Ein Riss geht durch Hamburg. Fein wie ein Haar begann er sich vor knapp einem Jahr vom Rathaus aus durch die Stadt zu ziehen. Es gibt Viertel, da ist er inzwischen so breit wie ein Graben. Er trennt die Befürworter und Gegner der umfassendsten Schulreform, die ein deutsches Bundesland seit 1945 gewagt hat. Er trennt nicht allein die konservativen Eltern aus den Elbvororten von den türkischen Familien in Wilhelmsburg oder Billstedt. Er spaltet Hausgemeinschaften, Schulen, Kollegien, Lehrerzimmer und Familien. Was die einen glühend verfechten, wollen die anderen um keinen Preis.

Der schwarz-grüne Senat will die Schulen der Hansestadt mit einem Radikalumbau aus dem Pisa-Tal führen. Die vierjährige Grundschule wird zur sechsjährigen Primarschule erweitert. Die Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden zur sogenannten Stadtteilschule vereint; dort können die Schüler alle Abschlüsse erreichen, auch das Abitur. Die Gymnasien, die gerade erst den Verlust des dreizehnten Schuljahres verdauen mussten, verlieren nun ihre Unterstufen, die Gymnasialzeit schrumpft damit von neun auf sechs Jahre. Abgeschafft wird das Recht der Eltern auf die Wahl der weiterführenden Schule für ihr Kind.

Dieser äußere Umbau soll den Rahmen bilden für eine an Vermessenheit grenzende inhaltliche Schulreform: Sie soll aus jedem Hamburger Lehrer einen Reformpädagogen machen, kleinere Klassen schaffen, jahrgangsübergreifenden Unterricht einfordern, das Sitzenbleiben abschaffen, das individualisierte Lernen einführen, Noten bis Klasse sechs durch Kompetenzberichte ersetzen und zwei Einschulungstermine pro Schuljahr anbieten.

Kaum ein Reformvorschlag der letzten Jahre, der nicht in der »Hamburger Bildungsoffensive« aufgegriffen wird.

Die CDU zahlt den Preis für die Elbvertiefung

Gebannt darf man im ganzen Land auf dieses Feuerwerk bildungspolitischer Maßnahmen schauen. Wenn die Pläne der grünen Bildungssenatorin Christa Goetsch aufgehen, könnte diese Reform Hamburg zum deutschen Musterschüler machen. Misslingen sie aber, dann wäre es das größte bildungspolitische Desaster seit dem Scheitern der Gesamtschule.

Christa Goetsch will von Katastrophenszenarien nichts wissen, sie legt den Finger in jene Wunden, die seit dem Pisa-Schock vor acht Jahren dem Bildungsstandort Deutschland heftige Schmerzen bereiten. 30 Prozent aller 15-Jährigen gehören in Hamburg zur Gruppe der sogenannten Risikoschüler. Am Ende ihrer Schullaufbahn können sie nicht besser lesen als ein Viertklässler. Goetsch will Bildungswege nicht länger von der sozialen Herkunft der Kinder abhängig machen, die Zahl der Schulabbrecher verringern und mehr Schüler zum Abitur führen.