Was mache ich hier? Nr. 78 Radas Mantel

Wie meine Mutter im Anne-Frank- Museum aus ihrem Buch las und fror

Meine Mutter, meine Tochter Rosa und ich saßen in einem kahlen, kalten Raum im Anne-Frank-Museum am Hackeschen Markt und froren. Meine Mutter saß vorn, an einem langen weißen Tisch, an dem zwei riesige Plakate hingen, und las aus ihrem Roman. Auf den Plakaten sah man Anne Frank und einen Satz von Anne Frank, der so optimistisch klang, als stamme er gar nicht von ihr oder als sei er extrem aus dem Zusammenhang gerissen. Da ich nie Anne Franks Tagebuch gelesen habe, kann es aber auch sein, dass sie wirklich solche schönen, naiven Sätze gedacht und geschrieben hat, schließlich war sie immer nur ein Kind, als sie Anne Frank war, und vielleicht wird sie darum bis heute so verehrt. Wer liebt nicht den zum Tode Verurteilten, der lächelt?

Meine Mutter lächelte auch. Sie sah sehr gut aus, aber auch müde und aufgeregt. Sie hatte ihren hellbraunen Pelzmantel an, der so groß war wie das Tier, aus dem er gemacht worden war, und ich dachte, das ist der russische Stil meiner Mutter, den ich so liebe, die Frauen von heute sind, wenn es um ihr Aussehen geht, weniger pathetisch und emotional. Während die pathetische Lea im Roman meiner Mutter von Baku nach Moskau zog, vor der deutschen Armee mit ihrer Familie in den Ural floh, von Moskau nach Prag ausreiste und von dort vor der russischen Armee ausgerechnet nach Deutschland emigrierte – während Lea, die russische Jüdin und verträumte Schönfärberin, das Leben besser kennenlernte, als sie es wollte, rutschten Rosa und ich immer tiefer in unsere Sitze, und jetzt dachte ich: Was für bequeme Sitze, und das im Anne-Frank-Museum! Das Publikum in dem kahlen, kalten Raum saß nicht so bequem wie Rosa und ich. Die Menschen – die meisten zwischen vierzig und fünfzig, bürgerlich, ernst, gebildet, in hellen Blousons und dunklen Strickjacken – saßen aufrecht, ihre Gesichter waren wie mit Wachs überzogen, und wann immer meine Mutter von ihrem Buch aufsah und lächelte, lächelten sie nicht zurück. War meine Mutter für sie Anne Frank – so wie sie geworden wäre, wenn sie überlebt hätte? »Aber es gefällt Ihnen doch bei uns in Deutschland?«, sagte nach der Lesung ein kleiner, dicker, extrem glatt rasierter Mann zu meiner Mutter. »Aber ja«, sagte sie, »die Menschen hier sind sehr offen und freundlich, vor allem in Hamburg, wo ich seit fast vierzig Jahren lebe, so lange wie nirgendwo sonst.« Und jetzt lächelten endlich einige, und meine Mutter bekam einen schweren, viel zu bunten Strauß Tulpen, der überhaupt nicht zum Anne-Frank-Museum passte, aber zu ihrem Pelzmantel.

Ein paar Bücher hat meine Mutter an diesem Abend auch verkauft. Während sie mit ihrer kantigen, riesigen Schrift langsam ihren Namen reinschrieb, das Datum, den Ort, gingen Rosa und ich durchs Museum. Es gab nicht viel zu sehen, Schwarz-Weiß-Fotos, Schautafeln, das Faksimile des Anne-Frank-Tagebuchs. Das alles war natürlich sehr überflüssig und langweilig. Am interessantesten war noch die Pinnwand mit den Zetteln, auf die Besucher ihre Meinung über das Museum schrieben. »Wir Deutsche müssen immer für Frieden auf der Welt sorgen, das ist unser historischer Auftrag«, stand dort. Oder: »Es ist wirklich schlimm, was damals den Juden passiert ist.« Oder: »Voll toll!« Rosa nahm auch einen Zettel und schrieb drauf: »Hilfe, ich bin Jude!« Dann rannten wir beide weg wie nach einem Klingelstreich.

Zu Hause spielten Rosa und ich – meine Mutter saß in der Küche und legte Patiencen – ein Literaturquiz, das wir uns in der Straßenbahn ausgedacht hatten. Ich musste den Namen eines Schriftstellers und den Titel seines Buchs sagen, und Rosa, die noch nicht einmal heimlich Erwachsenenbücher liest, musste sagen, ob dieses Buch gut oder schlecht ist und was dort passiert.

»Franz Kafka, Der Prozess«, sagte ich.

»Ganz gut«, sagte Rosa. »Es geht wahrscheinlich um jemanden, der etwas Schlimmes gemacht hat.«

»Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. «

»Stinklangweilig. Keine Ahnung, worum es geht.«

»Rada Biller, Die Melonenschale.«

»Ganz interessant«, sagte Rosa, während sie meinen Laptop aufklappte, sich bei SchülerVZ einloggte und ihren introvertierten Computerblick bekam, »aber zu lange her.«

Ich ging in die Küche zu meiner Mutter. Sie hatte wieder ihren Pelzmantel angezogen. Sie sah aber nicht mehr müde oder aufgeregt aus. »Warum ist es bei euch in Berlin immer so kalt?«, sagte sie, und ich merkte jetzt erst, dass mir auch kalt war. Ich ging zurück ins Wohnzimmer und sagte zu Rosa: »Soll ich die Heizung wärmer machen? Ist dir auch so kalt?« Sie sah mich nicht an. Sie schüttelte den Kopf und guckte weiter auf den Bildschirm, und ich dachte, wir leben alle auf einer schrecklich dünnen Eisschicht, aber merken es immer erst, wenn sie einbricht. Maxim Biller

 
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