Schulreform

Schwarz-grüner Sprengstoff

Großartig, rufen die einen, ein Desaster, die anderen: Der Radikalumbau der Hamburger Schulen

Hamburgs Rathaus: Der Senat will die Schule radikal umbauen

Hamburgs Rathaus: Der Senat will die Schule radikal umbauen

Ein Riss geht durch Hamburg. Fein wie ein Haar begann er sich vor knapp einem Jahr vom Rathaus aus durch die Stadt zu ziehen. Es gibt Viertel, da ist er inzwischen so breit wie ein Graben. Er trennt die Befürworter und Gegner der umfassendsten Schulreform, die ein deutsches Bundesland seit 1945 gewagt hat. Er trennt nicht allein die konservativen Eltern aus den Elbvororten von den türkischen Familien in Wilhelmsburg oder Billstedt. Er spaltet Hausgemeinschaften, Schulen, Kollegien, Lehrerzimmer und Familien. Was die einen glühend verfechten, wollen die anderen um keinen Preis.

Der schwarz-grüne Senat will die Schulen der Hansestadt mit einem Radikalumbau aus dem Pisa-Tal führen. Die vierjährige Grundschule wird zur sechsjährigen Primarschule erweitert. Die Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden zur sogenannten Stadtteilschule vereint; dort können die Schüler alle Abschlüsse erreichen, auch das Abitur. Die Gymnasien, die gerade erst den Verlust des dreizehnten Schuljahres verdauen mussten, verlieren nun ihre Unterstufen, die Gymnasialzeit schrumpft damit von neun auf sechs Jahre. Abgeschafft wird das Recht der Eltern auf die Wahl der weiterführenden Schule für ihr Kind.

Dieser äußere Umbau soll den Rahmen bilden für eine an Vermessenheit grenzende inhaltliche Schulreform: Sie soll aus jedem Hamburger Lehrer einen Reformpädagogen machen, kleinere Klassen schaffen, jahrgangsübergreifenden Unterricht einfordern, das Sitzenbleiben abschaffen, das individualisierte Lernen einführen, Noten bis Klasse sechs durch Kompetenzberichte ersetzen und zwei Einschulungstermine pro Schuljahr anbieten.

Kaum ein Reformvorschlag der letzten Jahre, der nicht in der »Hamburger Bildungsoffensive« aufgegriffen wird.

Die CDU zahlt den Preis für die Elbvertiefung

Gebannt darf man im ganzen Land auf dieses Feuerwerk bildungspolitischer Maßnahmen schauen. Wenn die Pläne der grünen Bildungssenatorin Christa Goetsch aufgehen, könnte diese Reform Hamburg zum deutschen Musterschüler machen. Misslingen sie aber, dann wäre es das größte bildungspolitische Desaster seit dem Scheitern der Gesamtschule.

Christa Goetsch will von Katastrophenszenarien nichts wissen, sie legt den Finger in jene Wunden, die seit dem Pisa-Schock vor acht Jahren dem Bildungsstandort Deutschland heftige Schmerzen bereiten. 30 Prozent aller 15-Jährigen gehören in Hamburg zur Gruppe der sogenannten Risikoschüler. Am Ende ihrer Schullaufbahn können sie nicht besser lesen als ein Viertklässler. Goetsch will Bildungswege nicht länger von der sozialen Herkunft der Kinder abhängig machen, die Zahl der Schulabbrecher verringern und mehr Schüler zum Abitur führen.

Es ist die einmalige Chance der ehemaligen Haupt- und Realschullehrerin, ihrer Vision einer gerechteren Schule endlich näherzukommen. Als Spitzenkandidatin der Grün-Alternativen Liste (GAL) zog sie im Wahljahr 2008 in den Kampf um die neunjährige Gemeinschaftsschule und die Abschaffung der Gymnasien. Heute ist sie Bildungssenatorin in einer schwarz-grünen Koalition und verteidigt das, was von ihrem Ideal geblieben ist, als ginge es um ihr Leben.

Dass es in Hamburg überhaupt die Chance für einen radikalen Schulumbau gibt, liegt an der Besonderheit des schwarz-grünen Regierungsbündnisses. Eine rot-grüne Koalition etwa wäre mit einem derartigen Vorhaben gescheitert, weil sich die CDU dann wirksam mit den Gymnasialeltern zur Blockade vereint hätte. So aber zwingt Bürgermeister Ole von Beust (CDU) seine Partei zur Ruhe. Als Preis für die Elbvertiefung und den Bau eines Kohlekraftwerks muss er den Grünen bei der Schulreform freie Hand lassen, andernfalls würde die Koalition platzen.

Die Hamburger CDU behilft sich mit der Sprachregelung, mit diesem Kompromiss die Einheitsschule verhindert und die Gymnasien gerettet zu haben; eine Notlüge, denn auch die SPD hatte sich im Wahlkampf auf den Erhalt der Gymnasien festgelegt. Doch bislang mucken die Parteisoldaten der CDU nicht auf.

Und so nimmt eine Reform ihren Lauf, die ursprünglich keiner wollte, in die einige ihre Hoffnung setzen – gegen einen Widerstand, dessen Stärke nicht recht einzuschätzen ist.

Eineinhalb Jahre bleiben noch, bis die umstrittene Primarschule mit dem ersten Jahrgang beginnen soll. Eineinhalb Jahre, die viele Hamburger Eltern nutzen werden, die Senatorin durch ihren Widerstand zu zermürben. Sie fordern »mehr Qualität in den bestehenden Schulformen statt Strukturchaos«. Für den 18. April haben sie zu einer Großdemonstration aufgerufen. Im November wird der Hamburger Anwalt Walter Scheuerl ein Volksbegehren starten. Danach, so glaubt er, ist die Reform tot. »Den Volksentscheid im Juli 2010 werden wir nicht mehr abwarten müssen.«

91 der rund 245 Grundschulleiter haben sich derweil ausdrücklich hinter die Reform gestellt. »Es geht hier um die längst überfällige Umstrukturierung eines ständischen Schulsystems aus dem vorletzten Jahrhundert und nicht darum, was der eine will und der andere nicht«, sagt Kay Picker, Leiter der Grundschule Trenknerweg im feinen Hamburger Stadtteil Othmarschen. 90 Prozent seiner Schüler kann der Schulleiter nach der vierten Klasse aufs Gymnasium schicken. Und trotzdem glaubt er, dass es höchste Zeit sei, dass sich nun auch die weiterführenden Schulen bewegten. »Die Grundschulen sind zum Erfolgsmodell geworden, weil sie ihre Unterrichtsmethoden schon viel früher verändert haben.«

Im Geschachere um Schüler, Räume, Posten und Gehälter fühlen sich die Grundschulen schon heute als Gewinner der Reform. Die meisten Schulleiter gehen davon aus, dass sie, begleitet von einer kräftigen Gehaltserhöhung, auch die neuen Primarschulen führen werden. Zuvor hatte die Schulbehörde geschickt Druck ausgeübt, indem sie ihnen drohte, alle Leitungsposten an Primarschulen möglicherweise neu zu besetzen.

Die Primarschulen werden Macht und Zuständigkeiten gewinnen. Sie entscheiden in Zukunft, wer ein Gymnasium besuchen darf und welcher Schüler auf der Stadtteilschule landet. Ohne Mitsprache der Eltern. Die Primarschulen werden aber auch beweisen müssen, dass es möglich ist, Kinder ganz unterschiedlicher Herkunft nach sechs Jahren leistungsstark in die weiterführenden Schulen zu entlassen.

»Mit dieser Reform kann es gelingen, vor allem den schwächeren Schülern bessere Lernchancen zu ermöglichen«, sagt der Hamburger Bildungsforscher Reiner Lehberger. »Wir haben in Hamburg am Ende der Grundschule bis zu 20 Prozent, in der Sekundarstufe I fast 30 Prozent Schüler, die den Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Für diese Kinder wird das längere gemeinsame Lernen ein Gewinn sein.« Letztendlich, sagt der »skeptisch-positive Beobachter« dieser Reform, könne nur eine veränderte Pädagogik den entscheidenden Unterschied machen.

Alle Hoffnung lastet damit einmal mehr auf den Schultern der Lehrer: Jeder Einzelne von ihnen wird sich ändern müssen. 15 Millionen Euro will der Senat noch in dieser Legislaturperiode für die Fortbildung der Hamburger Pädagogen und die Begleitung der Schulen ausgeben. Bloß: Wird das reichen? Kann man die Lehrer, die lange Jahre zu Einzelkämpfern sozialisiert wurden, per Gesetz zu virtuosen Reformpädagogen umerziehen? Sie zu Teamplayern machen, die mehrere Jahrgänge gleichzeitig und jedes Kind einzeln im Blick haben?

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Christa Goetsch so gar keine Zweifel daran hat, dass dies alles gelingen kann. Aber ihr alles überscheinendes optimistisches Lächeln sitzt perfekt. Mit wehendem Mantel stürmt die Anstifterin dieser Großreform in ihr Büro im Hamburger Rathaus. Geradezu aufgekratzt kommt sie aus einer Sitzung mit 70 Schulleitern aus Grund-, Haupt- und Realschulen. Sie alle seien so dankbar gewesen, so begeistert, sagt Goetsch. »Natürlich ist es klar, dass eine so umfassende Veränderung Sorgen und Verunsicherung auslöst«, sagt die Senatorin. »Aber viele denken, wir wälzen jede Schule schlagartig vollständig um, dabei starten wir 2010 mit genau einem Jahrgang.«

»Wilhelmsburg wird von den Lehrern gemieden wie die Pest«

Dass das, was die Leute denken, nicht immer mit dem übereinstimmt, was Christa Goetsch plant, gehört zum überall spürbaren Kommunikationsdefizit dieser Reform. Kritiker werfen der Senatorin vor, sie unterbinde Gespräche und verhindere einen kontroversen Dialog. Christa Goetsch reagiert auf solche Vorwürfe empfindlich. Seit Monaten rede sie jeden Abend mit Eltern, Lehrern und Schulleitern, allein sechs ausführliche Rundbriefe hat sie geschrieben. Zuletzt wurde das Rahmenkonzept der Reform an Lehrer, Eltern und Schüler verteilt. Es skizziert den Traum einer Schule, in der Gerechtigkeit und Leistung kein Widerspruch mehr sind. Aber die Antworten auf die wirklich schwierigen Fragen bleibt es schuldig:

Wie lässt sich beweisen, dass zwei Jahre längeres gemeinsames Lernen in der Primarschule zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen? Brandenburg etwa ist mit seiner sechsjährigen Grundschule laut Pisa-Studie sogar das ungerechteste Bundesland.

Ist es ein guter Zeitpunkt, die Kinder ausgerechnet mit einsetzender Pubertät nach Klasse sechs zu trennen?

Führt die Primarschule zu einer geringeren sozialen Selektion der Schülerschaft? Oder wird die gar auf die erste Klasse vorverlegt, wenn Eltern demnächst schon vor der Einschulung entscheiden, welche Primarschule am besten den Weg aufs Wunschgymnasium ebnet?

Kann die Hoffnung auf Leistungszuwächse in heterogenen Klassen für Hamburgs wenig gemischte Stadtteile überhaupt gelten? Deutschstämmige Kinder und Kinder von Einwanderern bleiben dort oft schon in den ersten Jahrgängen unter sich.

Ist es diese Reform wert, im Rasenmäher-Prinzip auch alle erfolgreich arbeitenden Schulen und deren Konzepte zu opfern?

Wird die Stadtteilschule auch für Eltern, die ihre Kinder lieber auf ein Gymnasium schicken würden, attraktiv genug sein?

Gerade die Stadtteilschule könnte zur Achillesferse dieser Bildungsoffensive werden. Hier wird entschieden, ob es gelingt, mehr Schüler zu höheren Abschlüssen zu führen. In ärmeren Stadtteilen wie Wilhelmsburg oder Billstedt liegt der Anteil der Schulabbrecher bei rund 22 Prozent. Nur 13 bis 14 Prozent der Schüler schaffen dort das Abitur. »Was sollte diese Reform an der Situation in Wilhelmsburg ändern?«, fragt Marius Rejmanowski vom Kreiselternrat in Wilhelmsburg. Für ihn sei es viel zu abstrakt, was das neue individuellere Lernen bedeuten soll. Wie wird sich ein Lehrer zukünftig dem einzelnen Schüler zuwenden? Wie viele Lehrkräfte sollen dafür zur Verfügung stehen? »Wilhelmsburg wird von den Lehrern gemieden wie die Pest«, sagt der Vater von vier Kindern. »Dabei müsste man gerade hierher die besten Pädagogen mit den besten Gehältern schicken.«

Mehrere Hundert neue Lehrerstellen will Christa Goetsch für die Umsetzung der individuellen Förderkonzepte schaffen. Für die Verbesserung der Rahmenbedingungen an den Schulen – also für kleinere Klassen, Sprachförderung und die 50 geplanten Ganztagsschulen – sollen 42 Millionen Euro zusätzlich in jedem Jahr zur Verfügung stehen.

»Die sechsjährige Primarschule finden türkische Eltern gut«, sagt Serdar Bozkurt vom Türkischen Elternbund in Wilhelmsburg. »Aber sie lehnen es ab, dass danach allein die Schule über die Zukunft ihrer Kinder entscheidet.«

Christa Goetsch wird nicht erwarten können, dass türkische Eltern sich über die Einführung von Kompetenzberichten anstelle von Noten freuen werden, wenn sie nicht lesen können, was dort über ihre Kinder geschrieben steht. Die meisten verstehen nicht, was die Reform mit ihren Töchtern und Söhnen vorhat. »Das Wissen unter den Migranten ist minimal, der Elternwiderstand ein Minderheitenthema«, sagt Rejmanowski. Wer sich nicht rührt, wird in der Hamburger Schulbehörde als Anhänger der Reform verbucht.

Die Bildungssenatorin unterschätzt offensichtlich, dass sich Eltern nicht gern diktieren lassen, was aus ihren Kindern werden soll. Das geht dem Hamburger Bildungsbürgertum genauso wie den türkischen Familien. Ein Bildungssystem wird nicht gerechter, wenn es den einen die Chance nimmt, acht Jahre auf einem humanistischen Gymnasium zu lernen, und die anderen daran hindert, ein Gymnasium zu besuchen.

Ausgerechnet die Vorzeigeschule soll zerschlagen werden

Die Abschaffung des Elternwahlrechts wird zu einer Verknappung der gymnasialen Plätze führen. Schätzungen gehen davon aus, dass die Primarschulen bis zu 30 Prozent weniger Schüler an die Gymnasien schicken könnten. Das wird die Gymnasien noch mehr aufwerten. Andererseits steht und fällt der Erfolg der Stadtteilschule mit dem Anteil leistungsstarker Schüler.

Christa Goetsch mache sich um die Akzeptanz der Stadtteilschule keine Sorgen, sagt sie. Die guten Gesamtschulen könnten sich vor Anmeldungen gar nicht retten. »Unser Ziel ist es, dass die Stadtteilschulen dem Erfolgsmodell dieser Beispielschulen folgen. Dann wird es dort auch keine Probleme mit den Anmeldungen geben.«

Barbara Riekmann leitet seit 22 Jahren eine der Hamburger Vorzeigeschulen. Vor zwei Jahren erhielt die Max-Brauer-Schule den Deutschen Schulpreis. Aus ganz Deutschland reisen Lehrer an, um sich anzusehen, was diese Schule anders macht.

Wie es ihr gelingt, einen großen Teil von Schülern zum Abitur zu führen, die am Ende der vierten Klasse keine Gymnasialempfehlung hatten. All das, was Christa Goetsch mit den Hamburger Schulen vorhat, ist an der Max-Brauer-Schule gelebte Normalität. »Die Reform gleicht in ihrer inhaltlichen Ausgestaltung sehr stark unserem Konzept«, sagt Riekmann. Unbegreiflich aber bleibt ihr, warum ihre Schule nun zerschlagen werden soll. Weil die Senatorin Ausnahmen kategorisch ablehnt, muss sich auch die Max-Brauer-Schule als sogenannte Langform dem strengen Diktat der Revolution beugen.

Die Grundschule, bisher vereint unter dem Dach der Gesamtschule, soll nun abgespalten und zur Primarschule werden. Die Stadtteilschule beginnt dann wie überall erst mit Klasse sieben. »Wir leben von der Heterogenität der unterschiedlichen Altersstufen«, sagt Barbara Riekmann. In ihren Lehrerteams mischten sich die Kollegen von Klasse eins bis dreizehn. Das alles wäre unter dem Dach zweier Schulleitungen nicht mehr möglich. »Wir müssten beginnen, jede Verknüpfung, jede Form der Zusammenarbeit wieder neu zu installieren.«

Die Ratlosigkeit und das Entsetzen darüber, erfolgreiche Schulen, darunter auch die drei humanistischen Gymnasien der Stadt, per Verfügung aus ihren Fugen zu heben, sind groß in Hamburg. Trotzdem ist der Widerstand der betroffenen Schulleiter in der Öffentlichkeit kaum noch wahrnehmbar.

Seine Aufgabe sei es, im Rahmen der Reform das »Vernünftigste für seine Schule zu erreichen«, sagt Hans-Norbert Hoppe, der Leiter des altsprachlichen Christianeums in Othmarschen diplomatisch. Trotzdem sei der »Gedanke, dass die Kinder erst in Klasse sieben zu uns kommen, gänzlich unerträglich, das ist absolut nicht vorstellbar«. Für ihn geht es um nicht weniger als die Existenz seiner Schule. Der Abschied von einem ganzheitlichen und fächerübergreifenden humanistischen Denkansatz scheint programmiert, wenn die Kinder verschiedener Primarschulen nachmittags zu Lateinstunden pendeln, um sich danach wieder in ihre gemischten Lerngemeinschaften einzureihen. Von einer Austrocknung der humanistischen Gymnasien aber will Senatorin Goetsch nichts wissen. »Es werden innovative Lösungen gefunden«, sagt sie in bestem Unternehmensberater-Deutsch.

Bis zum Sommer will die Schulbehörde festlegen, wie die Schulstruktur in den einzelnen Regionen aussehen wird. Es wird ein Experiment beginnen, das viele Chancen in sich birgt und viel zerstört. Das große Unruhe bringt und dessen Ausgang vollkommen offen ist.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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Leser-Kommentare

  1. Insgesamt sollte man nicht allzu verbissen diskutieren. Es geht ja nicht um Leben und Tod. Letztendlich kann man mit dem schlechtesten Unterricht nicht vermeiden, dass die meisten Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Die Frage ist, wieviele der verbleibenden 10-20% der Kinder, die aus dem Rahmen fallen, soweit aufgefangen werden , dass sie später ein selbstbestimmtes und gemeinwohldienliches Leben führen. Und die Stärkung des individuellen Fördergedankens im Ansatz der Frau Goetsche ist diesbezüglich nicht das Schlechteste.

  2. Es scheint mir, es steckt ein Gutteil Ideologie in dieser Reform - wie übrigens in allen anderen Reformen seit Gründung der Bundesrepublik. In den einzelnen Bundesländern wurde viel experimentiert mit dem Ergebnis, dass alle bei den Pisa-Vergleichstest vergleichsweise schlecht abschnitten - keine Reform hätte uns genau so weit gebracht, genauso wie ein zentral beim Bund angesiedeltes Ministerium, und günstiger gewesen wäre es obendrein.

    Nun legen die Resultate in Hamburg nahe, dass sich etwas ändern muss. Frau Goetsch macht dies zu ihrer Spielwiese und versucht, ihre bildungspolitische Utopie ins Werk zu setzen. Vor diesem Hintergrund ist klar, dass Frau Goetsch keine kontroversen Diskussionen über das Reformwerk aufkommen lassen möchte, würden sie das Projekt doch vermutlich verwässern. So weit, so verständlich. Der Umfang dieser Reformpläne ist durchaus beeindruckend, sollte es gelingen wird Frau Goetsch zur Lichtgestalt zukünftiger Bildungsdebatten aufsteigen, sollte es misslingen - das entsprechende, nur mit negativem Vorzeichen. Ich vermute einmal, dass sich dort die Privatschulen in Zukunft über regen Zuspruch freuen können.

    Doch jenseits aller pädagogischer Massnahmen ist die Frage, wie weit man auch unter optimalen Bedingungen an staatlichen Schulen an die jeweiligen Problemschüler herankommen mag. Ich persönlich habe meine Zweifel daran, dass das Reformwerk von Frau Goetsch, selbst wenn es funktioniert, oder auch nur eine beliebige andere Schulkonstellation (mit realistischem Finanzbedarf) hier Wunder wird vollbringen können.

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    Es geht nicht darum Wunder zu schaffen, sondern die Situation im Allgemeinen zu verbessern und offensichtlich brauchen wir Änderungen, gerade in Städten und Gemeinden, wo derzeit viele auf der Strecke bleiben. Ihr Beitrag verdeutlicht es aber, woran eigentlich jede Diskussion über Bildung letztendlich immer scheitert, nämlich daran, dass man von vorne rein annimmt, dass es einen 'Ausschuss' geben muss, der es nicht schafft - die Frage bleibt immer nur, wieviel verträgt das Bildungssystem davon.

    Nun, die Zahlen in Hamburg sind eine Katastrophe und ein Zeugnis für das Versagen des Systems, was aber schon seit über 10 Jahren vor allem an Geldmangel krankt und im Prinzip nur eines der vielen Beispiele in der gesamten BRD ist. Dadurch schwächte sich auch (logischerweise) das Niveau vieler Schulen, die immer mehr Schüler entliessen, die eine solide Grundausbildung vermissen liessen. So hat man über Jahre die Abschlüsse vor dem Abitur massiv abgewertet, bis zu der heutigen Situation, dass die meisten Ausbildungsbetriebe wenigstens ein (Fach)Abitur erwarten und die unteren Abschlüsse kaum noch gewürdigt werden.

    Man kann also sagen, dass das dreigliedrige Schulsystem dadurch verbrannt ist, denn auch wenn man noch die nächsten 20 Jahre daran herum doktert, wird man das Kernproblem nicht lösen, nämlich, dass staatliche Schulen insgesamt einen schlechten Ruf haben und ihre Abschlüsse nichts wert sind (bis auf das Abitur). Das ist aber das Ergebnis einer gezielten staatsfeindlichen Politik, die Hand in Hand teilweise mit den Interessenvertretern die Institutionen des Landes schlecht redete und über Gesetze und Entzug der Mittel auch bewusst schwächte. Die Bildung ist nur ein Beispiel, aber ein besonders drastisches Beispiel, was die ökonomische (und gewollte) Spaltung der Gesellschaft verdeutlicht.

  3. Die Konsequenz aus dieser Reform wird sein, dass beispielsweise die vielen wohhabenden othmarschner Eltern ihre Kinder nicht mehr in das Christianeum schicken, sondern in Privatschulen und britische Elite-Boarding Schools für Euro 25.000,-- per anno und aufwärts.

    Das wird dann das Ende von erfolgreichen Traditionsgymnasien wie Johanneum oder Christianeum bedeuten und zur Folge haben, dass die vielen intelligenten Kinder, die aus entfernteren und weniger betuchten Gegenden kommend diese Schulen besuchten und dort sehr gut gefördert wurden, diese Förderung nicht mehr erhalten werden. Die bleibt dann ausschließlich den reichen Kids vorbehalten in ihren Privatschulen.

  4. Auch in diesem Artikel klingt es so, als ob jede Reform von irgendeinem Mastermind konspirativ entwickelt wurde.

    Das Modell existitiert (größtenteils) in Großbritannien seit über zwanzig Jahren. Was hier die mit Ross und Reiter zu verteitigenden humanistischen Gymnasien sind, waren dort die Privatschulen. Alles weg und kaum einer will zurück und PISA ist auch recht ordentlich, nein: sehr gut.

    In der High School (7-10) kann ein Schüler grottenschlecht in Mathe sein, aber dennoch die höchsten Level für Fremdsprachen besuchen. Ein Privileg, das entweder sofort in Klasse 5 vorbei ist oder auf ein humanistisches Gymnasium beschränkt bleibt. Wer sagt den, dass jeder Schüler dort seinen Lateinkurs genießt? Sicher ist der Schüler "überdurchschnittlich", weil die Schule gut ist und eben dieser Schüler Zugang hat, aber der Platz mag besser an einen Schüler vergeben worden sein, der ein Talent für die Sprache hat.

    Worum macht man sich den Sorgen? Die Lehrer werden weiterhin gute Lehrer sein und werden sich nach dem - zweifelsohne EINMAL zeerenden - Wechsel für alle Zeiten noch interessierten Schülern gegenüber sehen.
    Gute Schüler brauchen sich auch keine Gedanken machen. Es werden soviele gute Kurse angeboten, wie viele gute Schüler es gibt. Alles Versehen mit gelegentlichen Erfolgserlebnissen einen Level aufzusteigen und nicht mit der jahrerlangen Sicherheit eines Weiterzugs in die nächste Klasse.

    Mancher Leser mag an dieser Stelle den Kopf schütteln. Die Schüler motivieren sich selber? Ja, es geht auch ohne Druck von oben und der vollen elterlichen Kontrolle im 4+9-Jahresplan. Anstatt von Leistungsdruck, sollte mal besser die Idee von Leistungsmotivation einziehen. "Wenn meine Freundin besser in Englisch werden will, dann muss ich auch in das höhere Level sonst haben wir einen unterschiedlichen Stundenplan." "Ich will später an Raketen bauen, deswegen muss ich mehr in Mathe machen." Das sind Gedanken, die Jugendlichen eher lieb sind, als der blaue Brief.
    Aber, den Eltern "humanistischer Schüler" gefällt sicherlich nicht die Idee, dass ihr Kind nicht bereits mit zehn "Elite" ist und bleibt sondern sich immer wieder beweisen muss. Nicht nur Scheitern auf hohem Niveau sondern auch der klägliche Abstieg in untere Level, weil die humanistischgymnasiale vier in Physik halt nicht für das höchste Level auf gemischten Schulen reicht.

    Noch zu Großbritannien:
    Was dort vielleicht noch besser ist, sind Colleges (Abitur) im 11. und 12. Jahr. Vier Fächer (A-Levels) dürfen gewählt werden - (fast) egal was, es muss i.R. nur ein "Hauptfach aus einem anderen Feld" dabei sein. Ob es Fotografie und Kunst, Sprachen oder Naturwissenschaften sind. Der heranwachsende Jugendliche darf sich auf sehr hohem Niveau verwirklichen. Er muss sich auch sonst Mühe geben, damit er auf seine Wunschuni kommt.

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    Die User haben bestimmt bemerkt, dass es immer noch Privatschulen in England gibt. Keine Frage, jedoch haben sie große Teile ihrer Freiheiten verloren und sind jetzt an eine Vielzahl von Auflagen bzgl. der Schülerauswahl gebunden (, welche auch unterlaufen werden).
    Die Schulen gab es auch vor PISA und die sieben Prozent der Schüler dort haben gewiss nicht den Sprung für GB in PISA gebracht.

    Wer es sich leisten kann schickt sein Kind in GB auf eine Privatschule. Das staatliche Schulsystem in GB ist eine Totalkatastrophe, die man seinen Kindern nicht antun kann. Der Niveauunterschied zwischen Privatschulen und staatlichen Schulen muss gigantisch sein.

    Grüße
    Trench

    Dream on   Abu Zoff

    "Wenn meine Freundin besser in Englisch werden will, dann muss ich auch in das höhere Level sonst haben wir einen unterschiedlichen Stundenplan."

    Ha, ha, ha.

    Weder von meinen Mitschülern (Gymnasium BaWü 80er Jahre) noch von meinen Kindern oder deren Mitschülern (Gymnasium Bayern Gegenwart) habe ich jemals diese Argumentation gehört. Sehr häufig hingegen die umgekehrte: "Du darfst keinesfalls besser werden als wir und weiter kommen, sonst haben wir einen unterschiedlichen Stundenplan. Wir sind doch keine Streber."
    (N.B.: Das wird äquivalent z.T. sogar in Sportvereinen gehört. Gruppenzwang führt immer zum kleinsten gemeinsamen Nenner.)

    "Ich will später an Raketen bauen, deswegen muss ich mehr in Mathe machen."

    Auch flächendeckend falsch -- leider. Richtig wäre: "Ich will später Rapper/Model werden, deswegen brauche ich nichts in Mathe zu machen."
    (Wussten Sie schon, dass selbst die sogenannten Computer-Kids, die ihre gesamte Freizeit vor dem Viereckigen verbringen, heute in den wenigsten Fällen auch nur Grundwissen in Bezug auf Computer haben, sieht man vom Surfen und Spielen ab? So viel zum Thema Interessen.)

    Aber genießen Sie ruhig weiter Ihre Träume von der rationalen Weltsicht der Teenager. Einer muss ja die titanische Aufgabe übernehmen, Optimismus zu verbreiten.

  5. Die User haben bestimmt bemerkt, dass es immer noch Privatschulen in England gibt. Keine Frage, jedoch haben sie große Teile ihrer Freiheiten verloren und sind jetzt an eine Vielzahl von Auflagen bzgl. der Schülerauswahl gebunden (, welche auch unterlaufen werden).
    Die Schulen gab es auch vor PISA und die sieben Prozent der Schüler dort haben gewiss nicht den Sprung für GB in PISA gebracht.

  6. katastrophal! Die Eltern dürfen nicht entscheiden, auf welche Schule ihre kinderspäter gehen sollen? Das bringt das Kastensystem schon nach der sechsten Klasse, was einfach nur schrecklich ist. Wenn ich an meinen kleinen Bruder denke, den man fast auf eine Hauptschule geschickt hat bis wir uns beschwert haben und sie auf dem Zeugnis den Besuch eines GYMNASIUMS empfohlen haben! Lehrer entscheiden eindeutig nicht objektiv darüber, aufwelche Schule der Schüler gehen soll. Ihn hat übrigens ein Gynmasium angenommen, dass unter anderen chinesisch anbietet.
    Dass der Autor zu Beginn auch von der "gescheiterten Gesamtschule" redet halte ich für unverschämt und eine Beleidigung der Gesamtschulen, die erfolgreich sind. Ich ging auf eine integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Nordrhein-Westfalen. Diese Schule war alles andere als gescheitert. Stattdessen hatte die Schule wie jede andere mit Lehrermangel und wenigen Geldern zu kämpfen, während der CDU-Bürgermeister lieber Solarzellen aufs Dach "zum Test" stellte. Dann gab es aber auch furchtbare Gesamtschulen in der Umgebung. Das liegt meiner Meinung nach aber nur daran, dass die Politiker hinter der Idee von Gesamtschulen standen, danach aber irgendwie glaubten dass sich alles von selbst zum guten entwickeln würde. Das stimmt natürlich nicht! Man kann das Problem nicht lösen in dem man die Gesellschaftsschichten zusammenlegt.
    Meine Gesamtschule bot viele individuelle Förderprogramme an. Der Schwierigkeitsgrad im Unterricht und die Anzahl der HAs sollte lediglich steigen (ich empfand es immer zu wenig und zu einfach).
    Die Idee Hamburgs, die angeblich aus den Kreisen der Grünen kommen soll vertete ich jedenfalls nicht. Ich sehe schon eine Auswanderung besorgter Eltern voraus ODER der Druck auf die Kinder in den ersten 6 Jahren wird stark anwachsen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sowohl in der Behauptung, dass an den Grundschulen mitnichten objektiv selektiert wird als auch mit dem Fakt, dass es sehr erfolgreiche Gesamtschulen gibt, die es geschafft haben, mit geringen finanziellen Mitteln durch Engagement sich neben den Gymnasien zu etablieren und einer beachtliche Anzahl von Schülern das Abitur zu ermöglichen, die ursprünglich keine Gymnasialempfehlung hatten. Die im Artikel benutzte Metapher von "der gescheiterten Gesamtschule" ist arrogant und ignorant. Hat sich das Konzept bisher nicht durchgesetzt, so liegt das zum Gutteil auch an der konservativen Schulpolitik und dem Festhalten am herkömmlichen Gymnasium, dass es dem Gesamtschulkonzept erschwerte an Schüler heranzukommen, die die Grundschule mit einer Gymnasialempfehlung verließen. Das hat sich zwischenzeitlich durch die Einführung der G 8 (zumindest in S.-H.) geändert. Und es gibt mehrere Gesamtschulen in diesem Land, die mit Schulpreisen ausgezeichnet worden sind für ihre zukunftsweisende Beschulung. Das Hamburger Konzept sehe ich allerdings auch skeptisch und denke, es ist - wieder einmal - getragen von Ideologien, die nicht der Realität entspringen. Finanzielle Mittel werden nicht aufgestockt, die Lehrer werden nur unzureichend auf die neue Situation vorbereitet, Frust ist vorprogrammiert. Die Eltern werden mit den Füßen abstimmen und jene, die es sich leisten können, kaufen sich die Schulbildung ihrer Kinder an den Privatschulen, die Entwicklung sehe ich auch. Die Schulen müssen in gewissem Rahmen einem Markt unterworfen werden. Durch ihr gutes, durchdachtes und erfahrenes Konzept konnte die Gesamtschule in meiner Heimatstadt 9 mal mehr Anmeldungen vorweisen, als sie in der Lage ist, Schüler aufzunehmen. Es gibt also durchaus Eltern, die der Meinung sind, ihre "Gymnasialkinder" mit Real- und Hauptschülern zusammen unterrichten zu lassen, solange nur das Konzept Erfolg aufweist.

    • 13.03.2009 um 6:27 Uhr
    • Anonym

    Anstatt unseren Föderalismus als Vorteil zu sehen und nutzen wird er nur wieder als Kleinstaaterei abgekanzelt (in der ewigen Sehnsucht der Deutschen nach Zentralismus und Vereinheitlichung im Gleichschritt).

    Eine Großstadt hat komplett andere Ansprüche an ein Bildungswesen als die Provinz. Hamburg kann auf sich als Großstadt zugeschnittene Bildungspolitik machen und da sollte man auch mit der ewigen Vergleicherei aufhören. Es bringt nichts, war schon immer schief und es erscheint mir so dass das in Nachkriegszeit in Deutschland populär wurde weil man so verunsichert war durchdie NS-Zeit was einen "deutschen Weg" angeht so dass es immer ein ausländisches Vorbild braucht um ein streitbares Vorhaben zu verteidigen. Was zu desaströsen Resultaten geführt hat, man hat ja auch die Probleme in den Herkunftsländern importiert. Und zuviel auf Klischees gegeben, jedes Land färbt sich gerne schön - warum denken die Deutschen das ihre Regierung die einzige sei die gern an Statistiken dreht?

    Beispiel Elterngeld. Das kommt aus Schweden als Vorbild. Klar, die Schweden sind doch so fortschrittlich und haben soviele Kinder und alles.. oder? Nein. Die Kinderzahl ist in Schweden, bis auf wenige Nachkommastellen (also statistisch vernachlässigbar) die selbe wie in der Bundesrepublik. Da ist der Unterschied in der Kinderzahl zwischen Bayern und Niedersachsen viel größer, aber nehmen sich die Niedersachsen nun die Bayern als Vorbild? Klar, da passt das Klischee nicht - die Schweden findet man "putzich" und die Bayern sind halt "Batzis". In Schweden hat man schon lange festgestellt dass es in der Hauptsache beim Elterngeld mitnahmeeffekte gibt und die Väter ihre Elternzeit vor allem dann nehmen wenn im Sommer zB Fußballturniere anstehen - was für ein Zufall.
    Oder die Arbeitsagenturen deren Vorbild das "JobCentre Plus" aus Großbritannien war. Nur dass es dort auch in der Realität und auf den 2. Blick als "Betroffener" (>Arbeitsloser) nicht wirklich besser funktionierte als das gute alte Arbeitsamt - einzig der englische Arbeitsmarkt war im Boom der 90er in einer besseren Verfassung und darum gab es mehr offene Stellen und entsprechend schnelle Vermittlung der Arbeitslosen. Aber es muss doch das "JobCentre" gewesen sein, allein schon weil es aus dem Ausland kommt..
    vor 2 Jahren gab es übrigens in Finnland auch einen Amoklauf an einer Schule, mit 9 Toten. Soviel zum finnischen Schulsystem was ja angeblich gar keinen Notenfrust, Leistungsdruck usw. aufbaut und wo sich alle ganz doll lieb haben.

    Merke: nicht jedes Werbeprospekt wörtlich nehmen. Und ja es braucht einen eigenen deutschen Weg, so wie jedes Land sich unterscheidet so muss es seine eigene Bildungspolitik finden - und immer wieder neu finden, immer wieder anpassen. In den 70ern war unser Bildungssystem tatsächlich überlegen, darum ja auch Vorbild für andere Länder die viele Delegationen herschickten um zu lernen. Nur haben wir es seitdem nicht mehr angepasst, unsere Gesellschaft hat sich aber komplett geändert (Demographie, andere Erziehung und Familienstrukturen, Migration, Bedürfnisse der Arbeitswelt nach weniger Facharbeitern und mehr Akademikern, mehr berufstätige Frauen,..). Darum wird auch jede noch so gute Reform die man jetzt macht in wenigen Jahren wieder einer Reform weichen müssen. Das Perfekte ist der Feind des Guten - das schlimmste wäre für Hamburg nichts zu ändern und alles zu lassen wie es ist, einfach um derlei schwierige Debatten zu vermeiden was ja auch für die hamburger Politiker viel bequemer wäre.

    • 13.03.2009 um 10:52 Uhr
    • Isaidy

    sowohl in der Behauptung, dass an den Grundschulen mitnichten objektiv selektiert wird als auch mit dem Fakt, dass es sehr erfolgreiche Gesamtschulen gibt, die es geschafft haben, mit geringen finanziellen Mitteln durch Engagement sich neben den Gymnasien zu etablieren und einer beachtliche Anzahl von Schülern das Abitur zu ermöglichen, die ursprünglich keine Gymnasialempfehlung hatten. Die im Artikel benutzte Metapher von "der gescheiterten Gesamtschule" ist arrogant und ignorant. Hat sich das Konzept bisher nicht durchgesetzt, so liegt das zum Gutteil auch an der konservativen Schulpolitik und dem Festhalten am herkömmlichen Gymnasium, dass es dem Gesamtschulkonzept erschwerte an Schüler heranzukommen, die die Grundschule mit einer Gymnasialempfehlung verließen. Das hat sich zwischenzeitlich durch die Einführung der G 8 (zumindest in S.-H.) geändert. Und es gibt mehrere Gesamtschulen in diesem Land, die mit Schulpreisen ausgezeichnet worden sind für ihre zukunftsweisende Beschulung. Das Hamburger Konzept sehe ich allerdings auch skeptisch und denke, es ist - wieder einmal - getragen von Ideologien, die nicht der Realität entspringen. Finanzielle Mittel werden nicht aufgestockt, die Lehrer werden nur unzureichend auf die neue Situation vorbereitet, Frust ist vorprogrammiert. Die Eltern werden mit den Füßen abstimmen und jene, die es sich leisten können, kaufen sich die Schulbildung ihrer Kinder an den Privatschulen, die Entwicklung sehe ich auch. Die Schulen müssen in gewissem Rahmen einem Markt unterworfen werden. Durch ihr gutes, durchdachtes und erfahrenes Konzept konnte die Gesamtschule in meiner Heimatstadt 9 mal mehr Anmeldungen vorweisen, als sie in der Lage ist, Schüler aufzunehmen. Es gibt also durchaus Eltern, die der Meinung sind, ihre "Gymnasialkinder" mit Real- und Hauptschülern zusammen unterrichten zu lassen, solange nur das Konzept Erfolg aufweist.

    Antwort auf "Das klingt"
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  • Von Jeannette Otto
  • Datum 12.3.2009 - 14:29 Uhr
  • Serie Audio
  • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
  • Kommentare 31
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