»Ich hatte keine Lust auf Befreiung«, schreibt Christa Wolf in Blickwechsel . Keine Lust heißt: die politisch korrekte Trauer verweigern. Die Autorin versetzt sich in diese verstockten neuen Menschen. Aus dem inneren Monolog und dem Bewusstseinsstrom entwickelt sie ihre Form des inneren Dialogs – zielend auf »subjektive Authentizität«, aber das »richtige Bewusstsein« immer wieder verfehlend. So perfektioniert sie jenen trotzigen Ton, der die Selbstbespiegelung für andere erträglich macht; jene ironische Innerlichkeit, die die elegische Empfindsamkeit begleitet; jenen Galgenhumor, der das Reden über Schuld und andere pathetische Themen ermöglicht.

Der Lieblingsvorwurf, der ihr öfter als alle anderen Vorwürfe gemacht wird: mangelnde Fröhlichkeit!, trifft nicht ganz zu. Fröhlich in einem fidelen Sinn ist die Autorin zwar nicht. Aber alle ihre wichtigen Werke – Kassandra , Kein Ort. Nirgends, Sommerstück, Störfall, Medea – leben von dieser typischen Aufklärungskomik, die aus dem Kontrast von Ideal und Wirklichkeit entsteht. Immanuel Kant hat gesagt, das Lachen sei ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts. Für das Verliererlachen haben die Wolfschen Figuren Talent. Sie sind ja selber ein Witz, der die alte Welt überlebt hat: »Wir waren nicht darauf vorbereitet, uns nach einem verpatzten Weltuntergang zurechtzufinden.«

Christa Ihlenfeld, geboren am 18. März 1929 im brandenburgischen Landsberg an der Warthe, wächst in einer protestantischen Kleinstadtfamilie auf. Die Eltern betreiben ein Lebensmittelgeschäft, der Vater wird 1933 samt Ruderclub in die NSDAP übernommen. Fließend ist der Übergang vom Mitläufertum zum Vorausmarschierenwollen. Die Tochter tut sich im BDM hervor, wird »Führeranwärterin«. Eine Kindheit zwischen privater Trivialität und öffentlichem Fanatismus nennt die Erwachsene das später. Bei einer Preisverleihung 1987 in München wird sie über ihren »Hang zur Ein- und Unterordnung« referieren. Ihre Generation habe die Autoritätsgläubigkeit in die neue Gesellschaft mitgenommen, zu früh eine Ideologie gegen eine andere ausgetauscht. Spricht so eine geharnischte Sozialistin? Den Opportunismus, den man ihr nach der Wende wie etwas sensationell Neues vorwarf, hatte sie sich längst selbst vorgeworfen. Vielleicht reagierte sie deshalb so gekränkt?

Zu den Schreibantrieben Christa Wolfs gehört unüberwindbar etwas wie Scham über die eigene Herkunft. Sie tröstet sich nicht mit der schönen Lüge von der betrogenen Generation. Ihre littérature engagée ist radikaler als Émile Zolas Attacke gegen den Antisemitismus, denn sie wendet das J’accuse als Anklage gegen sich selbst.

Und dann? Was kommt nach der Scham? Die junge Autorin liest ihre ersten marxistischen Texte. Sie lernt jüdische Emigranten wie Louis Fürnberg kennen, der sie zum Schreiben ermuntert. Schließlich trifft sie Kommunisten, die erst im Nationalsozialismus und nachher in der DDR in Haft saßen, trotzdem sind sie noch Kommunisten. Das beeindruckt einen vielleicht mehr, als man möchte. Da will man vielleicht auch durchhalten im Glauben an die Utopie.

Unser Drama beginnt in der Antike und reicht bis in die Gegenwart

Schade, dass Scham nicht vor Fehlern schützt. Ende der fünfziger Jahre wird Christa Wolf von der Stasi angeworben, um im Verlauf dreier Jahre spärliche Berichte zu liefern, die so wenig aussagekräftig sind, dass die Stasi die Zusammenarbeit abbricht. Nach der Wende, als die vergessenen Blätter auftauchen, hat Christa Wolf keine Antwort auf die Frage, warum sie sich nicht verweigerte. Etwas hilflos weist sie ihre Opferakte vor, die für die Jahre 1968 bis 1980 Dutzende dicke Bände umfasst. Bezeichnend an ihrer Täterakte ist, was schadenfrohe Kritiker ebenso wie sanftmütige Verteidiger übersehen: dass die junge Frau keine Berührungsängste mit der Stasi hat, aber deutliche Hemmungen zeigt, Kollegen zu denunzieren. Etwas Schlechteres, als dass jemand kein großes Talent zum Schreiben habe und ein Bohemeleben führe, fällt ihr nicht ein; aber Positives weiß sie zuhauf. Ordentlicher Opportunismus ist das nicht. Eilfertigkeit aus Überzeugung vielleicht.