Der geheime Louvre
Unsichtbar für die Öffentlichkeit, lagert in einem Industriegebiet im Rheinland die größte private Kunstsammlung Deutschlands. Ein Blick ins Depot, wo die Kisten für die erste Ausstellung gepackt werden
In der Schatzkammer: Der Wert der Sammlung Rau wird auf bis zu 750 Millionen Euro geschätzt. Nun werden 230 Gemälde im Arp Museum in Remagen zu sehen seinAns Licht der Welt: Salomon van Ruysdaels »Flusslandschaft« (1634) wird für den Transport verpackt. Auch Claude Monets »Die Felspyramiden von Port-Coton« (1886) und El Grecos »Hl. Dominikus im Gebet« (um 1600–1610) werden bald verschickt
Schön ist das Rheinland woanders. Weiter südlich zum Beispiel, wo die Eifel beginnt, oder östlich, wo das Bergische Land aus der Tiefebene wieder eine Landschaft macht. Hier aber, in der Nähe von Köln, stehen nur Lagerhallen, Möbelmärkte und Verwaltungsblocks. »Schreiben Sie bitte nicht, wo wir uns genau befinden«, sagt Helga Kuhn und öffnet die schwere Doppeltür eines Lastenaufzugs. Niemand soll vermuten, dass in einem dieser unscheinbaren Gebäude zurzeit die wertvollste deutsche Kunstsammlung aufbewahrt wird, die sich noch in privaten Händen befindet: 743 Gemälde und Plastiken vom Spätmittelalter bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts.
Als Pressesprecherin von Unicef Deutschland hat Helga Kuhn eigentlich mit Kampagnen gegen Kindersoldaten in Afrika oder zur Trinkwasserversorgung zu tun. Seit gut zehn Jahren aber ist alles anders. Seither müssen Kuhn und ihre Kollegin Anja Petz sich auch mit der Frage auseinandersetzen, wie einige der wertvollsten Werke der Kunstgeschichte richtig eingelagert werden, welche Temperaturen die Holztafeln nicht beschädigen und wie Holzwürmer aus Barockrahmen entfernt werden können.
Ein schmaler Gang führt in zwei große Räume mit Hängegittern und Regalstellagen. Nur durch dünne Wellpappe getrennt, stehen hier Gemälde dicht an dicht, für die mancher Sammler ein Verbrechen begehen würde. Vorsichtig blättert Anja Petz durch die Rahmen und zeigt hier einen Corot, dort einen Signac. Die Namensliste reicht von Fra Angelico und Vittore Crivelli über Lucas Cranach den Älteren, Guido Reni, El Greco und Canaletto, über François Boucher und Jean-Honoré Fragonard bis zu Cézanne und Monet, Sisley und Pissarro, Renoir und Toulouse-Lautrec, Degas und Redon, Bonnard und van Dongen. An ihrer Echtheit gibt es keinen Zweifel: In dem unscheinbaren Lagerhaus mitten im Industriegebiet wird ein kleiner geheimer Louvre gehütet, dessen Wert unabhängige Gutachter auf 500 bis 750 Millionen Euro geschätzt haben.
Bis zu seinem Tod im Januar 2002 gehörte all das Gustav Rau. Er war Industrieerbe, Arzt und betrieb ein Kinderkrankenhaus im kongolesischen Ciriri. 1958 hatte er sein erstes Bild gekauft, Die Köchin des Rembrandt-Schülers Gerard Dou. Rau sammelte aus Leidenschaft und als Wertanlage, meist ohne professionellen Berater und trotzdem mit ungeheurem Blick für Qualität. Picasso, sagte Rau selbst kurz vor seinem Tod, habe er nicht gekauft, weil er den Maler nie verstanden habe. Auf vier Stiftungen mit Sitz in der Schweiz und in Liechtenstein verteilte Gustav Rau sein Vermögen und seine Kunst. Alle hatten das Ziel, soziale und humanitäre Projekte zu fördern – auch nach seinem Tod. Kurz bevor er starb, änderte Rau aber seinen Letzten Willen und setzte Unicef Deutschland als Alleinerben ein. Der Streit, der danach um den wichtigsten Teil des Nachlasses ausbrach, wurde vor allem von den Schweizer Stiftungsanwälten mit unfeinen Argumenten ausgetragen. Sie unterstellten Rau geistige Unzurechnungsfähigkeit und ließen sein Gehirn nach dem Tod histologisch untersuchen. Von Mord durch Gift war die Rede. Vor Gericht hatte keiner dieser Vorwürfe Bestand. Im Dezember 2008 erhielt das UN-Kinderhilfswerk endgültig den Erbschein.
Die Werke der Sammlung Rau kennen das Leben im Tresor. Bevor Unicef das kostbare Konvolut übernahm, wurden die Bilder in einem Klimatresor im Zürcher Freihafen Embraport gehütet. Gelebt hat Gustav Rau mit ihnen nie. Bis Mitte der neunziger Jahre war der Kinderarzt regelmäßig in Afrika. Danach lebte er unter anderem in Monaco und später in einer Klinik bei Stuttgart – an den Wänden seines Wohnzimmers hingen immer nur Porträts seiner Eltern. Gelegentlich lieh er anonym Bilder an Museen für Ausstellungen aus. Erst eine große Welttournee machte die Sammlung Rau vor zehn Jahren in ihrer ganzen Größe und Qualität bekannt.
230 Werke werden nun von Ende Mai an im Arp Museum in Remagen zu sehen sein. Das durch Fälschungs- und Zuschreibungsvorwürfe geplagte Museum hofft, endlich auch kunsthistorisch wahrgenommen zu werden. Unicef spart Lager- und Versicherungskosten durch die Zusammenarbeit, die allerdings zeitlich begrenzt ist: Von 2026 an darf das UN-Kinderhilfswerk die 95 Hauptwerke umfassende sogenannte Kernsammlung verkaufen. Der Rest, so hat es Gustav Rau verfügt, könnte sofort zugunsten der Kinder in der Dritten Welt verkauft werden.
Schon jetzt geben sich die Vertreter der Auktionshäuser bei Unicef die Klinke in die Hand. Der Markt giert nach guter Ware. Gute Preise allerdings werden zurzeit nicht gezahlt.
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren