Heiligabend, kurz nach 17 Uhr, die Kölner Innenstadt ist wie ausgestorben. Kirchenglocken läuten, aber mir ist alles andere als weihnachtlich zumute. Der Pförtner in Kölns ältestem Nachtasyl, dem Johanneshaus in der Annostraße, wirft mir einen abschätzigen Blick zu. Vielleicht habe ich etwas übertrieben mit meiner Kleidung: Die zerschlissene, zehn Jahre alte Hose habe ich zusätzlich mit Löchern versehen und eine Jacke aus der Kleidersammlung an einigen Stellen zerfetzt. Die klobigen, verschmutzten Schuhe sind die Arbeitsschuhe aus meiner Zeit als türkischer Arbeiter "Ali" bei Thyssen in den achtziger Jahren. Eine Hornbrille aus meiner Jugendzeit hilft mir bei der Verfremdung. Ich trage eine alte Reisetasche mit zusammengerollter Isomatte bei mir und einen Rucksack. Mein Ausweis ist von einem Freund entliehen. Ich lernte ihn kennen, nachdem mir jemand erzählt hatte, es gebe einen Doppelgänger, der ständig mit mir verwechselt werde. Er tat mir den Gefallen, sich beim Einwohnermeldeamt wohnungslos zu melden. Dort bekam er einen Aufkleber auf die Rückseite des Personalausweises: "Ohne festen Wohnsitz".

Auch der Notfall hat seine Regeln. Die Bürokratie, das werde ich in nächster Zeit oft zu spüren bekommen, macht einem das Leben auch dann noch schwer, wenn man am Rande der Gesellschaft angekommen ist.

Wieder einmal begebe ich mich also auf eine Reise nach ganz unten, diesmal nicht in die Arbeitswelt, sondern in die Welt derer, die schon längst keine Arbeit und keine Wohnung mehr haben. In Zeiten der Krise, da die Angst vor dem sozialen Abstieg umgeht, sehe ich mich bei denen um, die nichts mehr zu verlieren haben.

Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland wird auf 300.000 geschätzt, bis zu 30.000 Menschen leben auf der Straße, ohne in einer Statistik aufzutauchen. Ich will versuchen, ihren Alltag kennenzulernen. Ich werde mich in den nächsten Monaten immer wieder in Obdachlosenunterkünften einquartieren, in Köln, Frankfurt, Hannover und anderswo. Die kältesten Nächte dieses Winters werde ich im Freien verbringen.

Im Johanneshaus ist ein etwa Zwanzigjähriger vor mir dran. Er kann sich kaum artikulieren, wirkt wie unter Drogen und lässt sich vom Mann an der Pforte widerstandslos hinauskomplimentieren: "Raus mit dir! Geh mit Gott, aber geh!" Mir gewährt der Pförtner Einlass: "Anmeldung im ersten Stock."

Ich bin nicht der Einzige, der an diesem Feiertag hier unterkommen will. Auf dem schmalen Gang sitzen oder stehen noch sechs andere. Sie tragen ihr Hab und Gut im Rucksack oder in einer Tasche bei sich und lassen es nicht aus den Augen. In der Annostraße, das hatte mir ein Obdachloser erzählt, müsse man alles "festnageln", sonst werde es geklaut.

Bei der Aufnahmeprozedur starrt der Angestellte auf das Foto im Ausweis meines Doppelgängers und sagt: "Kennen Sie den Wallraff?" Ich befürchte schon, enttarnt zu sein, und antworte unschuldig: "Nee, wer soll das sein?" Zum Glück wird der Mann von einem anderen Neuankömmling abgelenkt. Dann wendet er sich wieder mir zu, und ich sage, ich wolle für eine Nacht bleiben. Der Angestellte schüttelt den Kopf: "Das geht nur bei Ortsfremden." Ich verstehe nicht. Wenn er mich länger hier haben will, dann bleibe ich eben über die Weihnachtstage und feiere auch noch Neujahr hier. Das ist dem Mann aber wieder zu viel. "Na gut, ich drücke ein Auge zu", sagt er. "Das darf ich eigentlich nicht. Wer nur eine Nacht bleibt, gilt als Tourist. So sind die Regeln."

Aber die sind von Stadt zu Stadt verschieden und nicht leicht zu durchschauen. Offenbar kennen sie auch manche Angestellte nicht. Wer sich im Johanneshaus offiziell erkundigt, erfährt, dass es keine Mindestaufenthaltsdauer gibt. Allerdings ist der Aufenthalt begrenzt auf fünf Tage pro Monat, davon maximal drei Tage am Stück. An den übrigen Tagen muss man ein anderes Asyl aufsuchen. Oder im Freien schlafen.

Nun muss ich ein paar Fragen beantworten: "Wieso sind Sie wohnungslos?" – "Wo übernachtet in der letzten Zeit?" – "Wovon leben Sie?" Ich antworte, meine Frau hätte mich rausgeschmissen, geschlafen hätte ich draußen, und gelebt hätte ich vom Betteln. Der Angestellte tippt alles in den Computer ein. Dann bekomme ich einen Platz in einem Vierbettzimmer zugewiesen.

Einst war das Johanneshaus berüchtigt, man hole sich da die Krätze, Ungeziefer krieche durch die Räume. Auf den ersten Blick scheint es hier aber sauber zu sein, und man hat mir frische Bettwäsche gegeben. Es bleibt die Trostlosigkeit des kahlen Raumes mit seinen vier Betten, die Luft ist verqualmt und überhitzt.