Viele Eltern plagt dieser Tage das Gewissen. Bei der Wahl der Schule fragen sie sich: Was ist das Beste für unser Kind? Andererseits – ist das Beste für unser Kind auch das Beste für unser Gemeinwesen?

Das ist keine abstrakte Frage. Denn mit der Wahl der Schule wird ein Trend verstärkt, der dem Land nicht guttut: Die sozialen Gruppen driften auseinander. Der Sohn des Ingenieurs lernt die Tochter des türkischstämmigen Arbeitslosen nicht als Spielkameradin oder Mitschülerin kennen. Die Kinder verschiedener Schichten wissen nicht, wie die anderen leben, worüber sie lachen oder weinen, was sie essen, was sie sich im Fernsehen anschauen, an welchen Gott sie glauben. So kann schwerlich gegenseitiges Verständnis, die Basis für die Solidarität innerhalb der Gesellschaft, entstehen.

Es gibt also einen nicht zu leugnenden Widerspruch zwischen dem Handeln als liebende Eltern und jenem als verantwortungsbewusste Staatsbürger. Doch kann man diesem Dilemma entkommen? Ist es möglich, das Persönliche mit dem Sozialen zu versöhnen? Muss man Eltern ächten, welche die Schule danach wählen, was sie für das Wohl ihres Kindes halten?

Nein, denn als Einzelner bekommt man das Problem nicht in den Griff. Aus zwei Gründen: Erstens kann man nicht allen Ernstes Kinder als Werkzeug der Sozialklempnerei benutzen. Wer Biofleisch isst, um den ökologischen Landbau zu stärken, der mag rational handeln. Wer hingegen sein Kind auf eine Schule mit einem Ausländeranteil von achtzig Prozent schickt, der ist nicht von dieser Welt.

Zweitens wird zur Witzfigur, wer mit einem kleinen Trupp Aufrechter einen gesellschaftlichen Trend stoppen will. Die meisten Eltern fühlen sich ja gar nicht in der Zwickmühle; für sie ist das Nachdenken abgeschlossen, wenn das eigene Kind in der vermeintlich richtigen Spur ist. Auch türkische Eltern sind nicht unbedingt beglückt von Multikulti-Avancen deutscher Mitbürger – und retten die Tochter schon einmal auf die katholische Mädchenschule. In dem Geflecht aus tausenderlei Interessen, Gefühlen und Werten kann man sich nur verheddern.

Deshalb muss in diesem Fall der Staat der Zivilgesellschaft auf die Sprünge helfen. Er muss die Schulen auf einen Standard bringen, der Eltern nicht in die Flucht schlägt. Vielerorts schafft er das; es gibt sogar Gesamtschulen, die die Kinder des Bildungsbürgertums anziehen. Nur ist das nicht die Regel.

Und der Staat hat die Bildungsungerechtigkeit an der Wurzel zu bekämpfen. Alle Experten sind sich einig, dass dazu massiv in die frühkindliche Bildung investiert werden muss. Stattdessen darf an anderer Stelle – zum Beispiel an den Gymnasien – gespart werden. Vermutlich wird dann dort mehr Lehrmaterial von finanzstarken Eltern bezahlt werden. Diesen Beitrag zu leisten ist Bürgerpflicht.