See Genezareth Der Geist über dem Wasser

Der See Genezareth ist das Meer des Neuen Testaments und Israels Zisterne. Am schönsten aber ist er dort, wo Wasser einfach Wasser ist

Er aber schlief, im Heck des Boots. Wie konnte er, bei diesem Sturm? Das Wasser tobte fürchterlich, »sodass auch das Schiff mit Wellen bedeckt ward«, wie der Evangelist Matthäus schreibt, »schon voll ward«, wie Markus berichtet. Die Jünger weckten ihn, panisch. Er stand auf und bedrohte die Naturgewalten. Da wichen Wogen und Wind, »und es ward eine große Stille«. Die Jünger »fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Selbst Wind und Meer sind ihm gehorsam!«

Wir Kinder wussten, wer er war. Wir sangen es im Lutherlied: Fragst du, wer er ist? Er heißt Jesus Christ… Wir sahen ihn schlafen, derweil der arme Kahn in Wasserschlünde raste und die Jünger um ihr Leben schrien. Wir sahen ihn gemessen übers Wasser schreiten und wie zu seinen Füßen Petrus versank. Wir sahen ihn predigen, vom Boot aus; am Uferhang lauschte das Volk. Unsere Augenzeugenschaft verdankte sich einer Künstlerin, die wahrhaftig Paula Jordan hieß und das DDR-Christenlehrebuch Schild des Glaubens bereits 1941 mit unvergesslichen Zeichnungen eines dezent arisierten Bibelpersonals bebildert hatte.

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Und das Meer des Neuen Testaments, der See Genezareth? Er sei von ozeanischer Dimension, wusste die Katechetin, Tante Bosse. Natürlich. Die Bewandlung ziviler Binnengewässer, die Stillung von Stürmen im Wasserglas hätte Jesu Allmacht ungenügend demonstriert.

Es folgte das Studium der Theologie. Der akademisierte Glaube löste sich von Wunderbildern, Orten, Zeiten. Er trieb Philosophie – protestantisch frei wie Hegels Weltgeist, bloß ohne Reisepass. Dann kam 1989, der Mauerfall, die Reisefreiheit. Amerika, Südostasien, die keltischen Gestade riefen lockender als das Heilige Land. Doch nun, nach weiteren 20 Jahren, das Erwachen in einem Hotelzimmer in Tiberias. Und, plötzlich sehr aufgeregt, der Gedanke: Da draußen wartet die Mitte der Welt. Gestern, bei der Ankunft, war schon Nacht. Nur der Ohrendruck bezeugte, dass man zum tiefsten Süßwassersee der Erde hinabfuhr, 210 Meter unter den Spiegel des Mittelmeers. Nun reiß die Gardine auf. Und siehe!

Die Mitte der Welt? Der Urozean der Christenheit? Ein See, rötlich grau im frühen Morgenlicht. Wind kräuselt das Wasser. Zwei Ruderer treiben ein Boot hinaus. Möwen stehen in der Luft. Einsilbiges Getschilp. An der Uferpromenade verschlafene Palmen und ein alter Mann mit Plastetüte. Ringsum schwingendes Bergland, schütter besetzt mit weißen Häusern. Am jenseitigen Ufer, zehn Kilometer entfernt, erhebt sich der Golan. Links am Horizont schimmern, fast 3000 Meter hoch, die Schneekuppen des Hermon-Gebirges. Von dort kommt, über den Jordan, das Wasser des Sees.

Auf! Um 8 Uhr geht das Schiff. Simon heißt der Motorkahn, ein hölzerner Senior, der sogleich überflutet wird: von dreißig morgenfrohen Gläubigen der Wenatchee Valley Baptist Church aus dem US-Staat Washington. Tiberias, heute mit 45000 Einwohnern die einzige Genezareth-Stadt, liegt am Westufer, Simon tuckert gen Norden. Das Nordwestufer war Jesu Wirkungsareal. Das stille Wasser täuscht über die dramatischen Talente des Sees. Fallwinde vom Golan können rasch vier Meter hohe Wellen türmen.

Schreck! Der Bordfunk schmettert Star spangled Banner, die Besatzung hisst die Stars and Stripes. Die Pilger, Hand aufs Herz, singen mit Inbrunst die Hymne. Nun stopp, auf hohem See. Begleitet vom leisen Leerschlag des Motors, hält Pfarrer Bud Wenzel die Morgenandacht. Die frohe Botschaft lautet: Wir sind im Boot mit Jesus. Die Sicherheit der Welt haben wir zurückgelassen, doch nirgends gibt es mehr Frieden und Freude als bei ihm, sogar inmitten höchster Lebenswellen.

Vom »kleinen Krieg in Gaza« spricht Benjamin-Gad Ninnayi

Bezüglich aktueller Ängste hat Pfarrer Wenzel seiner Gemeinde gesagt: Wir reisen nach Galiläa, da ist es ruhig. Das war nicht immer so. Bis zum Sechstagekrieg 1967 grenzte Syrien ans Ostufer des Genezareth. Syrisches Militär beschoss vom Golan israelische Fischer, Bauern, Kibbuzim. Eine ganze Generation, die bomb shelter children, brachte einen Teil der Kindheit im Bunker zu. Das erzählt meine Begleiterin, Ruth Eisenstein aus Jerusalem. Ihr Vater stammte aus Dortmund. Er verließ Deutschland 1937, seine beiden Schwestern wurden vom Hitler-Regime ermordet. Ruths Mann ist Palästinenser. Natürlich gebe es Streit über den Gaza-Krieg. Aber, sagt Ruth, 9000 Raketen auf Israel in acht Jahren, wer kann das ertragen?

Am ersten Abend aßen wir in Tel Aviv mit Benjamin-Gad Ninnayi vom Tourismus-Ministerium. Der nannte die derzeitige Besucherflaute eine Folge »dieses kleinen Kriegs in Gaza«, worauf ich einwandte, diese Formulierung dürfte den 13 toten Israelis exakt so wenig gefallen wie den 1300 toten Palästinensern. Hör zu, sagte Ninnayi, in anderer Runde würde ich anders reden. Jetzt sag ich nur: Wir liegen alle falsch. Okay?

Alles in diesem Land ist vielfach historisch kontaminiert, verschweißt mit Glaubensgeschichte und Ideologie. Der Friede des Sees, der schon im Altertum das Auge Gottes hieß? Flavius Josephus hat vor fast 2000 Jahren die »Landschaft von wunderbarer natürlicher Schönheit« gepriesen, die Köstlichkeit des Wassers, den Fischreichtum, das »ausgezeichnete Klima«, den »Wettstreit der Natur«, im »edlen Kampf der Jahreszeiten« immerfort »die königlichen Früchte, Weintrauben und Feigen« reifen zu lassen, »zehn Monate lang ohne Unterbrechung«. Doch schon im nächsten Kapitel seiner Geschichte des Judäischen Krieges beschreibt Josephus »ein schreckliches und verschiedenartiges Morden«: wie die römischen Krieger Vespasians auf dem Genezareth die flüchtigen Rebellen massakrierten. »Mit Blut gefärbt und voll Leichen war der ganze See, da nicht ein einziger Mann sein Leben gerettet hatte. Während der nächsten Tage erfüllte ein schrecklicher Gestank die ganze Gegend, die einen grässlichen Anblick darbot, denn die Ufer waren mit Schiffstrümmern bedeckt und mit aufgeschwollenen Leichen, die in der Sonnenhitze verwesten und die Luft verpesteten; was den Judäern schmerzlich, wurde so den Siegern widerlich.«

In Pavillons und Heckenlauben sammeln sich die Pilger

»Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen[].« So lauten die Seligpreisungen, Kernverse von Jesu Bergpredigt (Matthäus 5–7), die eine Art Grundgesetz der Friedensherrschaft Gottes bilden. Das Schiff hat am Nordufer angelegt. Hier, auf diesem Hügel, könnte es gewesen sein, befand die fromme Verehrung und errichtete 1938 durch den Italiener Antonio Barluzzi, den Grossisten katholischen Bauens im Heiligen Land, die Kirche der Seligpreisungen. Die Kolonnaden umgibt ein zum See geneigter Garten. Der Wind regt Palmen und Zypressen auf und lässt die meterhohen Weihnachtssterne tanzen.

Auf dem Rasen lagern gelöste Menschen und fühlen sich am Ziel. In Grotten, Pavillons und Heckenlauben sammeln sich Pilgergemeinden. Hier zelebriert ein römischer Priester die Kommunion, dort knien Mexikaner in bleierner Trance. Plötzlich bricht’s aus. Dumpf stöhnend, gurgelnd, schreiend schießt die Glaubenslava auf. Lallend und fuchtelnd zerreißen sich vulkanische Beter in Verzückungsekstase. Man denkt an Matthäus 6,7: »Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden []. Euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe ihr ihn bittet.« Außerdem denkt man: Schnell weg hier!

Zur Brotvermehrungskirche (Markus 6,35 ff.) gelaufen. An den Bodenmosaiken gefreut. Die kleine Primatskapelle nebenan markiert die Begegnung der fischenden Jünger mit dem Auferstandenen und die Bestallung Petri zum irdischen Führer der Christenheit: »Weide meine Schafe!« (Johannes 21,1–17). Das Kirchlein aus schwarzem Vulkanbasalt, 1934 von den Franziskanern gebaut, birgt einen flächigen Felsen namens Mensa Domini, Tisch des Herrn. Hier hat der Auferstandene den Jüngern das Brot gebrochen? Und wenn nicht – was nähme es dem Glauben? Braucht er heilige Steine?

In Kapernaum, Jesu Hauptort am See, bedeckt ein ufoartiges Gottgehäuse mit gläsernem Boden Rudimente einer frühchristlichen Wallfahrtskirche und des Hauses von Simon Petrus’ Schwiegermutter (Markus 1, 29–31). Aha, der nachmals erste Papst war verheiratet. Nahebei steht, teils rekonstruiert, der antike Folgebau jener Synagoge, in der Jesus »mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten« (Markus 1,22) seine ersten wirkungsgewaltigen Predigten hielt.

Dann geht es über den Jordan. Welch trauriges Rinnsal speist den Genezareth in diesem Trockenwinter. Am Ostufer, in Kursi (Gerasa), bezeichnen byzantinische Trümmer den Ort einer spektakulären Jesus-Tat: des Exorzismus von 2000 Übelgeistern aus einem multipel gepeinigten Mann (Markus 5). Höflich baten die Geister, ob sie in eine benachbarte Sauherde fahren dürften. Jesus erlaubte es. Die bedauernswerten Säue wurden verrückt und ersäuften sich im See. Dieses Wunder war kein Hit.

Der Tag endet am Südufer des Genezareth. Hier, wo der Jordan den See nach 22 Kilometern wieder verlässt, liegt Yardenit, die Taufanstalt. Nigerianische Pilger kommen, mit Flaschen und Kanistern, um Jesu Tauffluss für den religiösen Hausgebrauch abzufüllen. Schon folgen die Amerikaner. Man tauft und segnet sich, als gäbe es kein Morgen. Dies ist mein Freund Franklin aus Nigeria, verkündet, hüfttief im grünen Wasser, ein kompakter US-Christ, wir haben uns gerade kennengelernt. Franklin, soll ich dich taufen? – Y eah! – Franklin versinkt, taucht auf, reißt die Arme gen Himmel, jubelnd: Thank you, Lord! Open heaven! No more closed doors forever!

Dahinten verfolgt ein Stiller den Rummel, ein junger orthodoxer Priester aus Rumänien. Dies ist wohl der wichtigste Tag in meinem Leben, sagt er und zählt leise die Jesus-Orte auf: Dort durfte ich heute sein.

Was bedeutet Ihnen das?

Ich könnte es sagen. Aber ich will nicht. Sonst würde ich es zerstören.

Ja, schweigen. Am schönsten ist der Genezareth, wenn man allein durch die Norduferhänge wandert, religionshistorisch nur gelinde aufgeladen, freien Blicks für »die Lilien auf dem Feld« (Matthäus 6,28) und das Wasserspiel der Sonne. Lichtadern durchflimmern den See, Silberscheiben, gefasst in Blei und Türkis. Man läuft weich, auf sattem grünem Klee. Anemonen blühen, Bougainvillea winkt weiß, rot, violett im Wind. Man findet die orangefarbenen Kugelfrüchte des Paternosterbaums und das Dornengezweig der Christuspflaume, aus dem Jesu Peiniger ihm die Schmachkrone flochten. Die Bananenpflanzung dort unten am Ufer umflattern Gazeschleier, um der Verdunstung zu wehren. Und nun koste endlich das Wasser: frisch und süß.

Drei Tage am See. Seltsam ändern sie den Blick. Der Pilgertrubel wirkt profan. Die Seele des Genezareth offenbart sich, wo das Wasser einfach Wasser ist. Yuval Lufan, Gärtner im Kibbuz Ginosar zwischen Tiberias und Kapernaum, erzählt, wie er 1986 im Uferschlamm ein 2000 Jahre altes Fähr- und Fischerboot entdeckte. Nach 14 Jahren im Konservierungspool ist das »Jesus-Boot« nun im Yigal-Allon-Begegnungszentrum zu betrachten: das einzige authentische Artefakt aus jesuanischer Zeit am See. Lufan wurde 1942 hier geboren. Seine Eltern kamen 1921 aus der Ukraine. Bis heute danke er ihnen, dass sie sich hier niederließen. Man werde friedlich, langsam wie das Wasser.

Was bedeutet es Ihnen, dass hier das Christentum entstand?

Bevor ich das Boot fand, habe ich nicht an Gott geglaubt, sagt Lufan. Jetzt ja. Der See hat die Form einer Gebärmutter, er ist mit Fruchtwasser gefüllt, das fühle ich. Aber das Christentum ist aus dem Judentum herausgewachsen, es gehört nicht mehr zu uns. Wissen Sie, wir leben noch nicht so lange hier, erst mussten wir uns um unsere jüdischen Wurzeln kümmern. Jetzt können wir weitere Blicke tun.

Bekümmert zeigt Lufan, wie das Ufer zurückgewichen, der Seespiegel gesunken ist, von 46 auf 42 Meter. Die Fische laichen im Uferschilf, sagt Lufan. Kein Laichplatz, keine Fische.

Israels Zisterne, das ist der See. Ein Drittel des Trinkwassers kommt aus dem Genezareth. Der Wasserspezialist Hillel Glassman erklärt die prekäre Versorgungslage. Wenn man dem Genezareth mehr Wasser nimmt, als die Rote Linie gestattet, dann droht Versalzung durch aufsteigende Quellen vom Grunde des Sees. Einst lag die Rote Linie bei 212 Metern unter dem Meeresspiegel, dann bei 213 Metern… Und weiter?, fragt Glassman. 214? 215? Dummes Land! Dumme Regierung! Dummes Denken, das immer nur auf Regenjahre spekuliert! Dies ist schon der dritte trockene Winter.

Umweltschutz hat es schwer in Israel. Die Grünen sitzen nicht mal in der Knesset. Immerfort überdecken Sicherheitsfragen das ökologische Bewusstsein. Die Zukunft, sagt Glassman, liege in der Meerwasserentsalzung, die seit einigen Jahren betrieben wird. Er träumt von einer mächtigen Pipeline, die, von der wasserreichen Türkei kommend, Syrien, den Libanon, Israel, Palästina, sogar Saudi-Arabien versorgt.

Herr Glassman, das klingt wie ein paradiesischer Witz.

Wir müssen träumen, sagt Glassman, und so handeln, dass unsere Träume wahr werden.

Dann führt Ruth Eisenstein den Golan hinauf, vom Ostufer des Sees nordwärts bis zur syrischen Grenze. Sie verläuft heute 30 Kilometer vom Genezareth entfernt und wird von UN-Truppen überwacht. Man sieht die alten Bunker und Minenfelder, die strategischen Höhen, die neu gegründete Kleinstadt Qatzrin, die Ruinen des 1967 zerstörten syrischen Quneitra, das 20000 Einwohner hatte und jenseits der momentanen Grenze neu gebaut worden ist. Bei den Ruinen von Caesarea Philippi beginnt der Banias-Nationalpark, in dem einer der drei Jordan-Zuflüsse als gewaltig polternder Wasserfall niederkommt. Der syrisch-israelische Krieg von 1967 ist auch als fortgesetzter Kampf um Wasser zu begreifen. Banias war syrisch. Die Syrer begannen 1964 mit dem Bau ihrer nationalen Wasserleitung und wollten dafür Wasser umlenken, das nicht länger in den Jordan und den Genezareth geflossen wäre. Darauf startete Israel eine Mini-Mini-Attacke, wie Hillel Glassman formulierte…

Das Rauschen des Wassers ist Glücksmusik in dieser Gegend der Erde. Die Bibel faselt nicht blumig, wenn sie vom »lebendigen Wasser« spricht. Das andere – mundverbrennende Sole – füllt das Tote Meer, 150 Kilometer weiter südlich. Und im Westjordanland und in Qumran erkennt man, was Wüste ist: nicht endloser Sandstrand, sondern wasserlose Welt.

An einem Tag fuhr mich Avi Gafni vom Jüdischen Nationalfonds (JNF) auf den Gilboa, Israels Wasserscheide, den Todesberg des Königs Saul. Tief unten in der Jesreel-Ebene schimmerten silbrig Wasserreservoirs, von denen Israel über 600 angelegt hat, um kein Nass verloren zu geben. Gafni erzählte, vor einem halben Jahrhundert sei der Gilboa kahl gewesen, dann habe der JNF ihn mit Pinien bepflanzt. Die Pinie ertrage den karstigen Boden, die Trockenheit, die 45 Grad Sommerhitze. Was mein liebster Baum sei? Mir fehlte das englische Wort. Buche, sagte ich und, zu meinem Erschrecken: Buchenwald. Er schaute mich an. Dann griff er zum Handy. Er wählte, sprach hebräisch, lachte. Buche!, rief er ins Handy. Buchenwald! Die Dame stammt aus Deutschland, erklärte er später, sie ist über neunzig. Sie sagt, der Baum heißt auf Englisch beech. In Israel wächst er nicht. Doch sie erinnert sich genau, und es ist ein sehr schöner Baum.

 
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