Von außen sah man es dem Haus nicht an, welche unermesslichen Schätze in seinem Inneren gehütet wurden. Ein grauer Plattenbau mit schmalen Fensterscharten am oberen Ende der Kölner Severinstraße – dort, wo die Innenstadt zur Südstadt wird. Gegenüber ein Gymnasium und das leer stehende ehemalige Polizeipräsidium, rechts und links zwei unscheinbare Wohnhäuser, eines mit Bäckerei im Erdgeschoss. Dazwischen aber erstreckte sich über sechs Etagen und ein Kellergeschoss eines der bedeutendsten Archive Nordeuropas. Im Historischen Archiv der Stadt Köln wurden Dokumente aus mehr als 1000 Jahren Stadt- und Kulturgeschichte gehütet. Hier war die Historie der Hansestadt Köln lückenlos dokumentiert, hier fanden sich päpstliche Erlasse und Handschriften von Albertus Magnus – unter säurefreien Folien, wie auf Bügeln Seite an Seite in Schränken hängend. Hier legten die sogenannten Schreinsurkunden Zeugnis von den Anfängen der europäischen Rechts- und Wirtschaftsgeschichte ab. Hier konnten Forscher die von Karl Marx herausgegebene Rheinische Zeitung im Original studieren. Hierhin gaben Heinrich Böll und später seine Erben Teile des Nachlasses.

Seit Dienstagnachmittag liegen all diese Zeugnisse unter Tonnen von Stahl und Beton begraben . Das Historische Archiv der Stadt Köln ist vollständig eingestürzt. Ob dabei Menschen ums Leben kamen, konnten Polizei und Feuerwehr bis Dienstagabend nicht sagen. »Das Historische Archiv der Stadt Köln«, erklärt dessen ehemaliger Abteilungsleiter Eberhard Illner, »war das Gedächtnis nicht nur dieser Stadt. Nun ist es verloren. Ich glaube nicht, dass die fragilen Pergamente, Papiere und Folianten das Unglück überstanden haben.« Noch bis vor wenigen Wochen hatte Illner den Zentralschlüssel zu allen Beständen. Mit ihm durch die sechs Etagen des Magazingebäudes zu gehen erinnerte an eine Schatzsuche. Schwere Metalltüren trennten die Regalräume vom Treppenhaus. Kleine Wandlampen warfen dämmriges Licht in die Gänge. Natürlich roch es so muffig, wie es in einem Archiv riechen muss. Schilder mit Siglen verrieten dem Kenner, was wo zu finden war. Illner benötigte zur Orientierung nicht, wie inzwischen viele Archivare, die elektronische Datenbank. Er wusste aus dem Kopf, was wo gelagert war. Und so griff er zielsicher nach der Pappschachtel aus dem Nachlass des Germanisten Hans Mayer, in der das halbe Dutzend handschriftlicher Briefe von Paul Celan verborgen war. Dann ging er einige Regale weiter und deutete auf den Nachlass von Jacques Offenbach, samt Partituren.

Das Unglück von Köln kam nicht von ungefähr, sagt Illner, den die Nachricht von der Katastrophe an seinem neuen Arbeitsplatz in Wuppertal erreichte. Seit einigen Wochen leitet er dort das Historische Zentrum und das Stadtarchiv. Er erinnert sich, dass schon im Frühjahr 2008 die Mitarbeiter des Kölner Archivs Setzrisse im Mauerwerk bemerkt hatten. Die Stadt wurde informiert, Statiker kamen und maßen und gaben Entwarnung – der Vorgang wiederholte sich im vergangenen Jahr mehrfach. Noch vor wenigen Tagen fand eine erneute Begehung statt. Diesmal hatte sich das gesamte Haus um mehr als zehn Zentimeter geneigt. Erinnerungen wurden wach an den 200 Meter entfernten schiefen Turm der Kirche St. Johann Baptist, der vor vier Jahren umzustürzen drohte. Ursache war der Bau einer neuen U-Bahn-Linie, die unmittelbar an Kirche und Archiv vorbeiführt.

Seit die Arbeiten dafür begannen, so berichtet Illner, begannen auch die Probleme des Archivs. Bis dahin sei das 1971 eröffnete und vor wenigen Jahren renovierte Gebäude in ausgezeichnetem Zustand gewesen. Nun werden als weitere mögliche Unglücksursachen genannt: ein Wasserrohrbruch, der den Bau unterspült, und Erdreich, das in eine benachbarte Baugrube gerutscht sein könnte.

Die Stadt Köln und die Verkehrsbetriebe wollen den Zusammenhang zwischen U-Bahn-Bau und Gebäudeeinsturz noch nicht bestätigen. Statiker werden jene Einschätzungen zu bewerten haben, die ihre Kollegen im Laufe der vergangenen zwölf Monate abgaben und die offenbar immer mit der kölschen Beschwichtigung endeten: »Et hätt noh immer joht jejange!« Sie werden entscheiden, welche Versicherung den entstandenen materiellen Schaden zu tragen hat. Am schwierigsten wird der Schaden am historischen Kulturerbe zu bilanzieren sein. Die Schriften von Konrad Adenauer und Wilhelm Riphahn, die mittelalterlichen Ratsprotokolle und die päpstlichen Edikte waren nicht versichert. Welchen Wiederbeschaffungswert hätte man in der Police auch vereinbaren wollen?

Nur einen Tag vor der Katastrophe hatte das Stadtarchiv noch Geschichtsbegeisterte ins Haus gelockt. Am Montag um elf Uhr verkündete Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia illustre neue Einlagerungen. Unter den Neuzugängen, die das Kölner Standesamt soeben dem Historischen Stadtarchiv übergeben hatte, war die Geburtsurkunde von Jacques Offenbach ebenso wie das Sterbedokument von Josef Kardinal Frings. Zuletzt waren 8400 Personenstandsbücher ins Archiv gebracht worden, die ältesten aus der Zeit direkt nach der Französischen Revolution. Doch von diesen Dokumenten war am Dienstag auf der Severinstraße nichts mehr zu sehen. Nur Schutt häufte sich auf dem Asphalt, nachdem der Boden unterm Gebäude einfach abgesackt war.