den USA und anderen "Siegerstaaten"besetztes Land !! - das keinerlei Anspruch auf irgendwelche Rücksichtnahme hatte, wenn es um die militärischen und machtpolitischen Interessen der USA betraf. Also in keinster Weise: danke für den atomaren "Schutz-Schirm" sondern: danke keinen Atom-Krieg auf dem von Deutschen bewohnten US-Terrertorium ausgelöst zu haben, der ohne Rücksicht auf die deutschen Ureinwohner durchgeführt worden wäre. Und noch heute "inoffiziell" walten und schalten die USA in der BRD wie gehabt, bauen BRD-Bereiche mit Hunderten von Millionen zu "ewigen" Stützpunkten aus, installieren in der BRD ihre Afrika-Zentrale - führen von der BRD aus ihre Nahost und Fernost-Kriege - überwachen mit ECHELON zu 100-% die BRD und lassen sich das Ganze mit zig-Milliarden von der BRD-finanzieren. Die Deutschen sind weit enfernt in den USA das Niveau und den Respekt der Europäer wie von Franzosen, Briten undSpaniern zu genießen - sie sind und bleiben 'auch offiziel in der UNO notiert ' immer noch Feind-Staat , und zwar ein besiegter und besetzter, und von daher als nicht als gleichwertig zu betrachten.

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    aber je länger ich darüber nachdenke, komme ich um den Schluss nicht herum: Sie haben wohl mehr recht als uns lieb sein kann...

    Du hast vergessen zu erwähnen, dass wir auch weiterhin Müllhalde für sie sind ohne Scham weigern sie sich weiterhin Atomraketen aus den 70gern abzuziehen, die von der Reichweite her höchstens noch Verbündete treffen könnte.

    Richtiger hätte man es kaum schreiben können!
    Wir sind nach wie vor eine Kolonie. Und nachdem sich die SU aufgelöst hat und Deutschland nicht mehr Gefahr läuft als Ganzes der sowjetischen Einflusssphäre zuzustreben bläst uns der kalte angloamerikanische Wind richtig um die Ohren.
    Dass das Gerede von der vollen staatlichen Selbstbestimmung Schwachsinn ist kann man auch daran erkennen dass sich ein nicht unerheblicher Teil des deutschen Goldschatzes sich immer noch auf amerikanischen Gebiet befindet - als Pfand.

    ...für diese wahren Worte. Aber die Zeit der alten, deutschen, kriecherischen Elite läuft ab...und somit wird ein Bündnis auf Augenhöhe entstehen...oder es wird zerbrechen.
    Ein Anfang wäre zum Beispiel, wenn wir Deutschen endlich unsere Verfassung ausrufen würden. Ist zwar "nur" innenpolitisch relevant, trägt aber zur Selbstachtung bei!!! Außerdem keine amerikanischen Atomwaffen mehr auf deutschem Boden. Und dann wollen wir unser Gold zurück. Und dann ist da noch...

    Es gibt viel zu tun für die neue, deutsche Generation...PACKEN WIRS AN!!!!

    aber je länger ich darüber nachdenke, komme ich um den Schluss nicht herum: Sie haben wohl mehr recht als uns lieb sein kann...

    Du hast vergessen zu erwähnen, dass wir auch weiterhin Müllhalde für sie sind ohne Scham weigern sie sich weiterhin Atomraketen aus den 70gern abzuziehen, die von der Reichweite her höchstens noch Verbündete treffen könnte.

    Richtiger hätte man es kaum schreiben können!
    Wir sind nach wie vor eine Kolonie. Und nachdem sich die SU aufgelöst hat und Deutschland nicht mehr Gefahr läuft als Ganzes der sowjetischen Einflusssphäre zuzustreben bläst uns der kalte angloamerikanische Wind richtig um die Ohren.
    Dass das Gerede von der vollen staatlichen Selbstbestimmung Schwachsinn ist kann man auch daran erkennen dass sich ein nicht unerheblicher Teil des deutschen Goldschatzes sich immer noch auf amerikanischen Gebiet befindet - als Pfand.

    ...für diese wahren Worte. Aber die Zeit der alten, deutschen, kriecherischen Elite läuft ab...und somit wird ein Bündnis auf Augenhöhe entstehen...oder es wird zerbrechen.
    Ein Anfang wäre zum Beispiel, wenn wir Deutschen endlich unsere Verfassung ausrufen würden. Ist zwar "nur" innenpolitisch relevant, trägt aber zur Selbstachtung bei!!! Außerdem keine amerikanischen Atomwaffen mehr auf deutschem Boden. Und dann wollen wir unser Gold zurück. Und dann ist da noch...

    Es gibt viel zu tun für die neue, deutsche Generation...PACKEN WIRS AN!!!!

  3. Indem wir uns endlos nur mit uns selbst und unserer eigenen Amerika-Sicht beschäftigen, mag uns leicht entgehen, wie andere Völker Amerika sehen. Hunderttausende von Amerikanern opferten ihr Leben, um alle westeuropäischen Länder zu befreien, was niemand vergessen hat. Vielen Nationen in Afrika, Asien und den Pazifikländern gilt Amerika als das früheste Vorbild, das sich von Europas Unterdrückung befreien konnte.

  4. Erwachsen werden - das trifft die Situation für Europa im allgemeinen und für Deutschland im speziellen. Diesen Prozeß haben unsere Regierungseliten noch immer nicht bewältigt, obwohl der Abzug der alliierten Truppen nach der deutschen Einheit von jedem als Zeichen hätte verstanden werden müssen. Die Zeit des "Behütetseins" im Schatten des Ost-West-Großkonfliktes ist vorbei. Vielleicht ist die jetzt heraufziehende schwere wirtschaftliche Krise mal ein heilsamer Schock, endlich aufzuwachen.

  5. aber je länger ich darüber nachdenke, komme ich um den Schluss nicht herum: Sie haben wohl mehr recht als uns lieb sein kann...

    Antwort auf ""Wir" Europäer"
  6. würde ich sagen - auf den Punkt! Das sind wir zwar nicht, aber ich sag's trotzdem!

  7. Ich muss leider sagen, dass wir momentan alles anderes als Handlungsfähig sind dank der "weitsichtigen" und "intelligenten" Entscheidung der Iren. Hinzukommt die Osterweiterung der EU die ich für einen großen Fehler halte. Unsere neuen Mitgliedsstaaaten sind ein Fass ohne Boden. Wir sind auf EU ebene zur Zeit so handlungsunfähig wie noch nie.

  8. Du hast vergessen zu erwähnen, dass wir auch weiterhin Müllhalde für sie sind ohne Scham weigern sie sich weiterhin Atomraketen aus den 70gern abzuziehen, die von der Reichweite her höchstens noch Verbündete treffen könnte.

    Antwort auf ""Wir" Europäer"

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