AUS DEN FAKULTÄTEN Dialetti ticinesi
Die Schweiz ist nicht nur eine Hochburg der Mundart, sondern auch ein Zentrum der Dialektologie. Die allererste moderne Beschreibung eines deutschen Dialekts stammt vom Glarner Gelehrten Jost Winteler, der 1876 über die Kerenzer Mundart doktorierte. Derselbe Winteler wurde später übrigens Lehrer in Aarau und beherbergte ab 1895 einen gewissen Albert Einstein, der dort für ein Jahr die Kantonsschule besuchte.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kamen weitere Pionierwerke hinzu: Der erste veröffentlichte Sprachatlas, der Atlas Linguistique de la France, stammte von Jules Gilliéron aus La Neuveville. Auch der entsprechende italienische Sprachatlas wurde von zwei Schweizer Professoren herausgegeben. »Die Schweizer haben die Geschichte der Dialektologie massiv geprägt«, sagt der Römer Michele Loporcaro, Linguistikprofessor an der Universität Zürich.
Ein weiterer Mundart-Pionier hat es Loporcaro besonders angetan: Der Tessiner Carlo Salvioni (1858 bis 1920). Loporcaro hat dessen Schriften gesammelt und jetzt erstmals als Gesamtwerk herausgegeben. Es umfasst rund 4600 Seiten, und der Formen-Index beinhaltet unglaubliche 90000 Stichwörter aus italienischen Mundarten, die Salvioni auf Forschungsreisen gesammelt und analysiert hat. »Salvioni hatte eine unbremsbare Leidenschaft für sein Forschungsgebiet«, sagt Loporcaro. »Er stand jeweils um vier Uhr auf und pflegte zu sagen: Wenn die anderen ihren Tag beginnen, habe ich mein Tagwerk schon erledigt.«
Salvioni hatte, genauso wie Einsteins »Papa Winteler«, in Leipzig studiert und wurde zu einem knallharten Vorkämpfer der sogenannten Junggrammatiker, die dort das Sagen hatten. Die Junggrammatiker sahen in der Sprache ein Geflecht aus Gesetzen und Regeln, die sie mit fast schon naturwissenschaftlicher Methodik entschlüsseln wollten. Für ihre Gegner jedoch war die Sprache vielmehr ein gesellschaftlich-kulturelles Produkt.
Dieser Streit lebt bis heute weiter: Auf der einen Seite stehen der berühmte amerikanische Linguist Noam Chomsky und seine Gefolgsleute, die sogar an einen angeborenen Mechanismus zum Spracherwerb glauben – auf der anderen die Soziolinguisten, die finden, man dürfe die Sprache eigentlich nur beobachten wie ein Verhaltensforscher die Tiere. Der Zürcher Linguist Loporcaro sieht sich selber eher auf der »naturwissenschaftlichen« Linie von Salvioni und Chomsky: »Als Dialektologe suche ich nach grammatikalischen Regeln, die den Sprechern selber gar nicht bewusst sind. Wenn es solche sprachimmanenten Gesetzmäßigkeiten nicht gäbe, könnte ich meine Arbeit gar nicht tun.«
Wie steht es um die italienischen Dialekte heute? Nicht so schlecht wie etwa um die französischen. In Süditalien und in Venetien wird noch verbreitet Mundart gesprochen; im Tessin vor allem im Sopraceneri. »In Bellinzona hört man auf der Straße durchaus noch Dialekt – in einem vergleichbaren Städtchen der Lombardei wäre das ausgeschlossen«, sagt Loporcaro. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die italienischen Dialekte, auch in der Schweiz, längerfristig im Niedergang begriffen sind.
Das Besondere am Tessin ist, dass man sich trotzdem weiterhin über die Mundart definiert. Sie dient, ähnlich wie das Schweizerdeutsche, zur Abgrenzung gegenüber dem großen Nachbarn. So ist etwa das Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana in der Bevölkerung sehr populär; sein Direktor wird regelmäßig im Tessiner Fernsehen interviewt.
Der Initiator des Wörterbuchs, das in der Tradition des schweizerdeutschen Idiotikons steht, war just der Mundart-Maniac Carlo Salvioni. »Es war das erste wissenschaftliche Wörterbuch im italienischen Sprachgebiet, das auf systematischen Erhebungen in einer ganzen Region basierte«, sagt Michele Loporcaro. »Als solches ist es bis heute ein Unikum im italienischen Sprachraum.«
Von der Dialekt-Begeisterung der Tessiner hat auch die Salvioni-Gesamtausgabe profitiert: Der Kanton Tessin hat sie zur Hälfte finanziert. »Ich bekomme viele Mails von italienischen Kollegen, die ihre Bewunderung dafür ausdrücken«, sagt Loporcaro. »In Italien wäre es undenkbar, dass so viele Mittel in so ein Projekt gesteckt würden.« Mathias Plüss
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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