Handy-Netzteile Einer für alle!
Bisher braucht jedes Mobilgerät sein eigenes Netzteil. Mit dem Kabelwirrwarr soll bald Schluss sein, die Hersteller versprechen den Einheitsstecker. Aber einfach wird das nicht
Eins fürs Handy, eins fürs Smartphone, eins für den Laptop. Für Kamera, MP3-Player und elektrische Zigarette je eins. Und noch eins fürs heizbare T-Shirt. Manchmal ein weiteres, das nicht mehr zuzuordnen ist, weil das Typenschild zerkratzt ist. Der ultramobile Mensch von heute kann bis zu einem Dutzend Netzteile im Rucksack mit sich herumschleppen. Und wenn er dann eines von ihnen braucht, lernt er jenes geheime physikalische Gesetz kennen, demzufolge sich Netzkabel stets und ohne jedes Zutun in kurzer Zeit verknoten.
Doch es gibt Hoffnung in der Netzteil- oder Ladegerätemisere: Eine erste Linderung verspricht die GSM-Association, eine Art Standardisierungsplattform der Mobilfunkindustrie. Ab 2012 sollen wenigstens die meisten neuen Handys mit einem einzigen, standardisierten Ladegerät elektrisch versorgt werden – mit einem allseits passenden Micro-USB-Stecker, einem Standard, der soeben um sich greift. Nokia, Samsung, Sony Ericsson und so weiter haben’s versprochen: In drei Jahren gibt es nicht mehr den viel beklagten »Ladegerätezoo« mit dreißig verschiedenen Geräten und Steckern, sondern die UCS, die universal charging solution . Nie mehr Not-Rundmails im Büro: »Wer leiht mir ein Ladegerät für Siemens ME 45?« Stattdessen ein Wort zum Zimmernachbarn: »Hasse ma ne UCS?«
Zunächst spricht vieles gegen eine solche Standardisierung. Bis auf die Konsumenten waren eigentlich alle Beteiligten zufrieden: Hersteller und Handel verdienten gut am Netzteil, das verloren gehen konnte, von dem man meist mehrere (für daheim, fürs Auto, fürs Büro …) brauchte und das mit dem Kauf des Nachfolgehandys zu Müll wurde. Und Techniker betrachten das Gerät und seinen Akkulader ohnehin als Einheit.
Dass die Schnittstelle zwischen Handy und Ladegerät – der Stecker – nicht standardisiert ist, hat eben auch technische Gründe: Das Netzteil ist mehr als ein bloßer Transformator, der die Netzspannung auf Niederspannung absenkt. Und das Laden eines Akkus ist alles andere als ein trivialer Befüllungsvorgang. Am stärksten unterscheiden sich die Ladestrategien bei unterschiedlicher Akku-Chemie. Ein Nickel-Cadmium-Akku zum Beispiel nimmt Tiefentladung weniger übel, aber Schnellladung und Wärme umso mehr. Ein Lithium-Ionen-Akku dagegen kann durch Tiefentladung zerstört werden; er verzeiht keine zu hohe Ladespannung.
Dementsprechend gibt es dumme und kluge Netzteile. Letztere sind mit »intelligenter« Elektronik ausgerüstet und kommunizieren mit dem Akku in einem abgestimmten Lademanagement. Billige Netzteile neigen generell zur Überladung, was die Lebensdauer eines Akkus mehr als halbieren kann. Auf der anderen Seite gibt es lernfähige Ladegeräte, die den Ladevorgang prognostizieren und haarscharf vor der Überladung abschalten können. Ein dänischer Hersteller hat durch ein ausgeklügeltes dreistufiges Ladeverfahren einen einzigen Akku über neun Millionen Mal laden und entladen können – normal bei unseren Handyakkus sind 500 solcher »Ladezyklen«.
Warum gibt es bei allen ökonomischen und technischen Bedenken auf einmal die Nachricht vom Einheitsladegerät? Die GSM-Association hat den Sinneswandel unlängst in Barcelona vorgetragen, während des Mobile World Congress, einer Veranstaltung, die sehr offensichtlich dem green washing der Branche dienen sollte. Biologisch abbaubare Materialien und Energieeffizienz waren Leitthemen, und da passte die universal charging solution exakt ins Konzept. Immerhin könnte eine UCS theoretisch jährlich 51000 Tonnen Wegwerfnetzteile ersparen. Verbunden mit einem besseren Wirkungsgrad (weniger Abwärme!) und einer intelligenten Standby-Regelung (die Teile stecken auch, wenn sie nicht zum Laden gebraucht werden, fast immer in der Steckdose), könnten laut Berechnungen der GSMA jedes Jahr 13,6 Millionen Tonnen Treibhausgas eingespart werden. Prima ins Timing passte ein zorniger EU-Industriekommissar Günter Verheugen, der vor wenigen Tagen vehement einheitliche Ladegeräte forderte. Machen wir ja schon, konnte die Branche kontern, jedenfalls bis 2012.
Ob aus dem Einheitsnetzteil jedoch tatsächlich etwas wird, steht in den Sternen. Die Entwicklung eines Industriestandards dauert lange und erfordert von allen Beteiligten ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft. Die Tatsache, dass der auch im Handysektor wichtiger werdende Hersteller Apple nicht mitmacht, wird allgemein als schlechtes Zeichen gewertet. Apple hat – anders als die Konkurrenz – schon lange einen eigenen Standard für Ladegeräte entwickelt.
Außerdem gibt es konkurrierende Ladeverfahren, die sich ebenfalls schnell entwickeln könnten. Solarhandys kann man bei Samsung und LG schon kaufen. »Ladematten«, auf die man zu ladende Geräte nur legen muss und die auf elektromagnetischer Induktion beruhen (Prinzip elektrische Zahnbürste), haben vielleicht eine große Zukunft. Und auch der Prophet der kabellosen Stromübertragung, Marin Soljacic, ein 36-jähriger Physiker aus Boston, hat sich wieder zu Wort gemeldet. Er hat jetzt eine Firma gegründet und die Markteinführung seines »Witricity« ( wireless electricity ) genannten Verfahrens für 2010 angekündigt. Sein Prototyp schafft es, mithilfe eines hochfrequent pulsierenden Magnetfeldes eine Leistung von 200 Watt durch die Luft zu schicken.
In Interviews nennt Soljacic als tieferen Beweggrund für seine Forschungen gern eigene Schlafstörungen, hervorgerufen durch das Piepen eines Not leidenden Gerätes. Ein leerer Akku verlangte jede Nacht nach dem Ladegerät. Der Übeltäter: sein Handy.
- Datum 09.03.2009 - 16:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
- Kommentare 7
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dass die Stärken der Standardisierung wieder erkannt werden. Man stelle sich vor es würde keine genormten Schrauben und Nägel geben, so wie früher mal.
Im Grunde ist es völlig egal wie das Ladegerät intern beschaffen ist, so lange das was aus dem Stecker rauskommt standardisiert (U,I,P,f) ist. Den Rest kann auch das Handy intern erledigen. Insofern ist das im Artikel etwas verfälscht wenn es heißt:
Zitat: Das Netzteil ist mehr als ein bloßer Transformator, der die Netzspannung auf Niederspannung absenkt. Und das Laden eines Akkus ist alles andere als ein trivialer Befüllungsvorgang.
Nichts anderes ist es im Grunde - simples befüllen. Nur hat jeder sein eigenes Süppchen gekocht was die Art und Weise angeht um nur ja inkompatibel zu allen anderen zu sein. Hat vielleicht auch was mit dem, ach so tollen, Marken- oder Patentschutz zu tun.
Warum muss jeder Trottel einen eigenen Lithium-Ionen-Akku passend nur zu seinem Gadget herstellen, der sich nur durch die Lage der Aussparungen und der Kontakte von den Akkus einer Mitbewerber unterscheidet? Damit er für den Ersatzakku 20 Euro fordern kann?
Ein anderer Grund fällt mir nicht ein. Wie die Explosionsserie bei den "Markenakkus" von Nokia gezeigt hat, kommt alles eh aus der gleichen chinesischen Hinterhof-Klitsche.
Reine Beutelschneiderei. Genau wie bei den Ladegeräten.
wir brauchen neue Normen ! Frueher gab es 4 verschiedene Batterien (diese knuffigen runden dinger) - genormt fuer jedes (lade)geraet.
das waere auch ganz einfach wieder einzufuehren : geraete werden nur zugelassen, wenn sie eine der (zu definierenden) spannungen nutzen !
Ein unverbindlicher Vorschlag : 1,2 V, 1,5 V, 3V, 4,5V, 9V, 12V, 24V
Die Batterien koennten eckig sein und mit bestimmten markierungen und plastiknasen ausgestattet um ueberspannungen zu verhindern und um verschiedene Bauweisen zu kennzeichnen (Lion, NMH), koennten sie aeusserlich sogar fast identisch sein.
Dann koennte das handy auch mal mit dem akku vom fotoapparat funktionieren !
Und die Ladegeraete waeren automatisch reduziert !
Und der akku eines ausgedienten geraetes kann weiterbenutzt werden !
Und Umspannungsgeraete fuer dem Betrieb im Auto (Handy, PC...) waeren simpel !
Und Anschluss an Gleichstrom-anlagen sehr vereinfacht (Die "230V norm" zwingt zum verlustreichen transformieren von solarzellenstrom auf 230V) !
kleiner patzer:
Die Batterien koennten eckig sein und mit bestimmten markierungen und Plastiknasen ausgestattet um ueberspannungen zu verhindern und um verschiedene Bauweisen zu kennzeichnen (Lion, NMH) - die Akkus koennten aeusserlich sogar fast identisch sein, also in x-beliebige geraete passen - auch in serienschaltung zur spannungserhoehung !
Na, da stellt sich doch die Frage, ob nicht pulsierende 200 Watt starke Magnetfelder eher zu Schlafstörungen führen, als piepsende leere Handys.
Ich finde es super, dass die Richtung in eine nachhaltige Entwicklung tendiert und Kleinigkeiten wie ein Standardnetzteil so viel bewirken kann. Es werden sich sicher noch andere Dinge finden lasse, bei dem kleine Veränderungen, Großes bewirken und eine Ressourcenschonung mit sich bringen. Dass da einige Hersteller, wie Apple und Co. nicht mitspielen wollen, weil ihnen Gewinne entgehen könnten, versteht sich. Durch den Druck von Verbraucher und Politik werden auch sie früher oder später zu einer Anpassung gezwungen. Viele Unternehmen haben inzwischen ein nachhaltiges Leitbild (CSR etc.) in ihre Unternehmensphilosophie eingeführt. Sich dann bei solchen Schritten, wie einer Standardisierung, im Sinne einer umweltverträglicheren und effizienteren Systematisierung, quer zu stellen, würde dem Leitbild widersprechen. (was noch oftmals der Fall ist) Das zeigt, dass in der Wirtschaft noch vieles schön geredet wird und etwas nach außen gestrahlt wird, um Stakeholder zur Zufriedenheit zu bringen, aber ein verantwortungsbewusstes Handeln in den obersten Etagen noch nicht wirklich angekommen ist. Es wird sich immernoch zu sehr auf die Gewinne konzentriert. Dabei bringt dieses einseitige Fokussieren allerlei Nebenwirkungen mit sich, die sich früher oder später auf das Unternehmen auswirken werden.
dass ein dänischer Hersteller an einer einzelen zelle über 9 Millionen
Ladezyklen demonstriert hat? Ich halte das für eine Lüge.
Bei einer (extrem kurzen) Zyklusdauer von nur einer Stunde (wer würde eine Zelle einsetzen, die ein Gerät weniger als eine Stunde lang mit Energie versorgt?) entsprechen die 9 Millionen Zyklen einer Messzeit von mehr als tausend Jahren...
Zitat: "Das Netzteil ist mehr als ein bloßer Transformator..."
das ist nicht komplett falsch, beschreibt aber den technischen Stand von ca 1990.
Tatsächlich steckt schon seit vielen Jahren in den kleinen schwarzen Kästchen kein Transformator, sondern ein kleines, billiges Schaltnetzteil.
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