Kaninchenraub
In Paris, Peking und Berlin streitet man über Restitutionen
Das Thema Restitution bietet täglich so viel neuen Stoff, dass man daraus fast eine eigene Kolumne machen möchte: Der Raubkunstfall der Woche. Es sind meist triste, zugleich empörende Nachrichten, die uns erreichen. Zuweilen entbehren sie nicht einer gewissen Komik. Für große Erregung etwa sorgte gerade der Fall der Ratte und des Kaninchens: Auf der spektakulären Auktion der Kunstsammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé in Paris wurden zwei bronzene Tierköpfe aus der Qing-Dynastie versteigert. Einst gehörten sie zu einem Tierkreis-Brunnen im Pekinger Sommerpalast, dann wurden sie 1860 von französischen und britischen Truppen geraubt und wechselten später mehrmals den Besitzer. China versuchte vor der Auktion, die Skulpturen per Gerichtsbeschluss zurückzuholen. Doch vergeblich: Die beiden Tierköpfe wurden zu einem Rekordpreis von zusammen 31,4 Millionen Euro versteigert. Der neue Besitzer hieß Cai Mingchao. Allerdings weigert er sich nun, den Millionenpreis zu zahlen. Durch diese List, so seine Hoffnung, finde sich doch noch ein Weg für eine kostenlose Rückgabe.
Hier in Deutschland diskutiert man über die bedeutende Plakatsammlung von Hans Sachs, die 1938 von der Gestapo beschlagnahmt wurde und heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin liegt (ZEIT Nr. 4/09). Zur Überraschung vieler hat das Gericht in einem Musterprozess, in dem es um ein einzelnes der 4000 noch erhaltenen Plakate ging, entschieden, die Sammlung an den Sohn von Hans Sachs zurückzugeben. Nun glauben diejenigen, die sich schon in der Vergangenheit gegen Restitutionen und für einen Schlussstrich starkgemacht hatten, dass dieses Urteil zu einer neuen »Prozessflut« führen könnte. Sind in den deutschen Museen bald alle Wände kahl?
Wohl kaum. Skandalös bleibt im Gegenteil, dass auch sechzig Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft deren Opfer ihr Eigentum einklagen müssen. Das Urteil führt zudem ein weiteres Mal die Unfähigkeit der sogenannten Limbach-Kommission vor, die lange vor dem Urteil für einen Verbleib der Sammlung in Berlin votiert hatte. Die 2003 gegründete Kommission soll in strittigen Fällen für eine »faire und gerechte Lösung« sorgen. In ihr sitzen sieben ehrwürdige Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker und die namensgebende Jutta Limbach, allerdings kein Restitutionsexperte oder Provenienzforscher. Bislang konnte die Kommission nur selten tagen und entscheiden, denn sie krankt an ihrer Verfassung: Anders als vergleichbare Institutionen in Großbritannien, den Niederlanden oder Österreich, die in der Vergangenheit Hunderte, ja Tausende von Fällen geklärt haben, darf die deutsche Kommission nur dann tätig werden, wenn sie von beiden Konfliktparteien zugleich angerufen wird. Die Museen verweigern sich jedoch meist.
Deshalb gehört die Limbach-Kommission in ihrer heutigen Form abgeschafft. An ihre Stelle muss endlich eine funktionierende Institution treten, die schnell für nachvollziehbare Lösungen sorgt und den einst Verfolgten zu ihrem Recht verhilft. Und die uns in Zukunft jede Woche mit einer neuen guten Nachricht zum Thema Restitution versorgt. Tobias Timm
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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