Journalismus Der nationale Hang zur Gosse

Die österreichische Medienbranche ist in einem Teufelskreis gefangen: Jede Neugründung senkt das allgemeine Niveau weiter

Das publizistische Niveau in Österreich sinkt stetig

Das publizistische Niveau in Österreich sinkt stetig

Der amerikanische Zeitungsmogul Joseph Pulitzer, gebürtig aus der Donaumonarchie, schuf vor über hundert Jahren eines der ersten großen Medienvermögen der Welt. Er führte erbitterte Zeitungskriege und machte sein Geld mit Skandalberichten, frei erfundenen Klatschgeschichten und marktschreierischen Sensationsstorys.

Gegen Ende seiner Karriere bekam dieser frühe Held des modernen Boulevardjournalismus allerdings Skrupel. Nun finanzierte er an zwei Universitäten akademische Ausbildungsstätten für den journalistischen Nachwuchs und stiftete der Columbia University einige Millionen, die dazu bestimmt waren, jährlich die weltweit angesehensten Publizistikpreise zu dotieren. Dort, an der Wand des langen Flurs in der School of Journalism, ließ Pulitzer, der geläuterte Boulevardverleger, seine späte Erkenntnis in Stein meißeln: »Eine zynische, geldgierige, demagogische und korrupte Presse wird im Lauf der Zeit eine Gesellschaft hervorbringen, die ebenso niederträchtig ist wie sie selbst.«

Der Mann wusste, wovon er sprach. Seine Sünden sind heute weitgehend vergessen, und sein Name wird vor allem mit journalistischer Qualität in Verbindung gebracht. Die Pulitzer-Preise zeichnen Exzellenz in einer Branche aus, die immer stärker unter Druck gerät und immer seltener außergewöhnliche Spitzenleistungen erlaubt.

Ein europäischer Medienskandal, der nur bescheidene Empörung erregte

Noch gibt es aber Verleger, die es nicht zulassen, dass in ihren Häusern ausschließlich die Logik des Managements regiert und ihre Leser mit billigem Junk abgespeist werden. Noch gibt es auch genügend mutige Journalisten, die sich mit der schleichenden Verknappung nicht abfinden wollen und auf ihrem Anspruch bestehen, eine Zeitung habe ein Medium der Aufklärung zu sein, dessen Aufgabe es sei, die Öffentlichkeit mit verlässlichen Informationen und fundierten Analysen zu bereichern. Ein altmodischer Standpunkt möglicherweise.

Aber diese Verleger und diese Journalisten beharren darauf, dass ihre Medien nicht zu möglichst unterhaltsamen Produkten der Verblödungsindustrie absinken, sondern weiterhin eine unabdingbare Voraussetzung dafür darstellen, dass der öffentliche Diskurs am Leben erhalten werden kann – und zwar ein Diskurs, der mit Argumenten und nicht mit Schlagworten geführt werden muss.

Journalistische Qualität ist kein abstrakter Wert, der sich selbst genügte. Sie ist auch kein Luxusaccessoire, das sich eine verwöhnte Elite eben mal leistet, wenn ein Sonntag verregnet sein sollte. Sie ist vielmehr eine der Grundlagen, auf denen ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen ruht. Das klingt in den Ohren vieler Politiker ebenso unerfreulich wie in jenen der Boulevardverleger, denen dieses Axiom eigentlich die Geschäftsgrundlage entziehen müsste. Denn im Unterschied zu einem Journalismus, der seiner gesellschaftlichen Funktion gerecht werden will, sind sie mitsamt ihren Söldnertruppen entbehrlich. Wenn nicht sogar dem Prozess der demokratischen Willensbildung abträglich.

Deshalb besitzen entwickelte Demokratien auch anspruchsvolle Medien und Diktaturen miserable. Und Österreich eben österreichische.

Qualität hatte in der Medienbranche dieses Landes nie einen leichten Stand. Wien sonnt sich zwar nach wie vor gerne im verblassten Glanz, vor langer Zeit einmal eine Zeitungsstadt von Format gewesen zu sein, ein Ondit, das viel von einer milden Verklärung hat. Die besseren und bedeutenderen deutschsprachigen Zeitungen erschienen auch damals in Berlin, Frankfurt oder Prag. Aber immerhin. Gegenwärtig ist journalistische Qualität allerdings nur mehr in Spurenelementen zu finden und dann meist in einsamen Nischen, in denen merkwürdige Außenseiter hausen. Die Behauptung, ein Medium der sogenannten quality press zu sein, wird zwar schnell und gerne aufgestellt, eingelöst wird sie hingegen nur selten. Es ist aber ein in Österreich weitverbreitetes Phänomen, dass eine Behauptung nicht einer Überprüfung standhalten muss, um gemeinhin als zutreffend angesehen zu werden. Das kesse Wort und die selbstverliebte Attitüde genügen vollkommen.

Um sich zu vergegenwärtigen, wie tief das publizistische Niveau in Österreich bereits gesunken ist, muss man gar nicht erst den schmatzenden Raubtierjournalismus, der bei spektakulären Kriminalfällen sein Unwesen treibt, heraufbeschwören (solche Ekeleien beschränken sich ja nicht auf österreichische Medien, da agieren andere noch viel hemmungsloser). Viel besser eignen sich dazu die journalistischen Spuren, die der Nationalratswahlkampf des vergangenen Jahres in der Zeitungslandschaft hinterlassen hat. Dabei handelt es sich um einen Themenkomplex, der in allen Demokratien relevant ist und danach verlangt, von jedem verantwortungsvollen Medium mit der nötigen Distanz und dem dazu erforderlichen Augenmaß behandelt zu werden.

In der österreichischen Zeitungswirklichkeit verkam diese Auseinandersetzung hingegen zu einer Orgie des Propagandageschmieres über den sozialdemokratischen Hoffnungsträger, mit dem sich die marktbeherrschenden Gazetten gegenseitig zu über-, eigentlich zu unterbieten versuchten, nachdem sie sich zuvor von ihrem neuen Idol mit großzügigen Anzeigenstrecken hatten einkaufen lassen. Die Empörung über diesen europäischen Medienskandal war eher bescheiden. So sei das eben hierzulande, resignierte die Branche.

Natürlich gibt es in Österreich schon lange kein Gremium der Selbstkontrolle mehr, das die übelsten Fehltritte zumindest symbolisch ahnden würde. Natürlich gab und gibt es in Österreich auch keine Medienpolitik, die Spielregeln und Rahmenbedingungen festgesetzt hätte. Stattdessen krallten sich Parteien und Interessenverbände in den ersten Nachkriegsjahren zunächst die wichtigsten Medien und entließen sie später, nachdem viele Zeitungstitel heruntergewirtschaften worden waren, in die Arme einiger Geschäftemacher. Tatenlos wurde anschließend zugesehen, wie sich in diesem Trauerspiel eine einzigartige Medienkonzentration herausbilden konnte.

Es besteht kein Grund zu der Annahme, der Tiefpunkt wäre erreicht

Noch jede Neugründung führte in den vergangenen Jahrzehnten dazu, dass die Niveauspirale ein Stück weiter nach unten gedreht wurde. In Österreich bewirkt Konkurrenz am Mediensektor offensichtlich, dass, wie in einem negativen evolutionären Prozess, die Standards immer weiter sinken. Es besteht also kein Grund zu der Annahme, es wäre mittlerweile der Tiefpunkt erreicht.

Zudem gibt es in Österreich seit Langem keine signifikante Zahl an Lesern mehr, die sich von der oberflächlichen Berichterstattung, der spekulativen Jagd nach Sensationen, dem Hofschranzengeschreibe und, nebstbei, auch von schlampiger Sprache und holpriger Ausdrucksweise abwenden würde. Vor allem dieser Mangel an kritischem Publikum ist verantwortlich für die Tristesse, die in dem Gewerbe herrscht. Es ist eine einfache Rechnung: Wenn ein Blatt vom Format der, sagen wir, Süddeutschen Zeitung nicht genügend Zuspruch findet, wird es nicht erscheinen. Oder es erscheint in Bayern.

Wahrscheinlich kann journalistische Qualität gar nicht nach absoluten Kriterien exakt bemessen werden. Es verhält sich damit vielmehr ähnlich wie mit der Armut. Die ist ein relativer Begriff. Ein österreichischer Notstandsempfänger würde vermutlich im Kosovo als gemachter Mann angesehen werden. Es bedarf daher auch keines sonderlichen Aufwandes, um sich in der österreichischen Medienszene von dem großen Rest abzuheben.

Man muss es lediglich vermeiden, ganz unten zu landen. Der Wiener Boulevard ist ein besonders finsteres Pflaster. Dort herrscht ein bemerkenswerter Ton, am Wort ist die Gosse. Es bedarf keiner Zitate, um zu beweisen, dass dieser Begriff zutreffend beschreibt, was täglich einem Millionenpublikum zugemutet wird. »Gosse«, sagt das Wörterbuch der Gebrüder Grimm, diene im bildlichen Gebrauch der Bezeichnung niederer Gesinnung und korrupter Zustände, insbesondere der Korruption von Geist, Moral und Anstand.

Mit anderen Worten der Bezeichnung dessen, von dem Joseph Pulitzer einst meinte, es könne eine Gesellschaft nachhaltig zugrunde richten.

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 12.03.2009 um 12:47 Uhr

    gibt es also in Österreich in diesem Bereich noch durchaus Verbesserungsmöglichkeiten?

    Jedoch, trösten Sie sich!
    Wie Sie ganz richtig schreiben
    Ein österreichischer Notstandsempfänger würde vermutlich im Kosovo als gemachter Mann angesehen werden.

    Was sollen wir da erst sagen!

  1. woher soll der gute österreichische journalismus auch kommen?die guten leute werden doch alle vom ausland angeworben.die arbeiten alle in den redaktionen von zeit,spiegel,süddeutscher.es ist wie beim fussball:der bodensatz bleibt den österreichern.und die medien(fussball)landschaft ist dann eben entsprechend trist.g.w.

  2. Irgendwann Anfang der Neunziger hatte ich mal ein junges Mädchen als Übernachtungsgast, die sich in der nahe gelegenen Universitätsstadt für ein Studium der Journalistik beworben hatte. Sie wurde wegen ihres schlechten Abiturs (1,3) abgelehnt. Seit dem stehe ich manchmal vor der großen Zeitungs- / Zeitschriftenwand im Supermarkt und registriere, was die Bildungseliten unter Marktbedingungen so produzieren.
    Sicher, Jeder muß seine Brötchen verdienen.... Aber sollte man nicht von manchen etwas mehr erwarten dürfen?

    • HBogon
    • 17.03.2009 um 21:03 Uhr

    Wir selbst stehen am Abgrund und die Österreicher sind uns halt schon einen Schritt voraus.

    Wie es allerdings gelingen kann, das Niveau der Deutschen Boulevardpresse noch zu unterbieten, bleibt mir schleierhaft.

    Ich werde aber auf Selbstversuche in Form eigener Recherchen verzichten. Hier ist Unwissenheit definitiv gesünder.

    • manu26
    • 17.03.2009 um 21:56 Uhr

    Da dürfen einen anscheinend die BZÖ-Ergebnisse nicht wundernehmen.

  3. Die Initiative der österreichischen (mittlerweile) Tageszeitung Die Presse, dem hier beschriebenen Fiasko etwas zu entgegnen, ist zweifellos mutig. Die Frage ist nur, ob Mut allein ausreicht, um in einer primär von auf Zielgruppenreichweite fixierten Großinserenten abhängigen Medienlandschaft mehr als ein Rufer in der Wüste zu bleiben, dem schon bald nicht nur das Wasser zum Überleben, sondern noch vorher die Luft zum Rufen ausgeht.

    Davon abgesehen scheint ohnehin längst ein ganz anderer Zug in voller Fahrt zu sein: Die Abkehr vom Prinzip der Publikations-Eliten.
    Was früher selbstverständlich war - große Reichweite gelang nur großen Verlagen mit ausreichenden finanziellen Mitteln - wird durch die billigen bis kostenlosen Publikationsmöglichkeiten per Web und die rasche Verbreitung mobiler Endgeräte zunehmend aufgeweicht.

    Auch wenn man das schon nicht mehr hören kann: Das Papier als Informationsträger wird mit Sicherheit sterben, es ist nur mehr die Frage, wann.
    Die Folge wird eine Art Informationsdemokratie sein, wie wir sie in einer Vorform anhand der Entwicklung von Wikipedia erleben können.
    Ob sich das als Vorteil erweisen wird, steht allerdings nicht in, sondern auf einem anderen Blatt...

  4. Wenn ich vor 10 Jahren Information z.B. über Russland
    oder Ex-Sowjetunion wollte,so habe ich den Spiegel gekauft.
    Ich habe damals in wenigen Zeitungen überhaupt über diesen
    Themenkomplex Informationen bekommen.Wenn ich heute
    "Die Presse" die Presse lese,so bekomme ich z.B.zum Thema
    Ukraine oder Russland,sehr gute Informationen.
    Die Qualität ist diesbezüglich genauso gut wie in der
    Züricher Zeitung.Wenn ich die Salzburger Nachrichten oder
    den Standard lese,so habe ich durchaus den Eindruck einer
    sehr guten Qualität.Die viel geschmähte Kronenzeitung:
    Sie schreibt erfreulicher Weise jetzt pro Israel,hat erfreulich
    die Blattlinie geändert.Dichant der Chefredakteur hat immer wieder auch
    Herz bewiesen.(Wer selber ohne Schuld ist,der werfe den ersten Stein)
    Wenn ich den Kurier lese,im Internet,es ist eine
    Zeitung mit Herz." Die Zeit" " Der Spiegel" "Tagesspiegel" um nur
    einige der wichtigen deutschen Zeitungen zu nennen ,sind natürlich
    toll.Aber ich sehe z.B.verglichen mit CNN com oder "Le Figaro"
    keinen so wesentlichen Unterschied,zu z.B zum "Standard"
    oder "Presse" vor allem Ö1 hat einen wunderbar hohen Informationsstandard.
    Gewisse Blattlinien hat jedes Blatt,man mag das wollen oder nicht.

  5. 8. ...

    Ich bin Deutscher und habe den groesseren Teil 2007 und Anfang 2008 in Wien gelebt. Und ich muss sagen: Ich war sehr erschrocken ueber das Niveau der Schmierblaetter, die in Wien ueberall ausliegen. Egal, ob "Oesterreich", "heute" oder "Kronenzeitung", das Niveau ist einfach nur unterirdisch. Und das Perfide daran ist, dass die Leute die ersteren Beiden in Massen lesen, zumal sie an allen U-Bahnhoefen umsonst herumliegen und die Langeweile in der Bahn lindern.
    (Fuer die Kronenzeitung geben Menschen sogar Geld aus.)

    Einfach unglaublich.

    Als ich mir dann dachte: "Naja, so ist das in kleinen Laendern", wurde ich von Neuem ueberrascht, als ich ein paar Tage in die Schweiz fuhr. Auch dort lagen Umsonstzeitungen aus. Und vom Layout der ersten Seite ausgehend war ich auf das Schlimmste gefasst. Aber als ich mir die Artikel dann ansah, bemerkte ich einen ganz anderen Ton, eine ganz andere und deutlich hoehere journalistische Qualitaet. Ich war fasziniert!

    Die Entwicklung der Qualitaet der Presse in Oesterreich ist also keineswegs gottgegeben! Im Uebrigen gibt es auch in Oesterreich mit dem Standard und der Presse durchaus akzeptable Formate.

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