Ferran Adrià Ein Geniestreich nach dem anderenSeite 4/4
Ein Tag mit Ferran Adrià. Es ist auffällig, wie oft er während des Gesprächs aufspringt, um eines seiner Bücher aus dem Regal zu ziehen oder riesige Schautafeln zu zeigen, mit denen er seine Ideen zu veranschaulichen versucht. Er liebt den Auftritt, und daher lieben ihn auch die Fernsehleute. Das spanische Fernsehen hat eine zehnstündige Dokumentation über ihn produziert. Derzeit dreht ein deutsches Team einen Film, der die Arbeit eines ganzen Jahres festhalten wird. Würde man Adriàs Rezepte, alle seine Ideen, ausdrucken, käme man auf über 7000 Seiten, sein Œuvre.
Fast manisch dokumentiert Adrià sein Schaffen, sei es in Büchern oder Filmen. Warum er das macht? Weil er verstehen will, wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet er, der Sohn von Gines Adrià und Josefa Acosta, die Kochkunst neu erfand. "In Spanien war Sterneküche früher nie ein Thema", erinnert er sich. "Niemand konnte sich vorstellen, dass die Revolution ausgerechnet hier beginnen würde – ich auch nicht!" Und seine Frau Isabel Pérez, mit der er seit zwanzig Jahren zusammen ist, die ihn kannte, bevor er berühmt wurde? "Sie ahnte es auch nicht", sagt er, "wie auch?"
Ferran Adrià geht oft schnell auf den Markt an den Ramblas, die berühmte Boqueria, kauft ein paar Zutaten ein, länger als zehn Minuten braucht er nicht dafür. Dann eilt er nach Hause, kocht für seine Frau. Keine chemischen Experimente, klassische, spanische Rezepte gibt es dann. "Sie liebt es zu essen. Ich könnte nicht mit einem Menschen zusammen sein, der nicht gerne isst", sagt er. Seine Frau freut sich darüber, dass er nicht nur im Restaurant am Herd steht, sondern auch zu Hause. Nur dass er so viele Töpfe und Pfannen benutzt, gefällt ihr nicht, "da wird sie manchmal richtig sauer".
Ferran Adrià und das El Bulli, getrennt voneinander kann man sich beide gar nicht vorstellen. Oder doch? "2012 ist das magische Datum", sagt er, "dann werde ich 50. Ich habe meinem Team versprochen, dass es das El Bulli bis dahin auf jeden Fall geben wird." Aber, fügt er hinzu, "ich werde das El Bulli verlassen, solange es noch an der Spitze steht. Wenn ich Dekadenz spüre, werde ich es sofort schließen."
Wie soll sich die Welt später mal an den besten Koch seiner Zeit erinnern? Als Antwort darauf erzählt er von einem Erlebnis auf den Ramblas. "Eines Tages ging ich vom Atelier ins Büro und merkte, dass mich einige Leute erkannten. Einer grüßte freundlich, ein anderer tat so, als sähe er mich nicht, ein Dritter drehte seinen Kopf weg. Und da dachte ich: So ist es im Leben, du kannst es nicht jedem recht machen. Finde dich damit ab."
In seinem Atelier ist Ferran Adrià vor einem gerahmten Bild stehen geblieben und deutet voller Stolz darauf: "Sehen Sie mal, das kann mir keiner mehr nehmen." Das Bild ist ein Porträt von ihm, aber kein gewöhnliches. Matt Groening hat es gezeichnet, der Erfinder der Simpsons, der mit genialem Witz und der Lust an der Provokation das Genre der Zeichentrickserie neu erfunden hat. Wenn der geniale Provokateur Ferran Adrià sich selbst auf dem Bild betrachtet, ist es deutlich zu sehen: In diesem Moment ist er glücklich.
Am 19. März präsentiert Ferran Adrià im Berliner Veranstaltungsort "Radialsystem" sein Buch "Ein Tag im elBulli: Einblicke in die Ideenwelt, Methoden und Kreativität von Ferran Adrià". 528 Seiten, 49,95 Euro, Phaidon Verlag, Berlin 2009. Tickets für die Veranstaltung in Berlin sind erhältlich über www.radialsystem.de
- Datum 30.03.2009 - 11:44 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren