Lehrermangel Wie viele Lehrer fehlen?

Weshalb seriöse Prognosen über den Bedarf an Pädagogen kaum noch möglich sind

Es beginnt Normalität zu werden: Wenn die Bundesländer neue Lehrer einstellen wollen, fehlen ihnen für einzelne Schulformen und insbesondere für sogenannte Mangelfächer wie Physik oder Mathematik Bewerber. In ihrer Not scheuen sie dann nicht davor zurück, in anderen Ländern Lehrpersonal abzuwerben. Im vergangenen Jahr glänzte Hessen mit einer Abwerbekampagne, in diesen Tagen geht unter anderem Baden-Württemberg diesen Weg. Dabei kümmert es die Werber wenig, dass die bessere Versorgung der eigenen zulasten der Schüler anderer Länder erzielt wird. Die jüngste Beteuerung der Kultusministerkonferenz (KMK), den Wettbewerb der Länder um Lehrer künftig fairer zu gestalten, lässt kaum eine Umkehr erwarten.

Beklagen dürfen sich die Kultusminister betroffener Länder darüber allerdings nicht, haben sie doch mit der Föderalismusreform den Weg zu dieser Konkurrenz geebnet und als Fortschritt propagiert. Die Instrumente, mit denen Länder die Arbeitsplätze für Lehrer attraktiv machen können, sind seither vielfältiger geworden. Seit eh und je ermöglichen sie, die Altersgrenze für Verbeamtungen flexibel zu handhaben und – im Vergleich zu anderen Ländern – die wöchentlichen Unterrichtsverpflichtungen geringer zu halten. Hinzugekommen ist mit der Föderalismusreform das Instrument der Besoldung, da das Recht, deren Höhe festzusetzen, seither ausschließlich bei den Ländern liegt. Mit der länderspezifischen Ausdifferenzierung der Arbeitsbedingungen, der Einstellungsmodalitäten und der Besoldung ist ein Umfeld entstanden, in dem die wirtschaftlich stärkeren Bundesländer dominieren werden.

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Dies alles vollzieht sich in einem Arbeitsmarkt für Lehrer, dessen Entwicklung überaus unübersichtlich ist. Zum letzten Mal hat die KMK 2003 eine Aussage über die erwartete Nachfrage nach neuen Lehrern gewagt – und dazu, ob dieser Nachfrage ein bedarfsdeckendes Angebot gegenüberstehen werde. Seither gibt es für die Gesamtheit der Bundesländer keine derartigen Schätzungen mehr. Abiturienten, die ihre Studienentscheidungen treffen, finden keine bundesweiten Informationen dazu, wie ihre Einstellungschancen sein werden, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Mehr noch als bisher ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Studienwahlentscheidungen hinsichtlich der Schulformen und der Unterrichtsfächer blind und am Arbeitsmarkt vorbei gefällt werden. Dies geschieht in einer Zeit, in der von jetzt bis 2015 etwa 250000 Lehrende aus den Schulen ausscheiden und – je nach finanzpolitischen Entscheidungen – komplett oder im großen Umfang ersetzt werden müssen.

Bildungspolitische Entscheidungen der letzten Jahre haben zu dieser Unübersichtlichkeit beigetragen. Nicht nur, dass die personell geschwächte KMK keine aktuellen Schätzungen zu Einstellungschancen künftiger Absolventen der Lehramtsstudiengänge vorlegt, sondern sie hat solchen Prognosen mit Einführung der Bachelor-/Masterstruktur des Studiums auch die Grundlage entzogen. So sehen sich zum Beispiel die nordrhein-westfälischen Landesstatistiker seit 2006 außerstande, die Zahl der Studienanfänger in Lehramtsstudiengängen mitzuteilen: An den Hochschulen, das sind bisher fünf im Land, an denen schon die neue Studienstruktur gilt, sei bei den neu eingeschriebenen Bachelorstudierenden, so teilt das zuständige Statistikamt mit, »nicht abzusehen, wie viele dieser Studenten letztlich ein Lehramt anstreben«. Daher konnte Nordrhein-Westfalen hinsichtlich der Zahl seiner Studienanfänger mit dem Berufsziel Lehramt für 2006 nur angeben, dass sie irgendwo zwischen 8241 und 15955 liegt. Für Prognosen ist das etwas ungenau!

Die Folgen sind evident: Ungleichgewichten auf dem Arbeitsmarkt Schule kann nicht entgegengewirkt werden. Mangelsituationen, die daher nahezu unvermeidbar immer wieder entstehen werden, öffnen ein weites Feld für Länderkonkurrenz. Die Instrumente dazu stehen bereit. In weite Ferne rückt die »Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet«, wie sie Artikel 72 des Grundgesetzes vorschreibt.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und Professor emeritus an der Universität Duisburg-Essen

 
Leser-Kommentare
  1. dass so Wenige Lust bekommen, diese Fächer zu studieren. Die Lust auf diese Fächer wird nämlich in der Schule geweckt. Für Schüler in anderen Ländern sind naturwissenschaftliche Fächer kein Schreckgespenst.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • PGMN
    • 17.03.2009 um 14:31 Uhr

    Meiner Erfahrung nach haben die Lehrer nicht viel falsch gemacht. Vielmehr ist es so, dass diejenigen Schulabgänger, die sich vorstellen können, ein mathematisch-naturwissenschaftliches Studium zu absolvieren, von den schwierigen Arbeitsbedingungen und der schlechten Besoldung abgeschreckt werden. Viele dieser Kandidaten, zu denen ich auch einst gehörte, entscheiden sich ob dieser Beobachtungen eher, so wie ich da tat, diese Fächer explizit nicht auf Lehramt zu studieren.

    Das ist nicht schwer zu beantworten.
    Ein zukünftiger Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik kann heutzutage ohne erheblichen Mehraufwand nebenbei sein Diplom in Physik und Mathematik machen und ihm stehen selbst, wenn er das nicht tut in der freien Wirtschaft Tür und Tor offen.
    Es ist kein Wunder, dass der Staat als Konkurrent auf dem Arbeitsmarkt, der weniger Geld, mehr Stress, kaum mehr eine sicherere Zukunft und auch noch eine deutlich aufwändigere Ausbildung (die offenkundig auch noch pädagogisch nicht besonders weiterhilft) verspricht, da das Nachsehen hat. Man muss schon sehr idealistisch sein, um sich das anzutun.
    Und da hab ich auf das allgemeine Ansehen, das Lehrer in dieser Gesellschaft haben, noch gar nicht hingewiesen...

    • LJA
    • 17.03.2009 um 14:54 Uhr

    Es ist nur so, dass diese Fächer sehr hohe Ansprüche stellen und dementsprechend gut dotiert sind. Richtig ist auch, dass die Absolventen durchaus die Möglichkeit haben, in der Privatwirtschaft eine Position zu bekommen, die zumindest vom Gehalt her gleichwertig, wenn nicht gar überlegen ist.
    Für Geisteswissenschaftler, Ökonomen oder Sprachwissenschaftler exitiert diese Chance nur bedingt. So schlecht ist die Bezahlung eines SekII Lehrers (darunter fällt auch fast der ganze berufsbildende Bereich) nämlich nicht, speziell wenn man das Nettoergebnis betrachtet. Da müssen der normale Diplom-Kaufmann oder der Anglist schon lange nach suchen, zumal als Berufseinsteiger. Schließlich wird bei den heutigen Abgängerzahlen nicht jeder Vorstandsmitglied einer Aktiengesellschaft.

    Gegenfrage: Wieso sollte man zwei Fächer lehren, die jeder dritte Erwachsene mit "In Mathe hatte ich immer 'ne Fünf!" oder "Physik - das habe ich nie kapiert." abqualifiziert?

    Oder: Was haben die Lehrer bloß falsch gemacht, dass so viele Kinder Fächer studieren, die entweder als "Laberfach" (z.B. Germanistik mit Schwerpunkt Neue Deutsche Literatur oder gar Soziologie), "Leicht-Durchbluff-Fach" (BWL - "wer nix wird, wird Wirt. Wer garnix wird, Betriebswirt") oder "Dauernachhilfefach" ("Ich studiere Jura und gehe zum Repetitor" bzw. "Jurifex non calculat") kategorisiert werden?

    Fragen Sie sich doch mal, was es bringt, M/Ph-Lehrer zu sein. Ein Staatsexamen in dieser Kombination ist genausoviel wert wie ein Diplom in einem der beiden Fächer. Die Verdienstmöglichkeiten bei beiden Fächern sind in der Industrie besser als im Schuldienst, die meisten Tätigkeiten wesentlich stressfreier.

    Ich bewundere ehrlich die Leute, die sich trotzdem für das Schulmeisterdasein entscheiden.

    Sie haben Recht, dass in anderen Ländern diese Fächer kein Schreckgespenst sind. In "anderen Ländern" sind Sie aber auch nicht der Star der Party, wenn Sie Beifall heischend verkünden "In Naturwissenschaften war ich immer schlecht!". In Skandinavien oder Südkorea oder Kanada (die mit dem guten PISA) wären Sie mit einem solchen Spruch bloß der Depp.

    Vielleicht haben die Kinder aber auch bloß keine Lust, zwei Fächer zu studieren, die zu den arbeitsintensivsten gehören.

    ist das Hauptproblem bei solchen Faechern der, das die Schüler meisten den Lehrer und nur den Lehrer als Informationsquelle bzw. Bildungszugang zu diesen Faechern haben!

    Ich hatte in meiner Schulzeit keine Physikbuecher sowie keine Mathematikbuecher, was mich quasi seitens des Lernens abhaengig gemacht hat von dem Lehrer.

    Es waere weitaus besser Schulbuecher zu haben die man durchlesen kann, bzw. durcharbeiten kann. Der Lehrer waere dann da als eine Art Ansprechpartner!

    Es waere durchaus ein selbststaendigeres Erarbeiten!

    Die Physik-und Mathematiklehrer haetten da weitaus weniger Stress!

    Aber ich denke in einem Ressourcenarmen Land wie Deutschland ist dies aus politischer Sicht nicht realisierbar!

    Weil mir der Physikunterricht so viel Spaß gemacht hat, hab ich dieses Fach studiert und bin gerade fertig geworden. Aber blöd wäre ich, nachdem ich mich 5 Jahre durch das Studium gequält habe (ist schwieriger als man so denkt), jetzt als Referendar anzufangen und dann mich mein Leben lang vor Schüler hinzustellen, die sich für dieses Fach Null interessieren (bis auf vllt 2 pro Klasse) und denen dann jahrelang das selbe zu erzählen.

    • PGMN
    • 17.03.2009 um 14:31 Uhr

    Meiner Erfahrung nach haben die Lehrer nicht viel falsch gemacht. Vielmehr ist es so, dass diejenigen Schulabgänger, die sich vorstellen können, ein mathematisch-naturwissenschaftliches Studium zu absolvieren, von den schwierigen Arbeitsbedingungen und der schlechten Besoldung abgeschreckt werden. Viele dieser Kandidaten, zu denen ich auch einst gehörte, entscheiden sich ob dieser Beobachtungen eher, so wie ich da tat, diese Fächer explizit nicht auf Lehramt zu studieren.

    Das ist nicht schwer zu beantworten.
    Ein zukünftiger Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik kann heutzutage ohne erheblichen Mehraufwand nebenbei sein Diplom in Physik und Mathematik machen und ihm stehen selbst, wenn er das nicht tut in der freien Wirtschaft Tür und Tor offen.
    Es ist kein Wunder, dass der Staat als Konkurrent auf dem Arbeitsmarkt, der weniger Geld, mehr Stress, kaum mehr eine sicherere Zukunft und auch noch eine deutlich aufwändigere Ausbildung (die offenkundig auch noch pädagogisch nicht besonders weiterhilft) verspricht, da das Nachsehen hat. Man muss schon sehr idealistisch sein, um sich das anzutun.
    Und da hab ich auf das allgemeine Ansehen, das Lehrer in dieser Gesellschaft haben, noch gar nicht hingewiesen...

    • LJA
    • 17.03.2009 um 14:54 Uhr

    Es ist nur so, dass diese Fächer sehr hohe Ansprüche stellen und dementsprechend gut dotiert sind. Richtig ist auch, dass die Absolventen durchaus die Möglichkeit haben, in der Privatwirtschaft eine Position zu bekommen, die zumindest vom Gehalt her gleichwertig, wenn nicht gar überlegen ist.
    Für Geisteswissenschaftler, Ökonomen oder Sprachwissenschaftler exitiert diese Chance nur bedingt. So schlecht ist die Bezahlung eines SekII Lehrers (darunter fällt auch fast der ganze berufsbildende Bereich) nämlich nicht, speziell wenn man das Nettoergebnis betrachtet. Da müssen der normale Diplom-Kaufmann oder der Anglist schon lange nach suchen, zumal als Berufseinsteiger. Schließlich wird bei den heutigen Abgängerzahlen nicht jeder Vorstandsmitglied einer Aktiengesellschaft.

    Gegenfrage: Wieso sollte man zwei Fächer lehren, die jeder dritte Erwachsene mit "In Mathe hatte ich immer 'ne Fünf!" oder "Physik - das habe ich nie kapiert." abqualifiziert?

    Oder: Was haben die Lehrer bloß falsch gemacht, dass so viele Kinder Fächer studieren, die entweder als "Laberfach" (z.B. Germanistik mit Schwerpunkt Neue Deutsche Literatur oder gar Soziologie), "Leicht-Durchbluff-Fach" (BWL - "wer nix wird, wird Wirt. Wer garnix wird, Betriebswirt") oder "Dauernachhilfefach" ("Ich studiere Jura und gehe zum Repetitor" bzw. "Jurifex non calculat") kategorisiert werden?

    Fragen Sie sich doch mal, was es bringt, M/Ph-Lehrer zu sein. Ein Staatsexamen in dieser Kombination ist genausoviel wert wie ein Diplom in einem der beiden Fächer. Die Verdienstmöglichkeiten bei beiden Fächern sind in der Industrie besser als im Schuldienst, die meisten Tätigkeiten wesentlich stressfreier.

    Ich bewundere ehrlich die Leute, die sich trotzdem für das Schulmeisterdasein entscheiden.

    Sie haben Recht, dass in anderen Ländern diese Fächer kein Schreckgespenst sind. In "anderen Ländern" sind Sie aber auch nicht der Star der Party, wenn Sie Beifall heischend verkünden "In Naturwissenschaften war ich immer schlecht!". In Skandinavien oder Südkorea oder Kanada (die mit dem guten PISA) wären Sie mit einem solchen Spruch bloß der Depp.

    Vielleicht haben die Kinder aber auch bloß keine Lust, zwei Fächer zu studieren, die zu den arbeitsintensivsten gehören.

    ist das Hauptproblem bei solchen Faechern der, das die Schüler meisten den Lehrer und nur den Lehrer als Informationsquelle bzw. Bildungszugang zu diesen Faechern haben!

    Ich hatte in meiner Schulzeit keine Physikbuecher sowie keine Mathematikbuecher, was mich quasi seitens des Lernens abhaengig gemacht hat von dem Lehrer.

    Es waere weitaus besser Schulbuecher zu haben die man durchlesen kann, bzw. durcharbeiten kann. Der Lehrer waere dann da als eine Art Ansprechpartner!

    Es waere durchaus ein selbststaendigeres Erarbeiten!

    Die Physik-und Mathematiklehrer haetten da weitaus weniger Stress!

    Aber ich denke in einem Ressourcenarmen Land wie Deutschland ist dies aus politischer Sicht nicht realisierbar!

    Weil mir der Physikunterricht so viel Spaß gemacht hat, hab ich dieses Fach studiert und bin gerade fertig geworden. Aber blöd wäre ich, nachdem ich mich 5 Jahre durch das Studium gequält habe (ist schwieriger als man so denkt), jetzt als Referendar anzufangen und dann mich mein Leben lang vor Schüler hinzustellen, die sich für dieses Fach Null interessieren (bis auf vllt 2 pro Klasse) und denen dann jahrelang das selbe zu erzählen.

    • Anonym
    • 17.03.2009 um 14:27 Uhr

    Zunächst einmal wäre zu konstatieren, dass ein Übereinstimmen von Angebot und Nachfrage auf jedem Arbeitsmarkt allenfalls punktuell und rein zufällig auftreten kann. Um im Bildungsbereich Lehrermangel zu verhindern, müsste nach meiner Einschätzung deshalb dauerhaft ein erheblicher Überschuss an einsetzbarem Personal vorgehalten werden. Da stellt sich dann allerdings die Frage nach Kosten und Akzeptanz.

    Was im Bildungsbereich allerdings zum vollkommenen Irrsinn führt, ist der Versuch der Schulverwaltungen, den Lehrerbedarf mit sogenannten "planwirtschaftlichen" Instrumenten in den Griff zu bekommen. Im Bereich der Finanzierung kann man da vielleicht einiges machen - was allerdings auch nicht geschieht-, die Geburtenrate aber wird sich nicht nur in einer Demokratie nicht zur Planbarkeit verstetigen lassen.

    Dass der Bedarf dann aber nicht zentral, sondern föderal ermittelt wird, enthält bereits den Keim für das Chaos, das im Artikel beschrieben wird. Dass vor Ort nicht die Schulen selbst, sondern übergeordnete Instanzen die Verteilung des Personals vornehmen, führt zwar theoretisch zu einer gerechten Verteilung des Mangels, aber nicht unbedingt dazu, dass das richtige Personal zur richtigen Zeit am richtigen Ort landet. Dass das Lehramtsstudium (jedenfalls in der Vergangenheit) fast keine beruflichen Alternativen zulässt, wirkt besonders auf solche jungen Menschen abschreckend, die sich Alternativen zum Lehrerberuf zutrauen und vorstellen können. Beamtenstatus und Unkündbarkeit kompletieren den Irrsinn.

    Das Resultat ist bekannt. In Zeiten von Lehrermangel und Bildungseuphorie in den 60er bis 70er-Jahren wurde unter großzügiger Auslegung der jeweiligen Kompetenz eingestellt, was der Markt hergab. Genug war das zwar immer noch nicht und die Qualität war nicht in jedem Fall ausreichend. Dann aber wurde auch noch plötzlich gespart, anstatt für eine kontinuierliche Einstellung weiterer Lehrkräfte zu sorgen und damit eine Verstetigung in den Prozeß zu bringen.

    Und dann kam der Geburtenrückgang. Und in Kombination mit dem Beamtenstatus kann das zu teuren Personalüberschüssen führen. Also wurde einfach bei den eingestellten Lehrkräften draufgesattelt, ein sinnloser "Reform"-Zirkus in Gang gesetzt, weggemobbed, frühpensioniert und öffentlich diffamiert. Und während man absehbar auf eine massive Pensionierungswelle zusteuerte, schreckte man noch mehr Studentehn von ohnnehin wenig versprechenden Lehramtsstudiengängen ab.

    Ein Beispiel für den realen Irrsinn gefällig? Bittesehr. Während Baden-Württemberg bundesweit Lehrer abzuwerben versucht und Frau Schavan durch intellekuelle Bauchlandungen im Bereich Technik und Naturwissenschaften auf sich aufmerksam macht, wird an einem Stuttgarter Gymnasium eine bei Schülern und Eltern beliebte und als ausgesprochen fähig eingeschätzte 58jährige Mathematklehrerin nach den Weihnachtsferien unvermittelt in den Ruhestand versetzt. Abiturienten stehen plötzlich ohne Lehrerin da. In unteren Klassen kann der Unterricht unter anderem nur durch Einsatz eines Abiturienten aufrecht erhalten werden.

    58 Schüler und 22 Eltern schicken Briefe, Unterschriftslisten und ein Protestschreiben an das zuständige Regierungspräsidium Stuttgart und fordern, dass die "beliebteste Lehrerin der Schule" zurükkommen darf. Die Behörde verspricht, die Briefe zu beantworten, ist auch gesprächsbereit, sieht im Einsatz des Abiturienten kein Problem. Arbeiten lassen will man die Lehrerin allerdings nicht und "aus datenschutzrechtlichen Gründen" gibt es zu den Gründen keine Auskunft. Meine persönliche Erfahrung allerdings sagt mir, dass bei dieser Behörde Beliebtheit schon mal eine günstige Voraussetzung für vorzeitiges Entfernen sein kann (Stuttgarter Zeitung vom 14.02.2009).

    Es geht aber noch dicker. Die Lehrerin klagt vor dem Verwaltungsgericht, das in einer Eilentscheidung befindet, die Lehrerin dürfe wieder unterrichten. Das RP geht in die nächste Instanz und bekommt - nicht ungewöhnlich für Baden-Württemberg - nun doch "Recht". Bis zur Entscheidung im Hauptverfahren darf die Lehrerin nicht unterrichten. Und das kann dauern (Stuttgarter Zeitung vom 17.3.2009).

    Ist das nun eine im Interesse der Bürger arbeitende Behörde oder eine Aussenstelle einer psychiatrischen Verwahranstalt? Ich frage nur....

    Als ob das alles noch nicht genug wäre, qualifiziert das Lehramtstudium bislang nicht nur nicht für mehrere alternative Berufe. Es qualifiziert im gymnasialen Bereich noch nicht einmal für den Lehrerberuf...

    Dabei gäbe es zumindest einen kleinen Ausweg, denn es gibt einen Überhang an Lehrpersonal. Und der wäre überdies sehr kostengünstig und schnell zu haben. Ich meine all die "jungen" Frühpensionierten, von denen keiner kontrolliert, geschweige denn weiß, ob sie vielleicht nicht doch gesundheitlich wieder einsetzbar wären. Und all die rüstigen Pensionäre, die, mangels anderweitiger intellektueller Auslastung, vermutlich Foren wie dieses bevölkern.

    Resüme: Dieses System ist zutiefst krank, und wäre es eine Einrichtung des Bundes, wäre es von den Wählern schon längst hinweggefegt worden. Vielleicht ist das denn auch der wahre Grund, warum die Provinzfürsten auf ihrer Bildungshoheit beharren.

    • PGMN
    • 17.03.2009 um 14:31 Uhr

    Meiner Erfahrung nach haben die Lehrer nicht viel falsch gemacht. Vielmehr ist es so, dass diejenigen Schulabgänger, die sich vorstellen können, ein mathematisch-naturwissenschaftliches Studium zu absolvieren, von den schwierigen Arbeitsbedingungen und der schlechten Besoldung abgeschreckt werden. Viele dieser Kandidaten, zu denen ich auch einst gehörte, entscheiden sich ob dieser Beobachtungen eher, so wie ich da tat, diese Fächer explizit nicht auf Lehramt zu studieren.

  2. Das ist nicht schwer zu beantworten.
    Ein zukünftiger Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik kann heutzutage ohne erheblichen Mehraufwand nebenbei sein Diplom in Physik und Mathematik machen und ihm stehen selbst, wenn er das nicht tut in der freien Wirtschaft Tür und Tor offen.
    Es ist kein Wunder, dass der Staat als Konkurrent auf dem Arbeitsmarkt, der weniger Geld, mehr Stress, kaum mehr eine sicherere Zukunft und auch noch eine deutlich aufwändigere Ausbildung (die offenkundig auch noch pädagogisch nicht besonders weiterhilft) verspricht, da das Nachsehen hat. Man muss schon sehr idealistisch sein, um sich das anzutun.
    Und da hab ich auf das allgemeine Ansehen, das Lehrer in dieser Gesellschaft haben, noch gar nicht hingewiesen...

    • LJA
    • 17.03.2009 um 14:54 Uhr

    Es ist nur so, dass diese Fächer sehr hohe Ansprüche stellen und dementsprechend gut dotiert sind. Richtig ist auch, dass die Absolventen durchaus die Möglichkeit haben, in der Privatwirtschaft eine Position zu bekommen, die zumindest vom Gehalt her gleichwertig, wenn nicht gar überlegen ist.
    Für Geisteswissenschaftler, Ökonomen oder Sprachwissenschaftler exitiert diese Chance nur bedingt. So schlecht ist die Bezahlung eines SekII Lehrers (darunter fällt auch fast der ganze berufsbildende Bereich) nämlich nicht, speziell wenn man das Nettoergebnis betrachtet. Da müssen der normale Diplom-Kaufmann oder der Anglist schon lange nach suchen, zumal als Berufseinsteiger. Schließlich wird bei den heutigen Abgängerzahlen nicht jeder Vorstandsmitglied einer Aktiengesellschaft.

  3. Gegenfrage: Wieso sollte man zwei Fächer lehren, die jeder dritte Erwachsene mit "In Mathe hatte ich immer 'ne Fünf!" oder "Physik - das habe ich nie kapiert." abqualifiziert?

    Oder: Was haben die Lehrer bloß falsch gemacht, dass so viele Kinder Fächer studieren, die entweder als "Laberfach" (z.B. Germanistik mit Schwerpunkt Neue Deutsche Literatur oder gar Soziologie), "Leicht-Durchbluff-Fach" (BWL - "wer nix wird, wird Wirt. Wer garnix wird, Betriebswirt") oder "Dauernachhilfefach" ("Ich studiere Jura und gehe zum Repetitor" bzw. "Jurifex non calculat") kategorisiert werden?

    Fragen Sie sich doch mal, was es bringt, M/Ph-Lehrer zu sein. Ein Staatsexamen in dieser Kombination ist genausoviel wert wie ein Diplom in einem der beiden Fächer. Die Verdienstmöglichkeiten bei beiden Fächern sind in der Industrie besser als im Schuldienst, die meisten Tätigkeiten wesentlich stressfreier.

    Ich bewundere ehrlich die Leute, die sich trotzdem für das Schulmeisterdasein entscheiden.

    Sie haben Recht, dass in anderen Ländern diese Fächer kein Schreckgespenst sind. In "anderen Ländern" sind Sie aber auch nicht der Star der Party, wenn Sie Beifall heischend verkünden "In Naturwissenschaften war ich immer schlecht!". In Skandinavien oder Südkorea oder Kanada (die mit dem guten PISA) wären Sie mit einem solchen Spruch bloß der Depp.

    Vielleicht haben die Kinder aber auch bloß keine Lust, zwei Fächer zu studieren, die zu den arbeitsintensivsten gehören.

  4. ist das Hauptproblem bei solchen Faechern der, das die Schüler meisten den Lehrer und nur den Lehrer als Informationsquelle bzw. Bildungszugang zu diesen Faechern haben!

    Ich hatte in meiner Schulzeit keine Physikbuecher sowie keine Mathematikbuecher, was mich quasi seitens des Lernens abhaengig gemacht hat von dem Lehrer.

    Es waere weitaus besser Schulbuecher zu haben die man durchlesen kann, bzw. durcharbeiten kann. Der Lehrer waere dann da als eine Art Ansprechpartner!

    Es waere durchaus ein selbststaendigeres Erarbeiten!

    Die Physik-und Mathematiklehrer haetten da weitaus weniger Stress!

    Aber ich denke in einem Ressourcenarmen Land wie Deutschland ist dies aus politischer Sicht nicht realisierbar!

    • heiji
    • 17.03.2009 um 18:44 Uhr

    Brauch der unbedingt Physikdiplomwissen, um 10t-Klässlern Realitvitätstheoriegrundlagen bei zu bringen? Ich selbst war in der Sek2 nie unter 12 NP in dem Fach, habe vieles verstanden und kann mit Kindern super umgehen, bin ich doch beliebtester Schwimmlehrer bei uns im Verein. xP Achja, ich versuchte, Physik zu studieren... Die enormen Sachen, die man da bringen musste und man nach der Klausur wieder vergessen hat (wenn man denn überhaupt vorher ausreichend Wissen in sich hinein schaufeln konnte in dieser Leistungsdruckgesellschaft), wenn die jeder Lehrer durchmachen muss, na dann gute Nacht. Ich wäre gerne Physiklehrer an einem Gymnasium für 2/3 des Normalgehalts, aber ohne Examen. Nur leider ist man ohne irgendeinen Zettelwisch, für den manche nur auswendig lernen oder betrügen oder auch Sex anbieten, nichts wert. Ähm ja, dieses System ist krank.

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