Spielen Lebensgeschichte
Alle paar Stunden durfte sie den stinkenden, feuchten Raum, in den sie zu sechst eingesperrt waren, mit ihrer siebenjährigen Tochter verlassen, »um das Ungeziefer abzuschütteln«. Von einer gaffenden Menge beschimpft, mit Steinen und faulen Eiern beworfen, waren sie zu dem Verlies gekarrt worden. »Was wird man uns denn tun, was haben wir denn getan?«, fragte angstvoll die 29-jährige Witwe. Ihr Vergehen war, dass sie einen »gehässigen« Namen trug. Ihr Mann, ein biederer Arzt, war schon seit fünf Jahren tot, aber ihr Schwager galt als Feind des Volkes. Zahllose Gerüchte kursierten über die Tochter des berühmten Gelehrten: Dieser »Teufel von einem Weibe« sei die Geliebte des berüchtigten Vaterlandsverräters, außerdem eine Besatzerhure, schon in ihrer Jugend habe sie als »wild« gegolten. Von Gichtanfällen geplagt, schrieb sie verzweifelt an die Menschen, die ihr tatsächlich nahestanden, aber alle ließen sie im Stich. Die Zeit lief ihr davon, bei allen Ängsten hatte sie entdeckt, dass die einzige ausgelassene Tanzerei mit einem hübschen 19-jährigen Offizier Folgen hatte. Sie setzte sich eine Frist, danach wollte sie sich das Leben nehmen. So trug ein junger Mann, der sie seit Jahren mit Anträgen überschüttet hatte, Gift bei sich, als er endlich kam, um ihr zu helfen. »Er und ich! Ich lache, indem ich schreibe! Nein, das ist sicher – aus uns wird nichts«, hatte sie ihrer Schwester berichtet. Nun erwies er sich als wahrer Freund und brachte sie unter falschem Namen unter, damit sie ihr »Kind der Glut und Nacht« zur Welt bringen konnte, das in einer Pflegefamilie bald starb. Sein jüngerer Bruder kümmerte sich in dieser Zeit um sie, in zahllosen Gesprächen profitierte er von ihrem »überlegenen Verstand«. Er sei durch sie besser geworden, gestand er; aus der Gesellschaft jedoch wurde sie als unerwünschte Person ausgestoßen. »Mit einem neuen Namen würde sie eine neue Person annehmen«, drängte er den Älteren, doch der, stets in Amouren verwickelt, ließ sich Zeit. Als die »Namensänderung« endlich stattfand, war es eine Vernunftehe.
Mit dem Bruder zogen sie an einen Ort, der zum Inbegriff von Aufbruch wurde. Das gemeinsame Haus stand allen offen, die ihre Lust am Schwatzen, Debattieren und ausgelassenen Polemisieren teilten. Ihre Mutter erklärte nach einem Besuch, sie werde nicht wiederkommen, da sie »den vielen Witz nicht vertragen« könne. Die Lesewut ihrer Tochter hatte diese zu einer gesuchten Gesprächspartnerin gemacht, geistreich, mit enormem Wissen und ohne übertriebenen Respekt vor großen Namen. Vielen missfiel jedoch ihre »ungefällige Männlichkeit«. Eine Geistesgröße nannte sie, von ihrem Schwager verärgert, »Dame Luzifer« – und wieder wurden die alten Gerüchte aufgewärmt. Ihr Mann, an dessen Arbeit sie großen Anteil hatte, stellte sich vor sie, auch als der Bruder unter dem Einfluss seiner im Haus aufgenommenen Freundin sich gegen sie wandte. Das Idyll zerbrach vollends, als sie sich wirklich in einen anderen verliebte. Wer war's?
Wolfgang Müller
Lösung aus Nr. 10:
Der 1929 geborene Pastor und Bürgerrechtler Martin Luther King jr. hatte schon mit 17 Jahren in der Ebenezer-Baptistenkirche seines Vaters gepredigt. 1964 erhielt er den Friedensnobelpreis. King wurde am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee, erschossen. Sein Bruder Alfred Daniel verunglückte nur 15 Monate später bei einem Badeunfall
- Datum 02.04.2009 - 14:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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