Gesellschaft Wie leben Obdachlose in Deutschland?Seite 5/5
Ich eile den Gang, der an den Schlafräumen vorbeiführt, entlang, schließlich finde ich eine Ecke hinter einem Vorhang, wo ich mich hinkauere. Mir ist, als ob die Luft immer stickiger würde. Wenn hier mal ein Schwelbrand ausbricht! Es reicht, wenn eine Matratze durch eine Zigarette in Brand gerät. Alle wären gefangen und würden an Rauchvergiftung krepieren. Mein Nachbar hat die Suche offenbar aufgegeben, und gegen drei Uhr nachts schlafe ich schließlich ein.
Als ich am nächsten Morgen den Bunkerwart darauf anspreche, dass ich mich bedroht gefühlt habe, und ihn frage, warum die Eingangstür verschlossen war, rechtfertigt er sich: "Wenn wir nicht abschließen, kann’s sein, dass morgens dein Zeug weg ist." Als ich weitere Fragen stelle, wird er ungehalten. "Was willst du, lass mich in Ruhe, willst du Messer in Rippe oder was?"
Draußen lerne ich einen anderen Schläfer aus dem Bunker kennen. Viktor, 57, ist abgemagert, sein Gesicht zerfurcht. Er habe seit drei Tagen nichts gegessen, sagt er. Ihn erwartet eine dreimonatige Gefängnisstrafe, weil er zum wiederholten Male schwarzgefahren ist. Viktor hat auch bessere Zeiten gesehen. Er hatte eine Transportfirma, vor ein paar Jahren verlor er seinen größten Kunden und konnte den Verlust nicht mehr kompensieren. Dann ging alles ziemlich schnell. Arbeitslos, Haus weg, Familie kaputt. "Ich war 30 Jahre verheiratet und habe eine Tochter und ein Enkelkind."
Ich überrede Viktor, mit mir zum Wohnungsamt zu gehen, und verspreche ihm, seine Geldbuße zu überweisen, damit er nicht ins Gefängnis muss. Für uns ist ein lässig gekleideter Mitarbeiter zuständig, auf den ersten Blick sieht er aus wie einer von uns. "Dann werdet ihr jetzt erst mal verarbeitet", sagt er und sucht nach einer "dauerhaften Lösung". Er blättert lange in einer Liste, dann scheint er fündig geworden zu sein und nennt uns ein Heim an Hannovers Stadtgrenze. "Drei Häuser, pro Haus ungefähr 40 Insassen. Da wollen viele gar nicht mehr weg, oder sie gehen erst mit den Füßen voran."
Ich solle ein paar Formulare unterschreiben, dann sei alles klar. Auch Viktors Daten trägt er ein, schiebt ihm ebenfalls die Formulare zur Unterschrift zu. Dann muntert er ihn auf: "Sie sehen so abgekämpft aus, fahren Sie besser mit Straßenbahn und Bus dahin. Miete kostet im Monat 159 Euro. Können Sie sich aber vom Arbeitsamt wiedergeben lassen."
Als ich zögere, die Formulare zu unterschreiben – eine Tbc-Untersuchung innerhalb der nächsten drei Tage wird verlangt und eine Abtretungserklärung, die regelt, dass das Arbeitsamt das Geld direkt an das Heim überweist –, sagt der Beamte: "Wenn Sie nicht unterschreiben, kommen Sie auch nicht mehr in den Bunker." Schließlich lenken Viktor und ich ein.
Eine Reihe von Behördengängen steht uns noch bevor, ich bezweifle, dass Viktor sich dabei alleine zurechtfinden würde. Aber nun machen wir uns mit den Formularen erst einmal auf die Reise. Nach einer Stunde U-Bahn- und Busfahrt stehen wir vor einem düsteren Gebäudekomplex, Schulenburger Landstraße 335. Eine Sozialarbeiterin nimmt erneut unsere Personalien auf. Wir reichen ihr unsere Papiere. Das Wichtigste ist die "Zuweisung einer Unterkunft wegen Obdachlosigkeit". Laut Bescheinigung wird mir ein Bettplatz zur Verfügung gestellt. Bis zum 04.02.2010.
So hätte ich jetzt vielleicht die Möglichkeit, einen Absprung aus der Obdachlosigkeit zu schaffen. Ich habe es bis hierher geschafft, mit viel Glück und dank meiner Hartnäckigkeit. Viele der Obdachlosen, die mir in den letzten Wochen begegnet sind, kommen erst gar nicht so weit. Wenn sie nicht an sich selbst scheitern, scheitern sie an der Bürokratie.
Viktor hat jetzt einen Platz in diesem Wohnheim. Am Rande der Stadt, weil Hannover wie andere Städte auch darauf bedacht ist, die City frei zu halten von Gestalten wie unsereins.
Am Dienstag, 10. März 2009, 23.00 Uhr, ist Günter Wallraff zu Gast in der Sendung "Menschen bei Maischberger" zum Thema: "Panik um den Job: Muss der Staat uns alle retten?"
- Datum 02.07.2009 - 08:16 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
- Kommentare 15
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Wie läuft das eigentlich mit den Fotos und Videos? Hat der Wallraff noch nen Kameramann in Pennerklamotten gesteckt und der filmt heimlich mit oder wie? Das hab ich mich schon bei der letzten Wallraff-Nummer gefragt.
@runninggecko, schicken Sie Herrn Wallraff eine e-Mail und fragen ihn selbst? Zwei Bilder die in seinem Artikel (Zeit-Magazin) veröffentlicht wurden stammen von mir selbst! Na und schlimm? Nach dem Motto, erst um Erlaubnis fragen, dann knipsen.
MfG Richard Brox, webmaster von Deutschlands meistbesuchten Internetportal für Obdachlose, Nichtsesshafte, Durchreisende ohne festen Wohnsitz und Mitmenschen in Sozial schwierigen Lebenslagen.
Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...
@runninggecko, schicken Sie Herrn Wallraff eine e-Mail und fragen ihn selbst? Zwei Bilder die in seinem Artikel (Zeit-Magazin) veröffentlicht wurden stammen von mir selbst! Na und schlimm? Nach dem Motto, erst um Erlaubnis fragen, dann knipsen.
MfG Richard Brox, webmaster von Deutschlands meistbesuchten Internetportal für Obdachlose, Nichtsesshafte, Durchreisende ohne festen Wohnsitz und Mitmenschen in Sozial schwierigen Lebenslagen.
Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...
Der Kanzlerkandidat der SPD hat Anfang der 90er Jahre seine Doktorarbeit über Obdachlosigkeit geschrieben. Schon damals waren die Obdachlosen in Gießen nicht zu übersehen. Seine akademische Beschäftigung mit dem Thema hat Herrn Steinmeier nicht davon abgehalten, tatkräftig an Hartz IV mitzuwirken. Mit Hartz IV wurden weitere Voraussetzungen für Obdachlosigkeit und flächendeckende Verarmung geschaffen.
PS. In den meisten ehemaligen Garnisionsstädten der Amerikaner verfallen die Kasernen oder wurden sogar die Fenster und Türen zerstört, um sie für Obdachlose oder Hausbesetzer unbrauchbar zu machen.
Wir müssen zur Entdeckung von Mißständen nicht immer nach Rußland oder Zimbabwe schauen. Manchmal reichen auch zwei offene Augen beim Gang durch die eigene Stadt.
@korfstroem, wenn man bedenkt das Gießen das Obdachlosenheim im Falkweg, bei den US-Kasernen, vergammeln lässt und Obdachlose dort im Sozialen Brennpunkt vor Übergriffen selten geschützt werden! Ist es nicht verwunderlich das ein Vertreter von neoliberaler Ströhme wie Herr Steinmeier ausgerechnet in Giessen studierte.
MfG Richard Brox
Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...
@korfstroem, wenn man bedenkt das Gießen das Obdachlosenheim im Falkweg, bei den US-Kasernen, vergammeln lässt und Obdachlose dort im Sozialen Brennpunkt vor Übergriffen selten geschützt werden! Ist es nicht verwunderlich das ein Vertreter von neoliberaler Ströhme wie Herr Steinmeier ausgerechnet in Giessen studierte.
MfG Richard Brox
Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...
Da haben Sie ja nochmal Glück gehabt Herr Wallraff. [...]
[Entfernt. Bitte tragen Sie zu einer sachlichen und niveauvollen Diskussion bei. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
Was verlangen Sie von einer Stadt, die jahrelang Risse und Bauschäden ignoriert? Obdachlose gehören in Köln und allen Großstädten schon immer zum Erscheinungsbild.
Notwendig wäre Obdachlosigkeit nicht. In diesem Punkt muß man dem Kölner Oberbürgermeister rechtgeben. Die Städte haben Leerstände genug. Aber auch Angst, dass bei einer Zuführung der Leerstände zum Wohnungsmarkt die Mietpreise fallen. Deshalb verrotten Kasernen, Altbauten, leerstehende Gewerbeimmobilien ...
Allzu gerne wird dann das Klischee bemüht, dass sich viele Obdachlose gar nicht helfen lassen möchten und die Obdachlosigkeit selbst gewählt wird.
Sie haben in ihrem Bericht eine Gruppe unerwähnt gelassen. Die große Anzahl Menschen, die ohne Wohngeld und Zuschuß vom Sozialamt trotz Arbeit obdachlos wäre. Außerdem gibt es auch Menschen, die obdachlos sind, obwohl sie Arbeit haben! Fragen Sie einmal bei den Sozialämtern der Großstädte nach!!!
Ganz allgemein, inzwischen verhält sich unsere Gemeinschaft wie ein Haufen verängstigter Neureicher. Vor lauter Sorge um die Wenigen, die den Sozialstaat ausnutzen, wird lieber 1000mal kontrolliert, ob nicht doch, vielleich oder warum nicht.
Das Schlimme ist, dass ich mich selbst genauso verhalte, Menschen auf der Strasse prinzipiell kein Geld mehr gebe wegen Berichten über Alkoholismus, hohen Betteleinnahmen, Bettelmafia, ...
Gibt natürlich in der Stadt einge Bettler, die einem regelmäßig begegnen, die man grüßt. Mit einem jungen Wohnungslosen, der ne Obdachlosenzeitung verkauft hat, hab ich mich mal länger unterhalten, einfach so. Netter Kerl, das Problem war nur, dass er danach irgendwie von mir erwartet hat, dass ich die Zeitung regelmäßig von ihm kaufe. Hab ihn jetzt ne Weile nicht gesehen.
Meine Schwester meint, ich solle halt Spenden, das wäre das sinnvollste was man tun könne. Verantwortung weiterreichen, erst an den Staat (Steuern), dann an Hilfsorganisationen.
Und es läßt einen verdammt nochmal nicht kalt.
krepiert halt auf der Strasse, so isses Christenpflicht. Das nennt sich dann übrigens Freiheit. Und damit ist eben nicht die Freiheit von Not oder von Krankheit gemeint, sondern die Freiheit, sich zu unterwerfen oder zu krepieren. Dazu kommt dann noch das ungezügelte Treiben der Gossenjournaille, die uns immer mal wieder einen Florida-Rolf als Sau durchs Dorf treibt, diese Zeitungen mit den grossen Buchstaben, die mit jedem einzelnen Exemplar, das erscheint, den Artikel 1 des Grundgesetzes verletzen.
Aber kein Elend auf der Welt ist so gross, dass es nicht durch eine Behörde verschlimmert werden könnte.
Danke, Herr Wallraff, für den klaren Artikel.
_________________________________________________
In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
ideologische Heimat hat: die FDP.…
______
Waren Sie schon mal in Mumbai, in Lagos, in Manila? DA krepieren die Leute auf der Strasse. Sie können sich noch nicht mal über Behörden aufregen, die ihnen angeblich nicht helfen.
In Deutschland können sich die Obdachlosen wenigstens noch in eine Notunterkunft retten (wenn sie es wollen und gebacken kriegen, zum Amt zu gehen) Sie können staatliche Hilfe kriegen, sie können zu einer kirchlichen Suppenküche gehen.
Obdachlosigkeit ist immer furchtbar, das will ich nicht kleinreden. Aber, meine lieben ZEIT-lesenden Aufreger, in Deutschland muss niemand auf der Straße krepieren. Echt nicht.
Waren Sie schon mal in Mumbai, in Lagos, in Manila? DA krepieren die Leute auf der Strasse. Sie können sich noch nicht mal über Behörden aufregen, die ihnen angeblich nicht helfen.
In Deutschland können sich die Obdachlosen wenigstens noch in eine Notunterkunft retten (wenn sie es wollen und gebacken kriegen, zum Amt zu gehen) Sie können staatliche Hilfe kriegen, sie können zu einer kirchlichen Suppenküche gehen.
Obdachlosigkeit ist immer furchtbar, das will ich nicht kleinreden. Aber, meine lieben ZEIT-lesenden Aufreger, in Deutschland muss niemand auf der Straße krepieren. Echt nicht.
es gehört zu altbundesdeutschen Lebenslügen dass das Leben "fair" oder zumindest sozial zu sein habe. Ist es nicht, war es nie, ist es nirgends. Nur die Fähigkeit zum Selbstbetrug ist jeweils unterschiedlich ausgeprägt. Insofern sind die Deutschen die die Selbstkasteiung lieben hier sehr viel redlicher als zB die Skandinavier die immer so sozial tun aber die vielen Obdachlosen die sich das dortige teure Leben nicht leisten können und schnell abstürzen trotz Sozialleistungen (die es in D ja auch gäbe), und Ausländer die mal nicht mehr Steuern zahlen können sondern selbst Hilfe bräuchten einfach ausweisen (>Dänemark). Insofern finde ich es gut dass immer wieder der Finger draufgehalten wird. Ich finde aber es gibt auch ein Recht darauf sich verantwortungslos zu verhalten und dann auf der Straße zu landen. Ein ehemaliger Schulkamerad von mir der ein guter Freund ist ist ebenfalls auf der Straße gelandet und schlägt sich in der Punkerszene durch. Ich hab oft Hilfe angeboten, er will sie nicht. Er mag dieses Leben aus irgend einem Grund letztendlich, er kann selbst nicht sagen warum. Nicht jeder will in eine saubere Wohnung mit adretter Kleidung und einem 8 Stunden Job gesteckt werden.. das muss man hinnehmen. Freilich gibt es auch Obdachlose die das gerne hätten.. denen muss geholfen werden. Die Verbindung Obdachlos= In Not (wie das für den Durchschnittsbürger sicher der Fall wäre) gibt es aber nicht das hab ich durch meinen Freund gelernt.
@runninggecko, schicken Sie Herrn Wallraff eine e-Mail und fragen ihn selbst? Zwei Bilder die in seinem Artikel (Zeit-Magazin) veröffentlicht wurden stammen von mir selbst! Na und schlimm? Nach dem Motto, erst um Erlaubnis fragen, dann knipsen.
MfG Richard Brox, webmaster von Deutschlands meistbesuchten Internetportal für Obdachlose, Nichtsesshafte, Durchreisende ohne festen Wohnsitz und Mitmenschen in Sozial schwierigen Lebenslagen.
Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...
@korfstroem, wenn man bedenkt das Gießen das Obdachlosenheim im Falkweg, bei den US-Kasernen, vergammeln lässt und Obdachlose dort im Sozialen Brennpunkt vor Übergriffen selten geschützt werden! Ist es nicht verwunderlich das ein Vertreter von neoliberaler Ströhme wie Herr Steinmeier ausgerechnet in Giessen studierte.
MfG Richard Brox
Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren