DIE ZEIT: Mr. Davies, dieser Tage beginnt in Österreich ein Sensationsprozess, der Reporter aus der ganzen Welt anlockt…

Nick Davies: Ich weiß, der Fall Josef F.. Dieser Geschichte kann man auch in Großbritannien nicht entkommen.

ZEIT: Schon in der Vergangenheit sind englische Boulevardzeitungen, beispielsweise die Sun, dadurch aufgefallen, dass sie besonders aggressiv Jagd auf Informationen und Fotos gemacht haben.

Davies: Ich glaube nicht, dass britische Zeitungen hier eine Ausnahme darstellen. Das Prinzip des Boulevardjournalismus gleicht sich überall. Vielleicht sind die Blätter aus London unverfrorener als andere, aber hier ist die Konkurrenz auch härter und unerbittlicher. In diesem Metier geht es zu wie in der freien Wildbahn: Fressen und gefressen werden.

ZEIT: Die Reporter schrecken also schon aus Existenzangst vor keinem Mittel zurück?

Davies: Wenn Sie erpressen müssen, um an eine Schlagzeile heranzukommen, dann werden sie erpressen. Wenn sie lügen müssen, werden sie lügen. Sie werden sich verkleiden, sie werden sich einschmeicheln. Diese Leute sind sehr erfinderisch. Das ist aber alles nicht neu. In diesem Fall tritt es vielleicht besonders krass zutage, weil hier für die betreffenden Reporter besonders viel auf dem Spiel steht. Aber ihr Verhalten gehört zur Berufsroutine.

ZEIT: Für Ihr Buch Flat Earth News haben Sie die Medienbranche genau unter die Lupe genommen…

Davies: Ja, aber ich beschäftige mich darin nicht mit Boulevardzeitungen. Niemand benötigt ein Buch, in dem erklärt wird, dass Boulevardblätter unzuverlässige und unbrauchbare Informationsquellen darstellen.

ZEIT: Sie beklagen vielmehr, dass der sogenannte Qualitätsjournalismus durch den zunehmenden kommerziellen Druck im Niedergang begriffen ist.

Davies: Er ist nicht nur im Niedergang begriffen; er liegt, fürchte ich, bereits in den letzten Zügen. Journalisten waren einmal Spürhunde. Sie haben alle Informationen, an die sie gelangten, sorgfältig überprüft und erst dann in ihren Berichten weitergegeben. Jetzt haben Budgetzwänge, der Verlust von Ressourcen und der Zeitdruck, unter dem sie in den ausgedünnten Redaktionen stehen, dazu geführt, dass sie in diesen Nachrichtenfabriken wie an einem Fließband sitzen und immer häufiger unkontrolliert weitertransportieren, was ihnen von Agenturen und PR-Firmen zugetragen wird. Aus Journalisten sind churnalists geworden, wie ich das nenne – das ist von to churn out abgeleitet, von ausstoßen.

ZEIT: Was ist das Ergebnis?