»Meine Jüte, wat sind denn Reize?«
Cornelia Filter hat in einer bewegenden Reportage die Welt der muslimischen Konvertiten erkundet
Im Grunde hielt ich sie alle für Islamisten«, schreibt Cornelia Filter. Aber das war eben, bevor sie sich für ihr neues Buch deutschlandweit auf die Suche nach muslimischen Konvertiten machte – nach Menschen, die entweder areligiös oder im christlichen Glauben aufgewachsen waren und sich später zum Islam bekehrten. Die deutsche Öffentlichkeit hegt viele Vorurteile gegen solche Bekehrten; eines lautet, dass man schon ein ziemlicher Eiferer sein müsse, um eine andere Religion anzunehmen. Und bei Cornelia Filter, der lang gedienten Emma- Redakteurin, kamen noch feministische Bedenken hinzu: Ihr schien es, als tauschten die muslimischen Konvertitinnen die Freiheiten der (zumindest auf dem Papier) geschlechtergerechten Moderne gegen die Beschränkungen des Kopftuchs und eines fundamentalistischen Islams.
Dann aber, bei ihren Recherchen, begegnet sie den unterschiedlichsten Sufis und Imamen, Scheichs und muslimischen Feministinnen; die meisten sind gastfreundlich und offenherzig, geben bereitwillig Auskunft und scheuen die politische Stellungnahme nicht. So lernt Filter unter anderem die Religionswissenschaftslehrerin Sabriya kennen, die von sich sagt, dass sie schon immer »wie ein Derwisch« gelebt habe, und die am Islam vor allem die Stellung der Frau angezogen hat: »Keine Leibfeindlichkeit, keine sündige Eva, keine Erbsünde, keine unreine Frau. Das alles gibt es im Islam nicht!!!!!!! Sieben Ausrufezeichen!« In Schöneberg besucht die Autorin Amir Mohammed Hartmut Herzog in den weihnachtlich geschmückten Räumen des Interkulturellen Cafés. »Ick liebe Weihnachten«, erklärt Herzog ihr. »Wieso soll ick damit aufhören, bloß weil ick Moslem geworden bin? Det ist doch der Geburtstag vom Propheten Jesus.« Zum Thema Kopftuch informiert er sie: »Die arabische Sprache kennt das Wort Kopftuch gar nicht. Im Koran heißt es, die Frau solle ihre Reize bedecken. Meine Jüte, wat sind denn Reize?«
Reportagen zu zahlreichen Gläubigen und Gemeinden verbinden sich in diesem Buch harmonisch zu einer anregenden Lektüre. Dialoge, Orte und theoretisch-politische Hintergründe werden lebendig, ohne dass man eine einzige Plattitüde à la »Nachdenklich rührte er in seinem Kaffee und sagte…« finden wird. Deutlich trennt die Autorin zwischen Selbstdarstellung der Interviewten und ihren eigenen, Filters, Kommentaren; wo sie mit einer Äußerung nicht einverstanden ist, hält sie mit ihren Zweifeln nicht hinterm Berg und gibt dem Gegenüber damit die Möglichkeit, sich zu erklären. Kurz und gut: Dies ist das seltene Beispiel einer rundum geglückten journalistischen Reportage.
Fast ebenso viel wie über die Konvertiten selbst erfahren wir daraus auch über Deutschlands Umgang mit seinen Muslimen; das heißt leider oft: Wir erfahren von Islamophobie. »Wissen Sie was? Die wollen ein Minarett bauen!«, verraten einige Bewohner eines kleinen Dorfs in der Eifel der Reporterin. »Unsere Kirchen werden dichtgemacht, und die Moslems setzen uns Minarette vor die Nase!« Dabei weiß Filter, dass die dortige Gemeinde mitnichten solche Pläne hegt. Aber auch das Umgekehrte erlebt sie, nämlich das Schwinden von Vorurteilen, das Sichannähern von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die Tür an Tür leben: So antworteten die Alteingesessenen einer brandenburgischen Ortschaft, wenn man sie nach dem Weg zum Sufi-Zentrum fragte, anfänglich: »›Ach, Sie wollen zum Scheich.‹ Heute sagen sie: ›Ach, Sie wollen zu unserm Scheich.‹«
In mindestens zwei Hinsichten ist dieses Buch vermutlich nicht repräsentativ, beansprucht es aber auch nicht und braucht es nicht zu sein: Zum einen ist anzunehmen, dass jene Konvertiten, die ahnen konnten, dass ihre Ansichten bei Filter auf wenig Gegenliebe stoßen würden, sich gar nicht interviewen lassen wollten. Zum anderen gibt es einen großen Kreis von Konvertiten, die weder Islamwissenschaften studieren noch sich in Sufi-Zentren engagieren, die einfach ihren bürgerlichen Berufen als Pädagoge oder Rechtsanwältin nachgehen und so selten in den Blick der Öffentlichkeit oder des Journalismus geraten.
Dennoch ist das von Filter beschriebene Spektrum hinreichend breit, um einen guten Einblick in diverse »Szenen« zu geben; und die Motive zur Konversion, die ihre Interviewpartner angaben, sind in der Tat diejenigen, die man am häufigsten hören wird, wenn man einen oder mehrere Konvertiten kennt: Da wird der »reine« Monotheismus hervorgehoben, also der Glaube an einen Gott ohne Trinität; gerade (ehemalige) Christen, die zeitlebens Schwierigkeiten mit der Lehre von Kreuzestod und Auferstehung hatten, können es plausibel finden, von nun an Jesus als einen Propheten unter vielen anzusehen. Andere nennen die Schönheit der koranischen Sprache, die »Rationalität« des Islams und die relative Abwesenheit von Wundern (worauf Filter zu Recht einwendet, einen gewissen Anteil an nichtrationalen Überzeugungen habe per definitionem jede Religion).
Was Filter in früheren Jahren über den Islam schrieb, vor allem in der Emma, war nicht gerade geeignet, die Islamfeindlichkeit unserer Gesellschaft zu mindern; mit bewundernswerter Offenheit ist sie nun bereit, anhand der Begegnung mit konkreten Menschen eigene Vorurteile zu revidieren. Ihr Buch ist an vielen Stellen wunderbar berührend, und der Grund dafür liegt wohl in ebendieser Haltung der Autorin: Auch sie lässt sich von ihren Gesprächspartnern berühren. Sie bringt ihnen Respekt entgegen, vernachlässigt dabei aber nie den Respekt gegenüber ihrer eigenen (vor allem feministischen) Überzeugung. Und so ist dieses Buch wirklich geeignet, Wunden zu heilen – nicht nur die der Konvertiten, die seitens ihrer Umgebung einiges an Misstrauen erleben müssen, sondern auch Wunden »geborener« Muslime, die ja ähnlichem Misstrauen ausgesetzt sind. Mehr als einmal ist Filter bei ihren Recherchen vor die Wahl gestellt, entweder der Gerüchteküche oder dem ihr gegenübersitzenden Menschen zu vertrauen. Und sie entscheidet sich für das Vertrauen.
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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