Alternative am Sonntag Auf die 77 Redakteure und Korrespondenten der Presse wartet viel Arbeit: Vom kommenden Sonntag an müssen sie an sieben Tagen der Woche eine Zeitung produzieren. Mit der neuen Presse am Sonntag will das Spitzenprodukt unter den österreichischen Tageszeitungen den Massenblättern an einem Tag Paroli bieten, den sie bislang allein beherrschten. Sonntage sind attraktive Erscheinungstage für Zeitungen: Da werden sie in Entnahmetaschen quasi gratis unter die Leute gebracht, aber von der Auflagekontrolle werden sie als Kaufzeitung, also nicht als ein Ramschprodukt ausgewiesen. Der Boulevardriese Kronen Zeitun bringt auf diese Weise 1,9 Millionen Exemplare seiner onntagszeitung in Verkehr. Presse Chefredakteur Michael Fleischhacker, der gerne als Coverboy für sein Medium posiert, hofft, dass sich durch die Innovation die verkaufte Auflage der beiden Wochenendausgaben um fast ein Drittel auf 280000 Exemplare steigern lassen könnte.

Jedenfalls ist es ein nahezu verwegenes Unterfangen, mitten in der Krise, die auch der Presse nach eigenen Schätzungen rund 20 Prozent der Einnahmen kosten könnte, einen auch ohne Personalaufstockung teuren Versuchsballon zu starten. Genau diese Summe, rund sieben Millionen Euro, wird in die Sonntagszeitung investiert.

Vorläufig ist es noch ein etwas unentschiedenes Produkt. Über weite Strecken sehr kleinteilig, mit vielen Kästchen und Supplementtexten, liegt es irgendwo zwischen einer herkömmliche Sonntagszeitung und einer Tageszeitung. Einige Überraschungen hat sich das Sonntagsteam einfallen lassen, etwa eine Serie, in der das Alltagsleben von fünf Familien auf fünf Erdteilen in Reportagen begleitet wird, englischsprachige Kommentare im Original oder eine vierseitige Strecke, in der, gesponsert von der Förderagentur departure, in jeder Ausgabe über die bunte Szene der Wiener Creative Industries (vom Modeschöpfer bis zum Musikvermarkter) berichtet wird. Vieles soll semiaktuell sein, die tagesaktuelle Berichterstattung werde je nach Nachrichtenlage schwanken. Und, wie könnte es anders sein, die Titelseite schmückt ein Leitartikel des meinungsstarken Chefs. Auch der steigert seinen Output: Jetzt muss er samstags und sonntags mit seinen Ansichten ran. jr

 
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