ZEITMOSAIK Hamburgs Größe

Von Hamburg lernen heißt Größe lernen. Eben noch haben wir Hanseaten den Titel »Umwelthauptstadt Europas« ergattert, schon posaunen wir den nächsten Superlativ heraus: Zwischen Boutique Bizarre auf der Reeperbahn, Fischmarkt und Millerntorstadion fand das »größte Konzert der Welt« statt – die 100 städtischen Philharmoniker spielten, verteilt auf 50 Orte, Brahms’ 2. Sinfonie, von ihrer Chefin Simone Young vom Michel herab dirigiert. Sie selbst in ihrer sturmfesten Skiunterwäsche sprach lieber nicht von einem Konzert, sondern von einem »sehr spektakulären musikalischen Event«, das sich die Werbeagentur Jung von Matt und die Marketingstrategen der Hansestadt ausgedacht haben. Wir schlagen vor, diese Salamitaktik als »Hamburger Modell weltgrößter Kulturverwurstung« patentieren zu lassen, anwendbar auf alle Künste. Der aktuelle Faust vom Schauspielhaus lässt sich sicher auch mit verteilten Rollen zwischen Herbertstraße (»Schönes Fräulein, darf ich’s wagen?«) und Landhaus Scherrer spielen (»Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen«), derweil der Ballettchef John Neumeier seine Compagnie auf Hafenkränen und Straßenstrichen tanzen lässt. Fragt sich nur, wer den Part übernimmt, das Publikum für noch dümmer zu verkaufen. cis

 
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