Wann kommt es schon mal vor, dass eine Bürgerinitiative für einen schnöden Supermarkt kämpft? Im Städtchen Geisenheim im hessischen Rheingau wollten die Stadtväter einen weiteren Lebensmittelhändler ansiedeln. Bewerber für den attraktiven Standort am Rheinufer gab es genug. Doch die Bürger wollten keinen von den Großen, keinen Aldi, Lidl oder Tengelmann. Sie wollten Tegut, einen Mittelständler aus Fulda, der für seine hohe Warenqualität, seinen regionalen Bezug und eine ebenso menschen- wie umweltfreundliche Firmenphilosophie bekannt ist. 800 Unterschriften sammelte die Bürgerinitiative für Tegut. Am Ende allerdings vergeblich, weil Konkurrent Edeka 650000 Euro mehr bot als das nordhessische Unternehmen. Angesichts dieser Summe konnten die Stadtväter nicht Nein sagen.

»Wir waren selbst überrascht von der Aktion, haben uns aber natürlich sehr darüber gefreut«, sagt Thomas Gutberlet, als Juniorchef bei Tegut für Vertrieb und Marketing zuständig. Er sieht darin ein schönes Zeichen für das Vertrauen der Kunden, zumal in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Während andere Filialisten wegen zuweilen rüder Geschäftsmethoden immer wieder Negativschlagzeilen machen, gilt Tegut, wenn es ums sozial und ökologisch verantwortliche Wirtschaften geht, als Vorzeigeunternehmen.

Tegut ist schon deswegen ein Phänomen, weil es nur wenigen mittelständischen Supermarktketten in Deutschland gelungen ist, sich im rabiaten Wettbewerb zu behaupten. Der Umsatz liegt bei gut einer Milliarde Euro – wenig im Vergleich zu den Platzhirschen. Dazu zählt als größter Lebensmittelhändler hierzulande die Edeka-Gruppe (fast 38 Milliarden Euro Umsatz), dann folgen Unternehmen wie Rewe, die Schwarz-Gruppe mit dem Discounter Lidl und nicht zuletzt Aldi. Vom gesamten Umsatz des deutschen Lebensmitteleinzelhandels entfällt gerade mal ein Prozent auf Tegut.

Bei Tegut ist manches anders als bei der Konkurrenz. Morgens treffen sich die Manager in der Fuldaer Firmenzentrale nicht zur Sitzung, sondern zur »Stehung«. Am Beginn trägt ein Mitarbeiter den Tagesspruch vor, auch mal eine Weisheit des Anthroposophen Rudolf Steiner. Darüber wird schweigend nachgedacht, erst dann beginnt die Runde mit dem Geschäftlichen.

»Viele Lebensmittel machen uns nur satt, aber sie ernähren uns nicht«

Auch viele der Tegut-Supermärkte unterscheiden sich von den Verkaufsstellen der Konkurrenten: Sie haben ein Gesicht. Ein neuer Markt in Fulda, unweit der Firmenzentrale, hat die Form eines Prismas. Ein anderer im nordhessischen Petersberg sieht aus wie eine nahöstliche Zeltstadt. Kein Vergleich jedenfalls zu den oft langweiligen Schuhschachteln der Konkurrenten.

Wer näher hinschaut, macht weitere Unterschiede aus. Obwohl Tegut kein Biosupermarkt ist, gibt es Bioprodukte zuhauf. Fast jeder Artikel ist auch in einer ökologischen Variante zu haben. Schon 1982 – zum einheitlichen Biosiegel und zum Bioboom war es noch ein weiter Weg – hatte Tegut begonnen, biologisch erzeugte Lebensmittel ins Sortiment zu nehmen. Damit war das Unternehmen Wegbereiter des Handels mit nachhaltig produzierten Lebensmitteln. Tegut war auch der erste konventionelle Lebensmittelhändler, der Ökoprodukte nicht in der Bioecke versteckte, sondern ins normale Sortiment integrierte. Die Kunden sollen unaufdringlich mit der Bioalternative Bekanntschaft machen.