Kolumne Wörterbericht

... und überhaupt

Nicht genug, dass sich das Absondern von Halbsätzen bereits etabliert hat. Als ob man dem guten alten Punkt nicht mehr traue, hat sich die Unart eingeschlichen, stattdessen ein »und überhaupt« zu setzen. Dieses hängt wie ein blutleerer Wurstzipfel an Behauptungen und will uns weismachen, jetzt käme noch etwas. Es kommt aber nichts. »Ich habe heute keine Lust und überhaupt…« Was? Werde ich nie wieder Lust haben? Geht dich meine Lust nichts an? Dieses »und überhaupt« meint aber rein gar nichts; die Wurst ist hier zu Ende. Perfide angewendet, taugt es zur Verschleierung. Es verspricht dann einen bunten Strauß böser Überraschungen und fungiert sozusagen als Gleitmittel ins Grauen: »Liebling, ich kann noch nicht mit dir zusammenziehen. Ich bin einfach noch nicht so weit und überhaupt…« Ja? »…habe ich mir mit Bärbel gerade eine Vierzimmerwohnung genommen.« Das wäre nun wiederum das ganz dicke Ende der Wurst. Hier sei erwähnt, dass das »über houbet« bis ins 17. Jahrhundert im Viehhandel verwendet wurde und das Ganze meinte. Wer eine Kuh »über houbet« kaufte, wollte die ganze Kuh. Vielleicht setzt man in unsicheren Zeiten weniger Punkte. Aber dass man den Halbsätzen auch noch Halbgedanken an die Seite stellt, geht überhaupt nicht. Heike Kunert

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    • Serie Audio
    • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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