Ein extremer Fall

Die meisten Gäste betrachten die Victoriafälle von Sambia aus. Doch wer ihre volle Pracht erleben will, muss nach ganz unten, nach Simbabwe

Natürlich ist es laut. Fünf Millionen Liter Wasser pro Minute stürzen nicht einfach so in die Tiefe. Aber dass es so laut ist, dass man mit geschlossenen Augen denken könnte, nebenan würde ein Düsenflugzeug starten, das haben sie nicht gesagt. Sie haben auch nicht gesagt, dass ich dieses ohrenbetäubende Spektakel ganz für mich allein haben würde. Nein, drüben in Sambia haben sie nur die Augen verdreht und mir einen guten Schutzengel gewünscht. »Nehmen Sie sich genug zu essen mit«, riet Kennedy, der junge Kellner mit dem Obama-Sticker am Revers.

Doch wer denkt an Essen, wenn er vor einem gigantischen Vorhang aus Gischt und Wasser steht, der auch an trüben Tagen mehr Regenbogen hervorbringt als jeder Siebziger-Jahre-Drogenfilm? 1700 Meter ist der Sambesi hier breit, 100 Meter donnert sein Wasser die Schlucht hinab, die Sambia vom Nachbarland Simbabwe trennt. Nur die Engel im Fluge hätten so etwas Schönes schon einmal gesehen, schrieb der schottische Missionar David Livingstone, der den Wasserfall nach seiner Königin benannte. 1855 war das.

Fünfzig Jahre später eröffnete am südlichen Ufer des Sambesi das erste Hotel. Um dieses Hotel herum wuchs im Laufe des vergangenen Jahrhunderts einer der vornehmsten Ferienorte im südlichen Afrika: Victoria Falls. Das blieb er, als die britische Kolonie 1965 unabhängig wurde, und auch, als Robert Mugabe 1980 den weißen Rassisten Ian Smith als Präsident ablöste. Doch seit Simbabwe sich vom afrikanischen Musterland in eine der übelsten Despotien des Kontinents verwandelt, sinkt auch der Stern von Victoria Falls.

Schon seit Jahren betrachten die meisten Touristen die Fälle lieber von Sambia aus, wo sie sich besser aufgehoben fühlen. Auch ich habe dort Quartier bezogen. Mein Hotel tut alles, damit die Gäste nicht merken, dass es noch keine zehn Jahre steht. Viel poliertes Teakholz, Kronleuchter an den Decken, an den Wänden alte Stiche. Auf der direkt am Flussufer gelegenen Aussichtsterrasse steht abends ein schwarzer Leierkastenmann mit weißen Handschuhen. Da saß ich gestern, schaute zu, wie die Sonne sich auf den Fluss legte. Kennedy brachte Wein, wir gerieten ins Plaudern.

Die Vegetation erinnert an die Tropen. Es tropft und schmatzt

Bis vor ein paar Jahren hatte er noch im Busch gelebt, in der Lehmhütte seiner Großeltern. Er weiß, wo im Sambesi die kleinen Nilpferde planschen und wann man die beste Chance hat, ein Krokodil zu entdecken. Doch als die Rede aufs Nachbarland kam, versteinerte seine Miene. Vielleicht, dachte ich, ist auch ein bisschen Angst vor der Konkurrenz dabei, wenn er mich so eindringlich vor Victoria Falls warnt. Denn von Sambia aus schaut man die Fälle hinab, man sieht eigentlich nur die Kante. Wer die ganze Pracht erleben will, muss nach ganz unten, nach Simbabwe.

Ich hatte kein gutes Gefühl, als ich mich heute Morgen auf den Weg machte. Ich kannte ja die Nachrichtenbilder von den Cholerakranken, den terrorisierten Oppositionellen. Die Grenze stellte ich mir wie ein Gefängnistor vor. Doch zwischen Sambia und Simbabwe gibt es nicht einmal einen Schlagbaum. Bloß ein verrosteter Eisenzaun trennt die beiden Länder. Er liegt höchst malerisch am Ende einer historischen Eisenbahnbrücke über den Sambesi. Unten gurgelt grün und wild der viertgrößte Strom Afrikas, oben in der Baracke verquirlt ein Deckenventilator die Luft vom Vortag. Dort kassierte ein dicker Beamter 30 US-Dollar, überlegte dann aber noch eine ganze Weile, ob er mich wirklich einlassen sollte. Es machte ihm sichtlich Spaß.

Hinter dem Zaun wirkte Simbabwe erst einmal genauso harmlos wie Sambia. Eine Teerstraße, glatt und lückenlos. Rechts und links davon dichtester Busch. Auf der Gegenfahrbahn kamen mir Frauen entgegen, die riesige Kartons auf ihren Köpfen balancierten. Eine Pavianfamilie pflückte sich die Läuse aus dem Pelz. Hinter dem mit der bunt gestreiften Nationalflagge geschmückten Eingang zum Victoria Falls Nationalpark ging es bergab in einen sumpfigen Regenwald. Der hat hier, zwei Flugstunden südlich vom Äquator, eigentlich nichts mehr zu suchen. Die sprühende Gischt hat eine Vegetation wuchern lassen, die einen an die Tropen denken lässt. Überall tropft und schmatzt es, und es riecht wie der ewige Sommer: süß und modrig zugleich. Wenn man die Stelle erreicht, an der der Wald den Blick auf die Victoriafälle freigibt, ist man bis auf die Haut nass.

Da stehe ich nun und habe dieses grandiose Schauspiel ganz für mich. Genau das hätte ich mir wohl gewünscht, als die Touristen sich hier noch drängten. Jetzt, wo sie alle weg sind, fühle ich mich langsam fehl am Platze. Am Ausgang schaue ich ins Gästebuch: zwölf Einträge seit Weihnachten. »Cholera and Crocodiles – Africa is an Adventure Destination« lautet der letzte. Ich muss schlucken. Was mache ich hier?

An Kiosken hinter dem gähnend leeren Parkplatz sind die Auslagen von Staub überzogen. Eine der Betreiberinnen fragt, ob ich nicht ein Foto von ihr machen will, das koste auch nichts. Ein Junge hält mir eine Schatulle mit kupfernen Armreifen unter die Nase. Als ich ablehne, sagt er taktvoll: »Vielleicht ein anderes Mal.« Dann heftet er sich an meinen Rockzipfel, und wir gehen gemeinsam ins Zentrum von Victoria Falls. Ich will nicht kehrtmachen, ohne die Stadt zu sehen, die einmal der Stolz des Landes war.

Kein Auto, kein Bus, kein Moped – der Sprit ist aus in Simbabwe

Der Himmel sieht nach Regen aus, die schwarzen Wolken wahren nur einen Höflichkeitsabstand zur Erde. Auf der Straße ist es so still, dass man noch immer hört, wie der Sambesi in die Schlucht donnert. Kein Auto, kein Bus, nicht einmal ein Moped kommt uns entgegen. Als wir wenig später an der geschlossenen Tankstelle vorbeikommen, begreife ich auch, warum: Es gibt keinen Sprit mehr in Simbabwe. Es gibt auch sonst nicht viel. Die Wimpy-Burger-Filiale im Einkaufszentrum gegenüber ist verrammelt. Die Pizzeria, der Eisladen, die Reinigung, das Schuhgeschäft – alles zu.

Kein Wunder. Die Inflation liegt bei sagenhaften 200 Millionen Prozent in Simbabwe. In Sambia wurden gestern schon wertlose 100-Milliarden-Scheine als Andenken verhökert, für einen US-Dollar das Stück. Ein US-Dollar? Der Junge schaut mich ungläubig an. Ein Dollar ist sehr viel Geld. Dann ist er plötzlich verschwunden, und ich stehe vor einem Hotelkoloss aus Backstein, der sich The Kingdom nennt. Sein Wahrzeichen ist ein gemauerter Turm von der Größe eines Einkaufszentrums. Darauf stecken falsche Elefantenstoßzähne wie die Hörner auf einer Wikingerhaube. Wegen seiner phallischen Anmutung wird das 500-Betten-Haus statt Kingdom auch Condom genannt.

Es ist der einzige Fall von Größenwahn in Victoria Falls. Der übrige Ort wirkt so zurückhaltend wie eine englische Kleinstadt. Die Mauern der Hotels sind weiß oder pastellfarben, viele stammen noch aus der Zeit, als die koloniale Oberschicht Rhodesiens ihre Sommerfrische an den Fällen verbrachte. Auch die jüngeren, nach der Unabhängigkeit errichteten Häuser zeigen, dass Victoria Falls sein elitäres Image weiterhin gut gepflegt hat. Breite, von Mopane-Büschen gesäumte Wege führen zu strohgedeckten Lodges und terrassenförmig in den Hang gebauten Ferienanlagen. Ihre Bauart erinnert an die Villen, die Kolonialbeamte in diesem Teil der Welt für ihre Familien errichten ließen. Zwei Stockwerke, Satteldach, Schaukelstühle auf den Veranden, oft plätschert ein Springbrunnen im Garten.

Vor der Teak Lodge beobachtet ein Mädchen mit kunstvoll geflochtenen Zöpfen sein Spiegelbild im Swimmingpool. Eine Frau im grünen Seidenkleid trägt eine Karaffe auf die Terrasse. »Ruthy, komm, wir sagen der Tante guten Tag!«, ruft sie, als sie mich am Gartentor sieht. Sie heißt Tecla Magomba und lädt mich ein, mir ihr Haus anzusehen. Im Frühstückssaal läuft eine Soap. Tecla schaltet den Ton ab und fährt mit der Hand durch ihre gebügelten Locken, als fühlte sie sich ertappt. »Letztes Jahr um diese Zeit waren wir noch ausgebucht.« Da waren in der Hauptstadt Harare die Lebensmittel schon knapp, die ersten Krankenhäuser schlossen, weil es keine Medikamente mehr gab. Tecla bekam davon nichts mit. In der Vorzeigestadt wahrte das Regime offenbar bis zuletzt sein Gesicht. Auch mein erst zwei Jahre alter Reiseführer schreibt, dass Reisende in Victoria Falls auf nichts verzichten müssten.

In gewisser Weise stimmt das sogar. Man bekommt zwar nirgends mehr Brot, kann aber jederzeit einen Hubschrauberrundflug buchen. Die Agenturen in der Hauptstraße bieten weiterhin Dinnercruises auf dem Sambesi an, Bungee-Springen und Spaziergänge mit zahmen Löwenbabys. Vor den großen Hotels warten geschniegelte Portiers, als rechneten sie gleich mit dem Eintreffen einer ausländischen Delegation. Im Kasino bimmelt den ganzen Tag eine Armee einarmiger Banditen.

Richtig gespenstisch wird es auf dem von uralten Baobab-Bäumen umstandenen Handwerksmarkt. Tausende Ebenholzgiraffen und Mahagonifrauen mit ausladendem Hintern. Eine ganze Kohorte o-beiniger Buschmänner aus schwarzem Basalt. Dazwischen hocken die Handwerker. Sie schnitzen und meißeln, als gäbe es von diesem Zeug nicht schon mehr als genug.

In Bulawayo, der nächstgrößeren Stadt, ist das Gesundheitssystem zusammengebrochen. Und hier auf dem Souvenirfriedhof spielen sie unbeirrt eine Groteske. Es ist bloß nicht klar, wie die Rollen verteilt sind und was mein Part darin ist. Als einer der Händler mich anspricht, fährt eine Frau ihm in die Parade. »Lassen Sie die Dame in Ruhe. Sie ist unser Gast!«, schreit sie. Sie war mir vorher schon aufgefallen, in ihrem blauen Uniformrock schlich sie zwischen den Holzgiraffen herum wie ein Kätzchen auf der Suche nach Milch. Ich hatte sie für eine arbeitslose Fremdenführerin gehalten. Sie streckt mir die Hand entgegen. »Josephine, Touristenpolizei. Wohin möchten Sie?«

»Zum Victoria Falls Hotel«, höre ich mich sagen, obwohl ich überhaupt keine Lust auf Begleitschutz habe. Doch der lässt sich jetzt nicht mehr vermeiden. Josephine eskortiert mich bis zu dem Hotel, aus dem dieser ganze seltsame Ort vor gut hundert Jahren entstand. Am Gartentor übergibt sie mich wie ein verirrtes Lamm einem Mann, den das Schild auf seiner Smokingjacke als Senior Manager ausweist. Josephine lächelt, er lächelt zurück. Im Pavillon spielt eine Marimbaband Evergreens, Köche mit riesigen Kochmützen tragen leere Tabletts über den Rasen. Dahinter thront der hufeisenförmige Hotelpalast wie ein Schloss.

Wenn man so will, verhält sich dieser Hotelpalast zu Victoria Falls wie Victoria Falls zum Rest von Simbabwe. Er ist noch europäischer, noch pompöser und hat noch weniger mit der Realität ringsum zu tun. Die Eingangshalle betrete ich durch ein Spalier schwarz livrierter Kellner. Über ihren Köpfen glotzen ausgestopfte Impalas und Löwenköpfe ins Leere, unter meinen Sohlen knirscht historisches Intarsienparkett, in den Kronleuchtern bricht sich das Licht. Alte Landkarten erzählen von der Eroberung Afrikas durch weiße Geschäftsleute und Siedler, alte Waffen von den Freuden der Großwildjagd.

Hinge zwischen den beiden lebensgroßen Gemälden von Queen Mary und King George nicht ein kleines Jugendbild des greisen Diktators Robert Mugabe, könnte man auf die Idee kommen, das Victoria Falls Hotel wäre die letzte Enklave des britischen Empire. Tecla, Josephine und der Souvenirfriedhof sind plötzlich ganz weit weg. »Sie bleiben doch zum Tee?«, fragt einer der Kellner. Vielleicht auch zum Dinner, denke ich. Wenn schon Kunstwelt, dann richtig. Im Hotelgarten soll es ein schönes Freibad geben. Und schon die Aussicht von der Terrasse rechtfertigt ein ausgiebiges Menü: vorn der manikürte Hotelrasen, dahinter der Sambesi, der um diese Uhrzeit langsam die Farbe einer grünen Weinflasche annimmt. Am Horizont verschwindet die Eisenbahnbrücke, die ich am Morgen passiert habe, im Dunst.

Auf der Terrasse sind zwei Tische besetzt. An einem blättert eine ältere Dame in einem Buch. An dem anderen wartet ein Engländer auf sein Wechselgeld. Er befindet sich auf einer sentimentalen Reise. Seine Eltern haben in den siebziger Jahren ihre Flitterwochen hier verbracht, und er ist hier, um herauszufinden, was ihnen so gut gefiel. Erst wollte er es wie ich machen und drüben in Sambia übernachten. Dann hat er sich doch für Simbabwe entschieden, »weil das hier das verdammte Original ist«.

Sein Blick sucht den Kellner, der ihm noch immer nicht auf seine 50 US-Dollar herausgegeben hat. Aber der ist verschwunden. Als er wiederauftaucht, um mir eine Serviette über den Schoß zu legen, fällt mir auf, dass sein Jackett ziemlich fadenscheinig ist. Die Serviette hat ein Brandloch. »Und«, fragt der Engländer, »was ist jetzt?« Der Kellner gibt sich untröstlich. »Wir haben kein Geld mehr.« Er habe im ganzen Haus gefragt. So etwas sei ihm in 28 Jahren noch nie passiert. Ich lasse das mit dem Dinner.

Als ich über die alte Eisenbahnbrücke zurück nach Sambia gehe, verschwindet die Sonne hinter dem Sambesi. Das Dämmerlicht färbt den grünen Fluss grau. Auf meiner Hotelterrasse improvisiert ein Flötist zu dem Soundtrack von Out of Africa. Kennedy stellt ein Glas Wein auf meinen Tisch und schaut mich an, als hätte er nicht damit gerechnet, mich lebendig wiederzusehen. »Hat es sich denn wenigstens gelohnt?«, fragt er. Wegen der Fälle auf jeden Fall. »Und sonst?« Schwer zu sagen.

 
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