Einsturz des Stadtarchivs "Ich bin verzweifelt"

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs macht einige Doktoranden arbeitslos. Ein Interview

DIE ZEIT: Wo waren Sie, als das Unglück geschah?

Michael Grouls: In einer Institutsbibliothek der Universität Bonn.

ZEIT: Dann ist doch alles in Ordnung.

Grouls: Nein, ist es nicht. Im vierten Stock des Gebäudes lagerten die Urkunden des Kölner Klosters St. Pantaleon, über das ich promoviere. Jetzt liegen sie unter dem Trümmerberg verschüttet, womöglich zerstört. Ich muss fürchten, dass dies das Ende meiner Doktorarbeit ist. Auch anderen Doktoranden der Abteilung für Rheinische Landesgeschichte ist ihr Forschungsgegenstand verloren gegangen.

ZEIT: Ihr Doktorvater, Abteilungsleiter Professor Manfred Groten, hat sich gerade noch aus dem einstürzenden Gebäude retten können.

Grouls: Ja, daran sollten wir immer zuerst denken. Aber dennoch ist die Lage sehr verzweifelt. Gerade erst hatte ich meine Bewerbung für ein Stipendium fertig, die ist hinfällig geworden, bis ich weiß, ob ich meine Doktorarbeit fortsetzen kann.

ZEIT: Wann werden Sie das wissen?

Grouls: Genau kann das keiner sagen. Offenbar sind die Dokumente des Archivs zumindest teilweise verfilmt worden, für den Fall von Kriegsschäden. Die Filme sollen in Freiburg aufbewahrt werden. Keine Ahnung, ob die Urkunden des Klosters dabei sind. Wie viele der Originalpergamente den Einsturz überstanden haben, wird sich erst in Wochen erweisen. Die Geschichte geht mir nicht nur nahe, weil ich persönlich betroffen bin. Als Historiker hat man einen anderen Bezug zu alten Dokumenten.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Grouls: Ich muss immer daran denken, dass das nicht nur Pergament ist, das sind unwiederbringliche Erinnerungsstücke an vergangenes menschliches Leben. Gerade die Urkunden, die ich erforschen wollte, jene aus dem 12. und 13. Jahrhundert, sind nie zuvor als Ganzes systematisch bearbeitet worden. Das ist eine Katastrophe.

Interview: Jan-Martin Wiarda

Michael Grouls, 27, promoviert in mittelalterlicher Geschichte an der Universität Bonn

 
Leser-Kommentare
    • diskus
    • 12.03.2009 um 14:52 Uhr

    Das Unglück in Köln ist in der Tat schrecklich und man kann nur hoffen, dass der immer noch nicht Gefundene junge Mann bald gefunden wird. Hoffentlich werden dann auch noch möglichst viele der wertvollen Dokumente gerettet.
    Was ich aber nicht verstehe: wieso sind all diese Unterlagen nicht längst digitalisiert? Wäre das nicht der erste Schritt einer Promotion, um einfaches Arbeiten zu ermöglichen? Ich verstehe leider gar nichts von historischen Archiven, kann mir aber eigentlich auch nicht vorstellen, dass Doktoranden während der ganzen Zeit vor den Originalen sitzen? Bis jetzt bin ich immer davon ausgegangen, dass wenigstens in Ländern wie Deutschland solch bedeutende Dokumente irgendwie "gesichert" werden ... an der Technik kann es doch sicherlich nicht liegen, oder?

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    kopien anzulegen ist nicht die arbeit von doktoranden, sondern von archivaren. Und ein menschlenleben reicht bei der masse an dokumenten kaum aus...

    Ich bin auch entsetzt, dass anscheinend keine umfangreichen kopien ausgelagert wurden. Oder auch wohl ? Wieso weiss das noch nicht mal jemand?! Hoffen wir mal auf freiburg ...

    Die Digitalisierung von Altbeständen in Bibliotheken und Archiven ist natürlich möglich. Gerade in Deutschland haben wir vorbildliches technisches und methodisches Know-How, um die Aufgabe der Bestandserhaltung anzugehen - und das wird ja auch gemacht, nur eben manchmal leider nicht viel genug oder nicht schnell genug.

    Es fehlt, wie überall, am Personal und am Geld. Es langt nicht, stapelweise Papier einzuscannen oder abzufotografieren. Bei den Mengen an relevanten Materialien wäre das allein schon eine gigantische Aufgabe. Gleich bedeutsam ist die Erschließung und Zugänglichmachung der Digitalisate. Eine Armee von Bibliothekaren und Informationsspezialisten würde lange Nächte schieben müssen, um all unsere Kulturschätze auf diese Weise zu sichern.

    Und ganz ehrlich, wem kann man heutzutage schon vermitteln, dass man "in diesen schweren Zeiten" ausgerechnet Geld vom Steuerzahler in "alte Bücher" stecken muss - geschweige denn in die Anstellung von Bibliothekaren......

    kopien anzulegen ist nicht die arbeit von doktoranden, sondern von archivaren. Und ein menschlenleben reicht bei der masse an dokumenten kaum aus...

    Ich bin auch entsetzt, dass anscheinend keine umfangreichen kopien ausgelagert wurden. Oder auch wohl ? Wieso weiss das noch nicht mal jemand?! Hoffen wir mal auf freiburg ...

    Die Digitalisierung von Altbeständen in Bibliotheken und Archiven ist natürlich möglich. Gerade in Deutschland haben wir vorbildliches technisches und methodisches Know-How, um die Aufgabe der Bestandserhaltung anzugehen - und das wird ja auch gemacht, nur eben manchmal leider nicht viel genug oder nicht schnell genug.

    Es fehlt, wie überall, am Personal und am Geld. Es langt nicht, stapelweise Papier einzuscannen oder abzufotografieren. Bei den Mengen an relevanten Materialien wäre das allein schon eine gigantische Aufgabe. Gleich bedeutsam ist die Erschließung und Zugänglichmachung der Digitalisate. Eine Armee von Bibliothekaren und Informationsspezialisten würde lange Nächte schieben müssen, um all unsere Kulturschätze auf diese Weise zu sichern.

    Und ganz ehrlich, wem kann man heutzutage schon vermitteln, dass man "in diesen schweren Zeiten" ausgerechnet Geld vom Steuerzahler in "alte Bücher" stecken muss - geschweige denn in die Anstellung von Bibliothekaren......

  1. kopien anzulegen ist nicht die arbeit von doktoranden, sondern von archivaren. Und ein menschlenleben reicht bei der masse an dokumenten kaum aus...

    Ich bin auch entsetzt, dass anscheinend keine umfangreichen kopien ausgelagert wurden. Oder auch wohl ? Wieso weiss das noch nicht mal jemand?! Hoffen wir mal auf freiburg ...

  2. Die Digitalisierung von Altbeständen in Bibliotheken und Archiven ist natürlich möglich. Gerade in Deutschland haben wir vorbildliches technisches und methodisches Know-How, um die Aufgabe der Bestandserhaltung anzugehen - und das wird ja auch gemacht, nur eben manchmal leider nicht viel genug oder nicht schnell genug.

    Es fehlt, wie überall, am Personal und am Geld. Es langt nicht, stapelweise Papier einzuscannen oder abzufotografieren. Bei den Mengen an relevanten Materialien wäre das allein schon eine gigantische Aufgabe. Gleich bedeutsam ist die Erschließung und Zugänglichmachung der Digitalisate. Eine Armee von Bibliothekaren und Informationsspezialisten würde lange Nächte schieben müssen, um all unsere Kulturschätze auf diese Weise zu sichern.

    Und ganz ehrlich, wem kann man heutzutage schon vermitteln, dass man "in diesen schweren Zeiten" ausgerechnet Geld vom Steuerzahler in "alte Bücher" stecken muss - geschweige denn in die Anstellung von Bibliothekaren......

    • WWH
    • 12.03.2009 um 19:19 Uhr

    Dazu gab's kuerzlich ein ZEIT-Video:

    http://www.zeit.de/video/player?videoID=20090223b27f44

    Interessant ist, dass Frankreich schon mehr als die Haelfte seiner Kulturgueter digitalisiert hat, waehrend es in Deutschland erst 1 % sind. Da sollte man sich ein Beispiel nehmen an der Grande Nation.

  3. Mit Scannern ist es schon seit vielen Jahren möglich, hochwertige Kopien von beliebigen Dokumenten herzustellen und weltweit bereitzuhalten und zu sichern. Microfitche gibt es ja wohl seit 100 Jahren.
    Warum sind die Forscher auf die physikalischen Dokumente angewiesen?
    Das alles riecht nach elfenbeinerner Schlamperei und Wissenmonopolisierung.
    Wer sein Archiv so leichtfertig aufs Spiel setzt, hat es nicht besser verdient.
    Im übrigen: die Welt wird sich weiterdrehen - und die Historiker können ja umsatteln auf Finanzberater.
    Gruß August

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    • Be_To
    • 16.03.2009 um 15:43 Uhr

    Haha ... sehr witzig! Schon mal ne Akte digitalisiert? Bzw. auch nur annähernd eine Vorstellung davon wie lange so etwas dauert? Sie haben sicherlich keine Ahnung davon, was alles in Archiven lagert - zudem ist das nicht nur irgend ein altes Zeug, was eh kaum noch jemanden interessiert, sondern auch Akten der städtischen Behörden. Nun kann so eine Akte gerne mal ein paar hundert Seiten stark sein - was glauben Sie wie lange eine Mensch daran sitzt um so was zu digigitalisieren? Ich habe mir damit während des Studiums ein kleines Zubrot verdient. Für eine 400 Seiten starke Akte aus dem 18. Jahrhundert z.B. habe ich einmal 15 Stunden gebraucht. Diese Akte war vielleicht 10 cm dick. Nun geben Archive ihre Bestände nicht in Stückzahlen an, sondern in Metern. Das Archiv in dem ich arbeitete umfasst ca. 65 Kilometer an Akten. Wenn 10 cm 10 Stunden in Anspruch nehmen, dann rechnen Sie mal wie lange es dauert alles zu digigalisieren. Zudem kommen jeden Tag meherer Meter dazu ... Wer soll das berwerkstelligen? Wer soll das vor allem bezahlen? Das müssten Sie von Ihren Steuergeldern machen.
    Urkunden sind vermutlich in fast jedem Archiv auf Microfiche zugänglich, haben Sie aber vermutlich auch noch nie mit gearbeitet. Meinen Sie die sind für die Ewigkeit gemacht?

    • Be_To
    • 16.03.2009 um 15:43 Uhr

    Haha ... sehr witzig! Schon mal ne Akte digitalisiert? Bzw. auch nur annähernd eine Vorstellung davon wie lange so etwas dauert? Sie haben sicherlich keine Ahnung davon, was alles in Archiven lagert - zudem ist das nicht nur irgend ein altes Zeug, was eh kaum noch jemanden interessiert, sondern auch Akten der städtischen Behörden. Nun kann so eine Akte gerne mal ein paar hundert Seiten stark sein - was glauben Sie wie lange eine Mensch daran sitzt um so was zu digigitalisieren? Ich habe mir damit während des Studiums ein kleines Zubrot verdient. Für eine 400 Seiten starke Akte aus dem 18. Jahrhundert z.B. habe ich einmal 15 Stunden gebraucht. Diese Akte war vielleicht 10 cm dick. Nun geben Archive ihre Bestände nicht in Stückzahlen an, sondern in Metern. Das Archiv in dem ich arbeitete umfasst ca. 65 Kilometer an Akten. Wenn 10 cm 10 Stunden in Anspruch nehmen, dann rechnen Sie mal wie lange es dauert alles zu digigalisieren. Zudem kommen jeden Tag meherer Meter dazu ... Wer soll das berwerkstelligen? Wer soll das vor allem bezahlen? Das müssten Sie von Ihren Steuergeldern machen.
    Urkunden sind vermutlich in fast jedem Archiv auf Microfiche zugänglich, haben Sie aber vermutlich auch noch nie mit gearbeitet. Meinen Sie die sind für die Ewigkeit gemacht?

    • Be_To
    • 16.03.2009 um 15:43 Uhr

    Haha ... sehr witzig! Schon mal ne Akte digitalisiert? Bzw. auch nur annähernd eine Vorstellung davon wie lange so etwas dauert? Sie haben sicherlich keine Ahnung davon, was alles in Archiven lagert - zudem ist das nicht nur irgend ein altes Zeug, was eh kaum noch jemanden interessiert, sondern auch Akten der städtischen Behörden. Nun kann so eine Akte gerne mal ein paar hundert Seiten stark sein - was glauben Sie wie lange eine Mensch daran sitzt um so was zu digigitalisieren? Ich habe mir damit während des Studiums ein kleines Zubrot verdient. Für eine 400 Seiten starke Akte aus dem 18. Jahrhundert z.B. habe ich einmal 15 Stunden gebraucht. Diese Akte war vielleicht 10 cm dick. Nun geben Archive ihre Bestände nicht in Stückzahlen an, sondern in Metern. Das Archiv in dem ich arbeitete umfasst ca. 65 Kilometer an Akten. Wenn 10 cm 10 Stunden in Anspruch nehmen, dann rechnen Sie mal wie lange es dauert alles zu digigalisieren. Zudem kommen jeden Tag meherer Meter dazu ... Wer soll das berwerkstelligen? Wer soll das vor allem bezahlen? Das müssten Sie von Ihren Steuergeldern machen.
    Urkunden sind vermutlich in fast jedem Archiv auf Microfiche zugänglich, haben Sie aber vermutlich auch noch nie mit gearbeitet. Meinen Sie die sind für die Ewigkeit gemacht?

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