ZEITMOSAIK Amerikas Blöße

Wir müssen uns ernsthaft Sorgen machen um Amerika. Nein, nicht wegen der kleinen Delle im dortigen Bruttoinlandsprodukt. Sondern wegen des drohenden Einzugs von Ironie in die Fundamente des amerikanischen Gründungsmythos. Wie The Art Newspaper meldet, plant das Lacma-Museum in Los Angeles, den Bildhauer Jeff Koons mit dem teuersten Auftragswerk der Kunstgeschichte zu betrauen: Koons will für 25 Millionen Dollar eine Lokomotive in Originalgröße kopfüber wie einen laschen Skalp an einem Kran baumeln lassen. Die amerikanische Nation, die ihr Selbstverständnis darauf gründete, dass sie mit Aufbruchsgeist, Gottvertrauen und Eisenbahn gen Westen rollte und die Bisons und Indianer verdrängte, ist nun offenbar am Ende des Wilden Westens und ihres Jägerlateins angekommen: Die Lok von Koons soll in regelmäßigen Abständen pfeifen und Rauch ausstoßen – letzte Zuckungen einer Weltmacht. So hat das Obama bestimmt nicht gemeint mit seinem Hinweis, nun müsse das Land seinen Staub abschütteln. Symbolischer als mit der Skulptur Train jedenfalls könnte Amerika dem Rest der Welt nicht demonstrieren, dass es seinen Fortschrittsglauben an den Nagel der Ironie gehängt hat. Kein Wunder, dass der Kran für das Kunstwerk von Koons von der deutschen Firma Liebherr geliefert werden soll. Auch in Fragen der Mythenzertrümmerung bleiben wir Exportweltmeister. FI

 
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