Ethik "Wir finden enttäuschend wenig Sinn"
Warum braucht es professionelle Ethiker? Ein Gespräch mit Christoph Rehmann-Sutter, dem abtretenden Präsidenten der Nationalen Ethikkommission
DIE ZEIT: Ihr Chef, Bundesrat Pascal Couchepin, hat letzte Woche an dieser Stelle gesagt, Ethik-Kommissionen seien ein Problem, weil man an sie die ethischen Fragen delegiere, anstatt selbst zu denken. Hat er recht?
Christoph Rehmann-Sutter: Natürlich nicht. Ethik soll ja gerade zum Selberdenken anstiften. Die Nationale Ethikkommission wurde mit dem Fortpflanzungsmedizingesetz geschaffen, nicht als Problem, sondern als Teil einer Lösung. Das Parlament befand, dass man eine Kommission braucht, welche die Entwicklungen im Bereich Humanmedizin vertieft einschätzen kann.
ZEIT: Aber warum brauchen wir eine Kommission, die für die Politik denkt?
Rehmann: Wir beraten. Der Bedarf hängt mit dem Tempo der Technologieentwicklung zusammen, mit der Komplexität der normativen Fragen, mit der Verschiebung von Grenzen, den damit verbundenen moralischen Ungewissheiten, die auch die Politiker betreffen. Deshalb setzten sie eine Kommission ein, die ihnen Entscheidungsgrundlagen liefert. Dass sie dann aber selber ein Urteil fällen, das nicht unbedingt unseren Empfehlungen folgen muss, ist gut.
ZEIT: Was haben Sie in den acht Jahren Ihrer Präsidentschaft erreicht?
Rehmann: Wir haben viele Ziele erreicht. Zum Beispiel konnten wir zur Vertiefung der Ethik-Debatte in der Öffentlichkeit beitragen. Wir haben gezeigt, dass ethische Überlegungen zur modernen Medizin und Biotechnologie notwendig sind. Und dass Debatten zu einer demokratischen Öffentlichkeit gehören: Die müssen glaubwürdig und differenziert geführt werden. Eine andere Frage ist, in welchen Punkten wir das Parlament oder den Bundesrat überzeugen konnten. Ein Paradebeispiel ist das Stammzellenforschungsgesetz, das sich ungefähr mit unseren Empfehlungen deckt und auch vom Volk angenommen wurde.
ZEIT: Anders sieht es bei der Präimplantationsdiagnostik in der Fruchtbarkeitsmedizin aus. Sie haben eine sehr liberale Lösung empfohlen, der Bundesrat hat einen Entwurf präsentiert, in dem fast alles verboten ist, was Sinn macht.
Rehmann: Der Prozess ist noch im Gange, die Vernehmlassung beginnt ja erst.
ZEIT: Ihre Argumente haben verwaltungsintern aber offenbar nicht überzeugt.
Rehmann: Der Entwurf ist viel restriktiver herausgekommen als unsere Empfehlungen. Der bundesrätliche Vorschlag ist zauderlich und gleichzeitig paternalistisch, sodass er nicht praktikabel ist. Käme er so durch, wäre ein Paar, dem diese Behandlung helfen könnte, besser beraten, gleich nach Brüssel zu reisen und sich dort behandeln zu lassen.
ZEIT: Ihnen wurde das Budget zusammengestrichen, Ihr Nachfolger ist immer noch nicht ernannt. Verschwindet die Kommission nach Ihrem Abgang in der Bedeutungslosigkeit?
Rehmann: Wir litten unter der unsäglichen Übung, bei der das Parlament den Bund verpflichtete, alle außerparlamentarischen Kommissionen zu verschlanken und 30 Prozent der Budgets zu sparen. Das schadet der direkten Demokratie, weil die Pluralität der Stimmen abnimmt. Verwaltung und Exekutive ist das genehm, weil sie dann bestimmte Anliegen gar nicht mehr hören müssen.
ZEIT: Ihr Nachfolger ist noch nicht bestimmt.
Rehmann: Dass er noch nicht bestimmt ist, heißt nicht, dass er nicht bestimmt wird. Der Vorschlag liegt bei Bundesrat Pascal Couchepin.
ZEIT: Warum braucht es eigentlich Ethiker?
Rehmann: Diese Frage müssen Ethiker sich immer wieder selbst stellen. Ein Ethiker ist im Prinzip ein Intellektueller im öffentlichen Raum, der sich den Fragen nach dem Wichtigen im Leben, nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit stellt. Er sollte mit seinen Beobachtungen die Menschen herausfordern, vielleicht auch mal irritieren.
ZEIT: Ein staatlich subventionierter Sokrates.
Rehmann: Das wäre ein großes Kompliment. Ethiker gibt es noch nicht so lange, aber ihre Rolle wurde bereits ausgefüllt. Ich denke da an Schriftsteller, Philosophen, Theologen, auch an die alten Propheten – sie hielten den Mächtigen den Spiegel vor die Nase und sagten: Wenn ihr so weitermacht, kommt es schlimm heraus. Ich will nicht behaupten, dass wir Ethiker Propheten sind. Aber auch ihnen ging es um Gerechtigkeit und das gute Leben.
ZEIT: Sie profitieren von der Orientierungslosigkeit der modernen Gesellschaft.
Rehmann: Wir nehmen diese Herausforderung an.
ZEIT: Die Stellungnahmen der Nationalen Ethikkommission sind oft fortschrittsfreundlich.
Rehmann: Wenn man die Stellungnahmen der Kommissionen anderer Länder betrachtet, können wir tatsächlich als relativ fortschrittsfreundlich im Bereich der Medizin bezeichnet werden, weil wir darin, dass die Medizin helfen kann, auch einen ethischen Wert sehen.
ZEIT: Sind Sie dem Volk eine Nasenlänge voraus?
Rehmann: Es gibt eine Diskrepanz, aber die stört mich nicht. Es gibt auch Felder, in denen wir kritischer sind – etwa bei der Suizidhilfe. In diesem Bereich haben die Sterbehilfeorganisationen seit den 1980er Jahren eine enorme Eigendynamik entfaltet, die uns zunehmend Sorgen bereitet. An sich finde ich gut, dass man Suizidbeihilfe grundsätzlich zulässt und diese nur verbietet, wenn der Sterbehelfer ein Eigeninteresse verfolgt.
ZEIT: Das Problem ist vielfach nicht das finanzielle Eigeninteresse der Sterbehelfer, sondern ihr wahnsinniges, fast religiöses Engagement, das sie in den Akt der Sterbehilfe legen.
Rehmann: Die Begleitung Sterbender hat aber immer eine Intensität, weil man mit Menschen zu tun hat, die in einer entscheidenden existenziellen Situation sind, in der sich das Leben gleichsam verdichtet. Oft springt dann auch ein Funke auf die Nächsten über, seien dies Angehörige, Pflegende oder eben Sterbehelfer.
ZEIT: Man sollte die professionelle Sterbebegleitung verbieten.
Rehmann: So weit würde ich nicht gehen. Wenn ein Mensch auf eine andere Art nicht aus dem Leben scheiden kann, aber wirklich sterben will – und wenn der Prozess unter wirklich sorgfältigen Bedingungen abläuft, sollte dies meiner Meinung nach möglich sein. Vor der Professionalisierung haben wir aber ebenfalls gewarnt. Im Moment hat Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf die Diskussion um die Anpassung des Artikels 115 im Strafgesetzbuch, der die Sterbehilfe regelt und die Existenz von Sterbehilfeorganisationen ermöglicht, wieder aufgenommen. Als der Artikel geschrieben wurde, gab es noch keine professionellen Sterbehilfeorganisationen, er war nur auf den sogenannten Freundschaftsdienst ausgerichtet. Das Gesetz soll nun strenger werden und auch die Aktivitäten der Sterbehilfeorganisationen regeln. Die Nationale Ethikkommission wird sich da sicher wieder einbringen.
ZEIT: Ein Ethiker ist auch ein Polizist.
Rehmann: Nein, so sehe ich mich gar nicht.
ZEIT: Aber Sie sind doch auch da, um die Gesellschaft vor sich selbst zu schützen?
Rehmann: Ja, wir müssen die Entwicklungen aufmerksam beobachten, die im Gange sind, und erklären, was sie für die Gesellschaft bedeuten. Wir haben deshalb auf Risiken im neuen System der diagnoseabhängigen Fallpauschalen in den Spitälern hingewiesen, das 2012 bei uns eingeführt werden soll. Hier wird die Finanzierung des Spitalwesens umgekrempelt, deshalb müssen wir genau hinschauen, damit das nicht zuungunsten der Patienten passiert.
ZEIT: Bundesrat Couchepin findet es lächerlich, dass Sie die Fallpauschale, die einen früheren Austritt der Patienten aus dem Spital ermöglicht, infrage stellen.
Rehmann: Ich habe in der ZEIT gelesen, dass Herr Couchepin das nicht gerne sah. Wir sind nicht gegen das System, aber es braucht sorgfältige Begleitmaßnahmen. Befragungen in Deutschland, wo das System schon vor vier Jahren eingeführt worden ist, haben gezeigt, dass die Erfahrungen teilweise sehr negativ sind. Die Behandlungszeit im Spital wurde nach den Bedürfnissen des Spitals ausgerichtet, die Zeit des Pflegefachpersonals war noch knapper. Patienten können falsch codiert und die Diagnosen angepasst werden, damit das Spital mehr Einnahmen generieren kann. Diagnosen sind ja nie vollständig objektiv und oft unklar, und manchmal wird heute jemand auch ohne klare Diagnose wieder gesund. Wenn das Spital pro diagnostizierten Fall und nicht mehr pro Aufwand bezahlt wird, kann dies für die Patienten negative Folgen haben.
ZEIT: Muss ein Ethiker mit der Wirtschaft aus Prinzip auf Kriegsfuß stehen?
Rehmann: Ethik steht in einem kreativen Spannungsverhältnis mit ökonomischem Denken. Wir müssen untersuchen, wo ein Interessenkonflikt zwischen Patienten und ökonomischem System besteht – und diesen Konflikt benennen.
ZEIT: Hat sich Ihr Menschenbild in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Rehmann: Ja, ich hoffe, dass ich mich entwickelt habe. So wie ich Menschen wahrnehme, suchen wir alle nach einem Sinn. Und oft finden wir enttäuschend wenig von diesem Sinn.
ZEIT: Wo muss die Schweiz dem medizinischen Fortschritt Einhalt gebieten?
Rehmann: Die steigenden Kosten im Gesundheitswesen bergen im Zusammenspiel mit der wirtschaftlichen Abwärtsspirale die Gefahr, dass Menschen diskriminiert werden. Es droht eine Verschärfung der Zwei-Klassen-Medizin. Ein anderer Punkt ist die Entgrenzung der medizinischen Eingriffe. Heute kann man mit genetischen Methoden immer mehr Krankheiten voraussehen. Treibt man das zu weit, werden die Menschen zu – ich sage mal – Selbstoptimierungsmaschinen, das finde ich nicht gut. Der Sinn der Medizin ist aber nicht die Optimierung – und auch nicht die Verlängerung des Lebens als solches. Der Sinn liegt in der Qualität und die hängt davon ab, was man aus dem Leben macht.
Das gespräch führten Matthias Meili und Peer Teuwsen
- Datum 13.03.2009 - 11:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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DIE ZEIT: Ihr Chef, Bundesrat Pascal Couchepin, hat letzte Woche an dieser Stelle gesagt, Ethik-Kommissionen seien ein Problem, weil man an sie die ethischen Fragen delegiere, anstatt selbst zu denken. Hat er recht?
... keine Frage die Experten beantworten können, Ethik ist entweder im Volk verankert und damit Teil der Lebenswirklichkeit der Menschen; anderenfalls sie existiert nicht oder nur rudimentär. Denn diejenigen, die es angeht, verstehen die gequirlten und verschraubten Sätze dieser Experten ohnehin nicht! Es handelt sich hier doch mal wieder um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unterbeschäftigte Schwätzer auf Kosten derer, die nicht angesprochen werden meint ...
Kuni
Besser semiintellektuel als grenzdebil
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