Eine Passion fürs Leben
Albrecht Wellmer analysiert eindringlich, wie sich Musik zur Sprache verhält
Dass ein angesehener deutscher Philosoph ein Buch über Musik veröffentlicht, hat es seit den Tagen Theodor W. Adornos nicht mehr gegeben. Schon das macht den Versuch über Musik und Sprache von Albrecht Wellmer zu einem Ereignis. Dass Wellmers Verhältnis zur Musik in einer lebenslangen Passion gründet, ahnte man, vielleicht weil des Autors notorisch nüchterne Worte und Sätze so viel dafür tun, den affektiven Fundus seiner Erfahrungen zu verbergen. Offen blieb bislang, wie weit seine theoretischen Interessen gehen und welche Grundprobleme sie zu erfassen vermögen.
Der Ansatz, den Wellmer in seinem neuen Buch verfolgt, lässt sich grob als Verknüpfung sprachphilosophischer, hermeneutischer und kritischer, das heißt von Motiven Adornos gespeisten Intentionen beschreiben. Das Verhältnis von Musik und Sprache wird zum systematischen Thema, weil es den Fragen, die eine Interpretation konkreter Musik betreffen, vorgelagert ist: Wellmer, der durch die Schule des Linguistic Turn gegangen ist, weiß, dass die Rede von Sinn und Bedeutung in musikalischen Fragen nicht einfach vorausgesetzt werden kann, sondern erst einmal dem Härtetest skeptischer sprachanalytischer Einwände standhalten muss. Ist diese Arbeit getan, schlägt die Stunde einer Hermeneutik, die darauf verzichtet, den Gegenstand Musik durch »vornehmen Ton« zu bevormunden. Philosophie hat sich nicht mehr in den Werken bloß zu spiegeln, sondern ist von deren Strukturen und Formen her eigens zu entwickeln. Darin folgt Wellmer dem phänomenologischen Impuls Adornos, dessen geschichtsphilosophische Spekulation er zurückweist, ohne auf das ideologiekritische Motiv verzichten zu wollen. So eindringlich hat bislang noch niemand, und gewiss kein Musikwissenschaftler, die Beziehung von Musik und Sprache analysiert.
Zwei große Kapitel sind den Komponisten John Cage und Helmut Lachenmann gewidmet, von denen dasjenige zu Lachenmann interessanter ist, weil es auf einer differenzierten Erfahrung von dessen Musik beruht, während die Rolle von Cage möglicherweise überschätzt wird. Dem »Ende des Werkbegriffes«, das durch diesen ausgelöst worden sein soll, gibt Wellmer jedenfalls mehr Kredit, als von der Sache her notwendig wäre. Allein, sein Opus markiert eine Zäsur. Es verlangt nach einer Diskussion, die mehr ist als akademisches Geplänkel.Richard Klein
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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