Kolumne "Das Sabbatjahr wäre für alle eine gute Sache"

"Sie sind in die Politik zurückgekehrt. Warum machen Sie das?" Franz Müntefering antwortet Roger Willemsen

Roger Willemsen: Herr Müntefering, Sie sagen, Politik macht Spaß. Worin bestand der Spaß des heutigen Tages?

Franz Müntefering: Dass ich schon mit einigen Leuten planen konnte, wie wir Fortschritt organisieren wollen.

Willemsen: Sie wollen doch nicht sagen, es mache Spaß, mit Guido Westerwelle in Konferenzen zu sitzen?

Müntefering: Na ja, das Vergnügen habe ich ja selten. Das wird sich erst im Herbst mit der Ampelkoalition ändern.

Willemsen: Haben Sie heute schon für die Zukunft gearbeitet?

Müntefering: Klar. Wir gießen weiter fleißig die Bodenplatte, und darauf werden wir das Haus des Wahlkampfes bauen.

Willemsen: Des Wahlkampfes ja, aber der Zukunft?

Müntefering: Im Wahlkampf geht’s um Zukunft. Für mich heißt das: um Fortschritt. Manche mutlose Philosophen und Politiker sagen, es gäbe ihn gar nicht. Wir wollen ihn trotzdem.

Willemsen: Werden Sie denn nie erreicht von Zukunftsangst?

Müntefering: Nee, nie.

Willemsen: Ihnen traue ich zu, dass Sie mehr über die Zukunft der Welt nachdenken als über die eigene.

Müntefering: Kann sein, aber das verbindet sich. Ich will ja noch 30 Jahre leben.

Willemsen: Jüngere Menschen werden sagen, die Probleme heißen Klimaerwärmung, Überbevölkerung, Konflikt der Blöcke, in der Politik kriegen wir dagegen Pendlerpauschale und Abwrackprämie…

Müntefering: Das große Ziel macht den kleinen Schritt nicht überflüssig. Deshalb war Helmut Schmidts Satz vom pragmatischen Handeln zu sittlichen Zwecken immer eine große Wahrheit und sogar Vision.

Willemsen: Aber Schmidt hat auch gesagt, wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.

Müntefering: Ja, manchmal hat er sich mit ein bisschen Eitelkeit kleiner gemacht. Das ist so eine hanseatische Art. Nein, nein, der ist schon einer mit Vision. Aber im Ernst, man erreicht das Ziel ja nicht, weil man davon träumt, sondern weil man den Weg dahin geht.

Willemsen: Da spricht der Pragmatiker.

Müntefering: So ist es.

Willemsen: Hat der Pragmatiker Visionen?

Müntefering: Ob man das Ziel nun Vision nennt oder nicht, ist mir egal. Aber ja, es ist die Vorstellung davon, wie die Welt sein könnte und sollte.

Willemsen: Sie kennen die Politik auch aus dem Abstand Ihres Ausstiegs im Herbst 2007. War Ihr Leben da genießbarer?

Müntefering: Es war auch schön, weil ich – neben der Zeit mit meiner Frau – Zeit hatte, mich um mich zu kümmern. Das Sabbatjahr wäre für alle Menschen eine gute Sache. Nachdenken, sich orientieren.

Willemsen: Sie sind dann wieder in die Politik zurückgekehrt, warum haben Sie das gemacht? Des Spaßes wegen?

Müntefering: Ich wäre nicht allein drauf gekommen. Aber Frank Steinmeier hat mich gefragt, und ich glaube, dass ich nützlich sein kann, für die sozialdemokratische Idee und letztlich auch fürs Land. Und es macht mir auch Spaß, ja.

Willemsen: Und wenn Sie aus dem Abstand in die politischen Talkshows geguckt haben, dachten Sie nie: Was für merkwürdige Rituale sind das nur?

Müntefering: Ich habe kaum geguckt. Ich habe gelesen.

Willemsen: Der Finanzwelt gegenüber sprachen Sie erst von Heuschrecken, dann von Raubrittern, Halbstarken, Pyromanen und Gangstern. Rührt sich da eigentlich mal jemand aus der Finanzwelt, oder nehmen die das alle einfach so hin?

Müntefering: Manche ja, manche nein. Das sind dann diese coolen Typen, die schon damals gesagt haben: Sie haben ja recht, aber lassen Sie es, Geld regiert die Welt, da kann man nun mal nichts machen. Aber genau das ist der Punkt, an dem ich nicht zu beruhigen bin. Es ist anachronistisch und archaisch, dass Leute, die keinen demokratischen Regeln folgen wollen, einen solchen Einfluss haben. Ich will den Primat der Politik. Nur so ist Fortschritt möglich.

Willemsen: Also kann Radikalität manchmal vernünftig sein? Im Wortsinne heißt es ja auch "an die Wurzel gehen".

Müntefering: Genau so. Man muss allerdings die Menschen mitnehmen. Das wiederum darf nicht dazu führen, dass man das radikale Ziel aus dem Auge verliert.

Willemsen: Ihr Glück in der Politik ist also das des Sisyphus, der den Stein immer wieder den Berg raufrollen muss?

Müntefering: Das ist die Dialektik des Fortschritts. Wir rollen den Stein hoch, dann rollt er hinten runter, dann muss er halt wieder hoch. Immer wieder. Ist doch schön.

Franz Müntefering, 69, zog sich 2007 zurück, um seine todkranke Frau zu pflegen. Seit Oktober 2008 ist er wieder SPD-Vorsitzender. Roger Willemsen, 53, stellt ihm als Erstem die Schlüsselfrage, die ab jetzt jede Woche auf dieser Seite beantwortet wird: Warum machen Sie das?

 
Leser-Kommentare
    • Kometa
    • 05.03.2009 um 12:17 Uhr

    Willemsen fragt:
    Der Finanzwelt gegenüber sprachen Sie erst von Heuschrecken, dann von Raubrittern, Halbstarken, Pyromanen und Gangstern. (...)

    Spekulateure, die über die Börsen und Lobbyverbindungen die Parlamentarier zu Angestellten der Geldwirtschaft gemacht haben - nein, diese Aussage war nicht dabei.

    Der Begrif Geldverbrecher ist einfacher, wahrer realer und wirkungsvoller.

  1. Zitat: "Willemsen: Ihr Glück in der Politik ist also das des Sisyphus, der den Stein immer wieder den Berg raufrollen muss?

    Müntefering: Das ist die Dialektik des Fortschritts. Wir rollen den Stein hoch, dann rollt er hinten runter, dann muss er halt wieder hoch. Immer wieder. Ist doch schön."

    Nicht so schön, sondern kabarettreif!
    Mühevolle, aber ergebnislose Arbeit ist die Dialektik des Fortschritts?
    P.S.
    Genosse Münte: Der Stein rollt nicht hinten, sondern rückwärts runter.

  2. Leider hat es den Anschein, Herr Willemsen befragte Herrn Müntefering kurz nach einem Fussballspiel. So redundant, so verspasst, so phrasenhaft wirken die Antworten. Das Interview ragt nur selten aus seiner Eindimensionalität heraus und ist bundesligen von gelungenen Interviews, wie das mit Berti Vogts, entfernt. Rote Karte für Müntefering und ab ins Trainingslager!

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  • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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  • Schlagworte Franz Müntefering | Roger Willemsen | Guido Westerwelle | Sozialpolitik
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