Stil Pyjama-Chic Tillmann Prüfer fragt: Warum sollen Männer im Schlafanzug auf die Straße gehen?
Es ist ein Albtraum, den jeder in irgendeiner Form schon mal hatte: Man geht, nichts Böses ahnend, aus dem Haus, steigt in die U-Bahn, registriert die verstörten Blicke der Passanten, blickt an sich herab und stellt fest: Himmel, ich bin ja noch im Schlafanzug! Manchmal werden Träume wahr. Bei den Männer-Modeschauen in Mailand ließen die Marken Etro und Dolce & Gabbana die Herren in Hosen über den Laufsteg gehen, denen unschwer anzusehen war, dass die Inspiration dafür gerade aus den Federn gestiegen war: leichte, weit geschnittene Seide, gemustert und gestreift um die Beine schlackernd, als mache man sich gerade auf den Weg zur Kaffeemaschine. Genau das soll man aber damit nicht tun. Vielmehr soll die Pyjamahose mit einem Blazer kombiniert und im Büro getragen werden.
Interessanterweise kommt der Pyjama-Chic zu einer Zeit, da fast niemand mehr einen Pyjama trägt. Allenfalls Großväter, die vom Bett nicht viel mehr erwarten, als dass sie darin nicht frieren. Der Schlafanzug ist so außer Mode gekommen, dass er schon wieder laufstegtauglich ist. Aber was will uns der Dressman im Pyjama sagen? Die Zeit des Powermannes ist vorbei – es kommt der charmante Schluffi. Früher staksten die Herren die Karrieretreppen in gestärkten Anzughosen hoch, deren Bügelfalten so scharf waren, dass man sich daran verletzen konnte. Im nächsten Sommer soll das männliche Outfit dagegen suggerieren: Hey, ich habe noch anderes zu tun als meinen Job, mein Privatleben ist mir ungemein wichtig, darum trage ich ein Outfit, in dem sonst höchstens Hugh Hefner zur Arbeit erscheinen würde.
Dieser Trend kommt gerade rechtzeitig zur Weltwirtschaftskrise. Schließlich muss man davon ausgehen, dass in den kommenden Monaten etliche Männer, die bislang sehr viel Zeit im Büro verbracht haben, von ihren Chefs gesagt bekommen, dass sie künftig ihr Privatleben in vollen Zügen genießen können. Man kann dann am letzten Arbeitstag vom Schreibtisch aus direkt nach Hause gehen und sich ins Bett legen.
Eine andere Frage ist natürlich, ob man sich gerade in diesen unsteten Zeiten neue Hosen kaufen will. Wer zögerlich ist, kann ja mal bei seinem Großvater anfragen, ob er ihm eine Pyjamahose leiht. Wenigstens tagsüber.
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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