Italien Schweig, Gehudel!
In den Augustnächten verstummt der römische Lärm, und man hört die Brunnen rauschen. Ein Stadtspaziergang

© Marco Di Lauro/Getty Images
Der Trevibrunnen wurde als Mündung eines Aquädukts erbaut
Es ist August, und ich hasse den Brunnen in der Villa Massimo. Dieses klassizistische Ding vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hat keinen Zufluss und keinen Abfluss, das Wasser steht, und Tag für Tag bringt es Hunderte von zanzare hervor, Moskitos. Seit Wochen schlafe ich unter einem Moskitonetz. Sie setzen sich aber draußen ans Netz und wollen da durchstechen. Die Nächte in der Villa sind ein Gesurr.
Übrigens ist das allein ein Villa-Massimo-Problem. Draußen in der Stadt gibt es keine Moskitos. Dort gibt es nur fließendes Wasser. Jetzt in diesen Nächten wird Rom zur Wasserstadt. Man muss um ein, zwei Uhr nachts hinaus und spazieren gehen, um das zu erleben. Im Ferienmonat ist Rom völlig entvölkert, man kann überall auf der Straße laufen, selbst auf den Magistralen. Tagsüber öffnet fast kein Geschäft mehr, und nachts ist die Stadt innerhalb der Aurelianischen Mauer menschenleer.
Ich spaziere durch die Porta Pia in die Stadt hinein und werde gleich vom Wasserklang empfangen. Es ist kein größerer Widerspruch denkbar: Man geht über die Via XX Settembre, also auf dem Sattel des Quirinals, auf dem sonst immer eine Verkehrshölle tobt und ein Lärm, an den man sich das Jahr über vollkommen gewöhnt hat. Jetzt ist da nichts. Es herrscht Stille, und erstmals hört man, dass man in Rom überall, aber wirklich überall, Wasser hört. Die Stadt ist im August ein Fließen und Rauschen allerorten.
Zuerst empfängt mich der Mosesbrunnen. Tagsüber lasse ich ihn meist links liegen, weil er völlig verkehrsumbraust ist. Dieser riesige Brunnen ist wie die berühmte Fontana di Trevi dort angelegt worden, wo die großen Aquädukte aus dem Umland endeten. Man empfing das Wasser mit Prachtarchitektur. Rom, in einer Senke liegend, verfügt selbst nur über miserables Wasser und muss alles aus den Bergen heranführen.
Der Mosesbrunnen ist alles andere als beliebt. Tagsüber liegt er grau und angefressen zwischen dem Straßenverkehr, und Moses ist so hässlich, dass der Bildhauer, wie erzählt wird, aus Scham über sein Geschöpf gestorben sein soll. Nun aber, in dieser Augustnacht, erlebt man dort ganz Eigenartiges. Es hat sich, jetzt gegen halb zwei Uhr in der Nacht, eine Menschentraube eingefunden, die genau dasselbe macht wie ich: dem Wasser lauschen und den nächtlich wie neugeborenen Brunnen anstaunen. Grünblau, ozeanisch fast, leuchtet es aus der Brunnenschale heraus, und Moses, der Hässliche, wird geradezu menschlich. Er ist ein bisschen dick, aber das macht ihn gemütlich, und jeder Zorn ist aus seinem Gesicht gewichen. Sonst schaut er ja immer strafend auf den Straßenverkehr. So kam er herab vom Sinai und schaute entsetzt auf sein, um es mit Thomas Mann zu sagen, »Gehudel«, wie es ums Goldene Kalb tanzte, was Rom ja in seinem Verkehr und seinen Geschäften täglich macht. Dabei wollte Moses seinem Volk gerade in diesem Augenblick die Gesetze und Form und Ordnung bringen! Nun, in dieser Nacht, ist kein Gehudel um Moses, da sind nur stille, andächtige, schauende, staunende Menschen. So wollte Moses, dass sie vor Gott stehen. Eingedenk und nicht chaotisch selbstvergessen im Gejohl. Moses vergilt es ihnen in dieser Nacht mit zufriedenem Blick.
Angestrahlt beginnen die Göttinnen ihr steinernes Leben
Ich spaziere weiter und höre plötzlich starkes, ja stärkstes Rauschen von links. Dort unten liegt die riesige, grün leuchtende Brunnenschale auf der Piazza della Repubblica. Wenige Meter später steht man zwischen den vier Brunnen der Via quattro Fontane. Tagsüber ist das eines der schlimmsten Nadelöhre Roms. Nun kann man mitten auf der kleinen Kreuzung stehen. Die mythischen Figuren der Brunnen, die Göttinnen und Flussgottheiten, beginnen angestrahlt ihr nächtliches Leben. Das Schattenspiel in ihren Gesichtern ist lebendig und bewegt vom Widerschein des plätschernden Wassers. In einer römischen Augustnacht versteht man, dass jede Skulptur ein verewigtes Sein ist, ein Mensch und ein Gott, wenn auch aus Stein.
So geleitet einen das Wassergeräusch immer weiter. Natürlich suche ich auch den Trevibrunnen auf. Wann wäre er besser zu ertragen als jetzt? Der Trevibrunnen ist für mich der schlimmste von allen. Das liegt am Gehudel, denn dort ist es am größten. Jeder, aber auch wirklich jeder, der mich in Rom besucht, will unbedingt die Fontana di Trevi sehen, die durch Fellinis Film La dolce vita weltbekannt ist. Der Brunnen ist immer überfüllt, und die schönen Zeiten, da man ihn noch betreten durfte, sind längst vorbei. Als Achtzehnjähriger war ich noch barfuß durch ihn gelaufen und hatte Münzen gesammelt. Heutzutage geht es an ihm zu wie in der Sixtinischen Kapelle. Überall sind Aufseher, und wenn nur einer von den Aberhunderten dort einen Fuß in den Brunnen streckt, ertönen sofort Megafone, die einem das äußerst unfreundlich verbieten. Ja, so versucht die Stadt selbst, dem Gehudel Einhalt zu gebieten. Das ist nicht leicht. Die Menschen, selbst durcheinanderbrüllend, lassen sich von der polizia anbrüllen, und alle nehmen hin, dass man hier, tagsüber und an den überfüllten Abenden, keinerlei bella figura mehr machen kann, sondern herumgetrieben wird wie eine Viehherde.
Meine Besucher wollen alle an den Trevibrunnen, weil natürlich das Allerwichtigste in Rom ist, sich mit dem Rücken zum Trevibrunnen zu stellen und eine Münze hineinzuschmeißen, damit man auch ja nach Rom wiederkomme. Also muss ich den Brunnen notgedrungen ziemlich oft aufsuchen. Angenehm zu sitzen ist dort nie. Da die Leute ja alle den richtigen Fotowinkel haben wollen, wird gedrängt und geschubst, und eigentlich ist der Trevibrunnen nur eine blödsinnige Programmerfüllung, eben der wichtigste abzuhandelnde Tagesordnungspunkt.
Wer nach Rom kommt und eigentlich gar nicht weiß, was er dort soll, weiß immerhin um die Highlights, also eben Sixtinische Kapelle, Spanische Treppe und Trevibrunnen. Einmal habe ich eine Klasse begleitet, und die Schüler wollten natürlich auch alle an den Brunnen. Überall liefen Verkäufer herum und boten einem ratternde Metalldinger an, die man in die Luft wirft, oder so eine widerliche Knetmasse, mit der man flutschige Geräusche machen kann. Die Schüler waren begeistert. Manchmal sieht man, wie Polizisten einen illegalen Blumenverkäufer jagen. Er kann in der Masse natürlich jederzeit untertauchen.
Der Gott will kein Getümmel, auch wenn er es selbst geschaffen hat
Nun, im August, mitten in der Nacht, höre ich nur das Rauschen. Schon die Umgebung des Brunnens, das Gassengewirr, hat sich für diese Nacht zivilisiert. Die Läden sind allesamt geschlossen, die Beleuchtungen gelöscht, die Touristendevotinalienauslagen weggeräumt, eine römische Gasse ist wieder eine römische Gasse. So kommt man aus den dunklen Gässchen und gerät auf jenen plötzlich sich weitenden Platz, der vom Widerschein des Lichts und des Wassers erfüllt ist. Man ist jetzt, dazu braucht es nicht einmal Glück, ganz allein mit dem Brunnen. Ich glaube, dass der Stein, dieses in die Skulptur gebannte Leben, völlige Menschenleere um sich herum braucht, um lebendig werden zu können. Der Gott will kein Gehudel, auch wenn er es selbst geschaffen hat. Und auch hier geschieht der Zauberaugenblick. Die Tritonen, Pferdchen und Wassergewächse sind plötzlich kein manieristischer Zierrat mehr, geschmacklich eher verdächtig, sondern beginnen die Sinne zu verzücken.
Der Trevibrunnen stellt dar, wie eine Fassade von der Gewalt des ausbrechenden Wassers und der sich vorschiebenden Felslandschaft birst. Rechts bröckelt schon ein Pilaster weg, das Wasser ergießt sich in breit gezogenem Strahl in das Becken, und triumphal schreitet der Meergott dem Ozean entgegen. Das Wasser kommt aus den Sabiner Bergen, seit je. Das heißt, 2007 ist das alte Aquädukt nun doch entzweigegangen, und neuerdings wirft man sein Münzchen in bloßes Leitungswasser. Aber vielleicht sollte man das gar nicht wissen, weil es den Eindruck von Urgewalt, Üppigkeit, trotzender Fruchtbarkeit dieses künstlichen Naturspektakels ein bisschen beschädigt. Der Trevibrunnen war immer nahe an der Natur. Das Wasser, in dem Anita Ekberg umherstakste, es war lebendiges Wasser gewesen.
Zwei Menschen folgen dem Fruchtbarkeitsruf des Brunnens
In dieser Augustnacht sitze ich lange ganz allein an der Fontana di Trevi und lausche dem Wasser. Das Trevi-Rauschen kann monumental werden, wenn kein Gehudel da ist. Aber nach einer ganzen Weile wird mir klar, dass gerade doch etwas geschieht. Da sind zwei Menschen, versteckt, an einem vom Platz aus kaum einsehbaren Winkel, unterhalb des vorletzten Blendpfeilers rechter Hand. Eine Art Wimmern mischt sich ins Trevi-Rauschen. Man kann auch nicht sogleich erkennen, dass es zwei Menschen sind. Ich sehe nur Bewegungen und laufe etwas näher. Ja, da sind zwei Menschen und kommen dem Fruchtbarkeitsaufruf des Brunnens nach. Sie vögeln. Ganz allein auf diesem herrlichen Platz mit seinem in Stein gehauenen Naturschauspiel.
Es ist, als wären sie am Meer, und sie sind doch in Rom, und alles wird nun anakreontisch. Da bringen sie ihre Leiber dem Wasser und Oceanus dar und sind dabei ganz selbstvergessen, aber nicht als Gehudel und lärmend, sondern konzentriert, ja andächtig. Die beiden Vögelnden unterscheiden sich eigentlich nicht von den sich tummelnden Seepferden und den Tritonen. Sie huldigen der Vergangenheit und seinen steinernen Ewigkeiten, und vielleicht ist es doch mehr Natur für sie, als auf die Bahamas zu fliegen und dort am wirklichen Strand zu vögeln. Dort wäre es Kitsch, hier ist es wie Ovid.
Ich lasse sie allein mit ihrem Tun und spaziere weiter von Brunnen zu Brunnen, bis hinüber nach Trastevere. Von überall her kommt ein Plätschern, Grollen, Fließen, Rauschen, Nieseln, jeder Brunnen hat einen Bannkreis. Nicht selten sehe ich einen Vereinzelten ebenso nachdenklich verschwiegen vor einem Brunnen stehen wie ich. Ich will auch nicht verhehlen, dass zu dieser Nachtzeit die Müllabfuhr unterwegs ist, um zu beseitigen, was das Gehudel am Tag hinterlassen hat. Sie beseitigen es mit Wasser. Alles fließt, nichts steht, kein einziger Moskito in der Stadt. Die stechen mich erst wieder, als ich gegen vier oder fünf in die Villa zurückkehre.
Noch oft gehe ich in den nächsten Nächten an Moses vorbei, der mir zufrieden zunickt. Seht ihr, ihr Menschen könnt es, scheint er zu sagen. Dazu habe ich euch die Gesetze gebracht. Dass ihr was von Form und Anstand habt und nicht im Gehudel untergeht wie das Vieh.
Andreas Maier, geboren 1967, ist Schriftsteller und lebte 2006 für ein Jahr in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Zuletzt erschien von ihm im Suhrkamp Verlag der Roman »Sanssouci«
Information Rom
Die Brunnen:
Fontana del Mosè, erbaut 1587, Piazza San Bernardo. Le Quattro Fontane, erbaut 1588, Via delle Quattro Fontane. Fontana di Trevi, erbaut 1732–1762, Piazza di Trevi
Literatur:
Mario Sanfilippo: »Die Brunnen von Rom«; Hirmer Verlag, München 2002; 191 S., 49,80 €
Sabine Becht/Hagen Hemmie: »Rom MM-City«; Michael Müller Verlag, Erlangen; 4. Aufl. 2008; 264 S., 14,90 €
Eckart Peterich: »Italien, Band 2, Rom und Latium, Neapel und Kampanien«. Prestel Verlag, München 1999 (nur noch antiquarisch erhältlich)
Auskunft:
Italienische Zentrale für Tourismus, Tel. 069/237434,
www.enit.de
- Datum 04.03.2009 - 13:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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