GesellschaftWie leben Obdachlose in Deutschland?

Günter Wallraff auf Recherche in den kältesten Tagen dieses Winters. von Günther Wallraff

Heiligabend, kurz nach 17 Uhr, die Kölner Innenstadt ist wie ausgestorben. Kirchenglocken läuten, aber mir ist alles andere als weihnachtlich zumute. Der Pförtner in Kölns ältestem Nachtasyl, dem Johanneshaus in der Annostraße, wirft mir einen abschätzigen Blick zu. Vielleicht habe ich etwas übertrieben mit meiner Kleidung: Die zerschlissene, zehn Jahre alte Hose habe ich zusätzlich mit Löchern versehen und eine Jacke aus der Kleidersammlung an einigen Stellen zerfetzt. Die klobigen, verschmutzten Schuhe sind die Arbeitsschuhe aus meiner Zeit als türkischer Arbeiter "Ali" bei Thyssen in den achtziger Jahren. Eine Hornbrille aus meiner Jugendzeit hilft mir bei der Verfremdung. Ich trage eine alte Reisetasche mit zusammengerollter Isomatte bei mir und einen Rucksack. Mein Ausweis ist von einem Freund entliehen. Ich lernte ihn kennen, nachdem mir jemand erzählt hatte, es gebe einen Doppelgänger, der ständig mit mir verwechselt werde. Er tat mir den Gefallen, sich beim Einwohnermeldeamt wohnungslos zu melden. Dort bekam er einen Aufkleber auf die Rückseite des Personalausweises: "Ohne festen Wohnsitz".

Auch der Notfall hat seine Regeln. Die Bürokratie, das werde ich in nächster Zeit oft zu spüren bekommen, macht einem das Leben auch dann noch schwer, wenn man am Rande der Gesellschaft angekommen ist.

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Wieder einmal begebe ich mich also auf eine Reise nach ganz unten, diesmal nicht in die Arbeitswelt, sondern in die Welt derer, die schon längst keine Arbeit und keine Wohnung mehr haben. In Zeiten der Krise, da die Angst vor dem sozialen Abstieg umgeht, sehe ich mich bei denen um, die nichts mehr zu verlieren haben.

Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland wird auf 300.000 geschätzt, bis zu 30.000 Menschen leben auf der Straße, ohne in einer Statistik aufzutauchen. Ich will versuchen, ihren Alltag kennenzulernen. Ich werde mich in den nächsten Monaten immer wieder in Obdachlosenunterkünften einquartieren, in Köln, Frankfurt, Hannover und anderswo. Die kältesten Nächte dieses Winters werde ich im Freien verbringen.

Im Johanneshaus ist ein etwa Zwanzigjähriger vor mir dran. Er kann sich kaum artikulieren, wirkt wie unter Drogen und lässt sich vom Mann an der Pforte widerstandslos hinauskomplimentieren: "Raus mit dir! Geh mit Gott, aber geh!" Mir gewährt der Pförtner Einlass: "Anmeldung im ersten Stock."

Ich bin nicht der Einzige, der an diesem Feiertag hier unterkommen will. Auf dem schmalen Gang sitzen oder stehen noch sechs andere. Sie tragen ihr Hab und Gut im Rucksack oder in einer Tasche bei sich und lassen es nicht aus den Augen. In der Annostraße, das hatte mir ein Obdachloser erzählt, müsse man alles "festnageln", sonst werde es geklaut.

Bei der Aufnahmeprozedur starrt der Angestellte auf das Foto im Ausweis meines Doppelgängers und sagt: "Kennen Sie den Wallraff?" Ich befürchte schon, enttarnt zu sein, und antworte unschuldig: "Nee, wer soll das sein?" Zum Glück wird der Mann von einem anderen Neuankömmling abgelenkt. Dann wendet er sich wieder mir zu, und ich sage, ich wolle für eine Nacht bleiben. Der Angestellte schüttelt den Kopf: "Das geht nur bei Ortsfremden." Ich verstehe nicht. Wenn er mich länger hier haben will, dann bleibe ich eben über die Weihnachtstage und feiere auch noch Neujahr hier. Das ist dem Mann aber wieder zu viel. "Na gut, ich drücke ein Auge zu", sagt er. "Das darf ich eigentlich nicht. Wer nur eine Nacht bleibt, gilt als Tourist. So sind die Regeln."

Aber die sind von Stadt zu Stadt verschieden und nicht leicht zu durchschauen. Offenbar kennen sie auch manche Angestellte nicht. Wer sich im Johanneshaus offiziell erkundigt, erfährt, dass es keine Mindestaufenthaltsdauer gibt. Allerdings ist der Aufenthalt begrenzt auf fünf Tage pro Monat, davon maximal drei Tage am Stück. An den übrigen Tagen muss man ein anderes Asyl aufsuchen. Oder im Freien schlafen.

Nun muss ich ein paar Fragen beantworten: "Wieso sind Sie wohnungslos?" – "Wo übernachtet in der letzten Zeit?" – "Wovon leben Sie?" Ich antworte, meine Frau hätte mich rausgeschmissen, geschlafen hätte ich draußen, und gelebt hätte ich vom Betteln. Der Angestellte tippt alles in den Computer ein. Dann bekomme ich einen Platz in einem Vierbettzimmer zugewiesen.

Einst war das Johanneshaus berüchtigt, man hole sich da die Krätze, Ungeziefer krieche durch die Räume. Auf den ersten Blick scheint es hier aber sauber zu sein, und man hat mir frische Bettwäsche gegeben. Es bleibt die Trostlosigkeit des kahlen Raumes mit seinen vier Betten, die Luft ist verqualmt und überhitzt.

Leserkommentare
  1. Wie läuft das eigentlich mit den Fotos und Videos? Hat der Wallraff noch nen Kameramann in Pennerklamotten gesteckt und der filmt heimlich mit oder wie? Das hab ich mich schon bei der letzten Wallraff-Nummer gefragt.

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    @runninggecko, schicken Sie Herrn Wallraff eine e-Mail und fragen ihn selbst? Zwei Bilder die in seinem Artikel (Zeit-Magazin) veröffentlicht wurden stammen von mir selbst! Na und schlimm? Nach dem Motto, erst um Erlaubnis fragen, dann knipsen.
    MfG Richard Brox, webmaster von Deutschlands meistbesuchten Internetportal für Obdachlose, Nichtsesshafte, Durchreisende ohne festen Wohnsitz und Mitmenschen in Sozial schwierigen Lebenslagen.

    Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...

  2. Der Kanzlerkandidat der SPD hat Anfang der 90er Jahre seine Doktorarbeit über Obdachlosigkeit geschrieben. Schon damals waren die Obdachlosen in Gießen nicht zu übersehen. Seine akademische Beschäftigung mit dem Thema hat Herrn Steinmeier nicht davon abgehalten, tatkräftig an Hartz IV mitzuwirken. Mit Hartz IV wurden weitere Voraussetzungen für Obdachlosigkeit und flächendeckende Verarmung geschaffen.

    PS. In den meisten ehemaligen Garnisionsstädten der Amerikaner verfallen die Kasernen oder wurden sogar die Fenster und Türen zerstört, um sie für Obdachlose oder Hausbesetzer unbrauchbar zu machen.

    Wir müssen zur Entdeckung von Mißständen nicht immer nach Rußland oder Zimbabwe schauen. Manchmal reichen auch zwei offene Augen beim Gang durch die eigene Stadt.

    Eine Leserempfehlung
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    @korfstroem, wenn man bedenkt das Gießen das Obdachlosenheim im Falkweg, bei den US-Kasernen, vergammeln lässt und Obdachlose dort im Sozialen Brennpunkt vor Übergriffen selten geschützt werden! Ist es nicht verwunderlich das ein Vertreter von neoliberaler Ströhme wie Herr Steinmeier ausgerechnet in Giessen studierte.
    MfG Richard Brox

    Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...

  3. Da haben Sie ja nochmal Glück gehabt Herr Wallraff. [...]
    [Entfernt. Bitte tragen Sie zu einer sachlichen und niveauvollen Diskussion bei. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    Was verlangen Sie von einer Stadt, die jahrelang Risse und Bauschäden ignoriert? Obdachlose gehören in Köln und allen Großstädten schon immer zum Erscheinungsbild.

    Notwendig wäre Obdachlosigkeit nicht. In diesem Punkt muß man dem Kölner Oberbürgermeister rechtgeben. Die Städte haben Leerstände genug. Aber auch Angst, dass bei einer Zuführung der Leerstände zum Wohnungsmarkt die Mietpreise fallen. Deshalb verrotten Kasernen, Altbauten, leerstehende Gewerbeimmobilien ...

    Allzu gerne wird dann das Klischee bemüht, dass sich viele Obdachlose gar nicht helfen lassen möchten und die Obdachlosigkeit selbst gewählt wird.

    Sie haben in ihrem Bericht eine Gruppe unerwähnt gelassen. Die große Anzahl Menschen, die ohne Wohngeld und Zuschuß vom Sozialamt trotz Arbeit obdachlos wäre. Außerdem gibt es auch Menschen, die obdachlos sind, obwohl sie Arbeit haben! Fragen Sie einmal bei den Sozialämtern der Großstädte nach!!!

    • eluutz
    • 08. März 2009 13:16 Uhr

    Ganz allgemein, inzwischen verhält sich unsere Gemeinschaft wie ein Haufen verängstigter Neureicher. Vor lauter Sorge um die Wenigen, die den Sozialstaat ausnutzen, wird lieber 1000mal kontrolliert, ob nicht doch, vielleich oder warum nicht.

    Das Schlimme ist, dass ich mich selbst genauso verhalte, Menschen auf der Strasse prinzipiell kein Geld mehr gebe wegen Berichten über Alkoholismus, hohen Betteleinnahmen, Bettelmafia, ...

    Gibt natürlich in der Stadt einge Bettler, die einem regelmäßig begegnen, die man grüßt. Mit einem jungen Wohnungslosen, der ne Obdachlosenzeitung verkauft hat, hab ich mich mal länger unterhalten, einfach so. Netter Kerl, das Problem war nur, dass er danach irgendwie von mir erwartet hat, dass ich die Zeitung regelmäßig von ihm kaufe. Hab ihn jetzt ne Weile nicht gesehen.

    Meine Schwester meint, ich solle halt Spenden, das wäre das sinnvollste was man tun könne. Verantwortung weiterreichen, erst an den Staat (Steuern), dann an Hilfsorganisationen.

    Und es läßt einen verdammt nochmal nicht kalt.

  4. krepiert halt auf der Strasse, so isses Christenpflicht. Das nennt sich dann übrigens Freiheit. Und damit ist eben nicht die Freiheit von Not oder von Krankheit gemeint, sondern die Freiheit, sich zu unterwerfen oder zu krepieren. Dazu kommt dann noch das ungezügelte Treiben der Gossenjournaille, die uns immer mal wieder einen Florida-Rolf als Sau durchs Dorf treibt, diese Zeitungen mit den grossen Buchstaben, die mit jedem einzelnen Exemplar, das erscheint, den Artikel 1 des Grundgesetzes verletzen.
    Aber kein Elend auf der Welt ist so gross, dass es nicht durch eine Behörde verschlimmert werden könnte.
    Danke, Herr Wallraff, für den klaren Artikel.
    _________________________________________________
    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
    ______

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    • Makati
    • 10. März 2009 2:33 Uhr

    Waren Sie schon mal in Mumbai, in Lagos, in Manila? DA krepieren die Leute auf der Strasse. Sie können sich noch nicht mal über Behörden aufregen, die ihnen angeblich nicht helfen.
    In Deutschland können sich die Obdachlosen wenigstens noch in eine Notunterkunft retten (wenn sie es wollen und gebacken kriegen, zum Amt zu gehen) Sie können staatliche Hilfe kriegen, sie können zu einer kirchlichen Suppenküche gehen.
    Obdachlosigkeit ist immer furchtbar, das will ich nicht kleinreden. Aber, meine lieben ZEIT-lesenden Aufreger, in Deutschland muss niemand auf der Straße krepieren. Echt nicht.

    • mahun
    • 08. März 2009 14:47 Uhr

    es gehört zu altbundesdeutschen Lebenslügen dass das Leben "fair" oder zumindest sozial zu sein habe. Ist es nicht, war es nie, ist es nirgends. Nur die Fähigkeit zum Selbstbetrug ist jeweils unterschiedlich ausgeprägt. Insofern sind die Deutschen die die Selbstkasteiung lieben hier sehr viel redlicher als zB die Skandinavier die immer so sozial tun aber die vielen Obdachlosen die sich das dortige teure Leben nicht leisten können und schnell abstürzen trotz Sozialleistungen (die es in D ja auch gäbe), und Ausländer die mal nicht mehr Steuern zahlen können sondern selbst Hilfe bräuchten einfach ausweisen (>Dänemark). Insofern finde ich es gut dass immer wieder der Finger draufgehalten wird. Ich finde aber es gibt auch ein Recht darauf sich verantwortungslos zu verhalten und dann auf der Straße zu landen. Ein ehemaliger Schulkamerad von mir der ein guter Freund ist ist ebenfalls auf der Straße gelandet und schlägt sich in der Punkerszene durch. Ich hab oft Hilfe angeboten, er will sie nicht. Er mag dieses Leben aus irgend einem Grund letztendlich, er kann selbst nicht sagen warum. Nicht jeder will in eine saubere Wohnung mit adretter Kleidung und einem 8 Stunden Job gesteckt werden.. das muss man hinnehmen. Freilich gibt es auch Obdachlose die das gerne hätten.. denen muss geholfen werden. Die Verbindung Obdachlos= In Not (wie das für den Durchschnittsbürger sicher der Fall wäre) gibt es aber nicht das hab ich durch meinen Freund gelernt.

  5. @runninggecko, schicken Sie Herrn Wallraff eine e-Mail und fragen ihn selbst? Zwei Bilder die in seinem Artikel (Zeit-Magazin) veröffentlicht wurden stammen von mir selbst! Na und schlimm? Nach dem Motto, erst um Erlaubnis fragen, dann knipsen.
    MfG Richard Brox, webmaster von Deutschlands meistbesuchten Internetportal für Obdachlose, Nichtsesshafte, Durchreisende ohne festen Wohnsitz und Mitmenschen in Sozial schwierigen Lebenslagen.

    Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...

    Antwort auf "Fotos? Videos?"
  6. @korfstroem, wenn man bedenkt das Gießen das Obdachlosenheim im Falkweg, bei den US-Kasernen, vergammeln lässt und Obdachlose dort im Sozialen Brennpunkt vor Übergriffen selten geschützt werden! Ist es nicht verwunderlich das ein Vertreter von neoliberaler Ströhme wie Herr Steinmeier ausgerechnet in Giessen studierte.
    MfG Richard Brox

    Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...

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