Die feige Staatsdichterin, zu der man sie im wiedervereinten Deutschland stilisierte, ist aus ihren Büchern noch weniger als aus ihrer Biografie herauszupräparieren. Schon die Moskauer Novelle und Der geteilte Himmel sind keine mutmachende Ankunftsliteratur. Von der Unmöglichkeit der Liebe, von Trennung und Sprachlosigkeit wird berichtet; die sozialistische Gegenwart, zu der man sich eben erst bekehrt hat, wirkt seltsam starr. In Nachdenken über Christa T., dem Buch, das die Autorin in ganz Deutschland berühmt macht, verdichten sich die Motive der Entmutigung und der Ausweglosigkeit. Als Anspruch ihrer Poetologie formuliert sie: die vorgeformte, klappernde Sprache vermeiden. Das klingt bescheiden, ist aber zornig gemeint. In Kassandra kann man nachlesen, wogegen der Zorn sich richtet: gegen Gleichgültigkeit, Aggression, Zynismus als historische Konstanten im Prozess der Zivilisation. Kassandra, die antike Seherin, sieht den Fall der Stadt Troja kommen, aber das Vorauswissen nützt nichts, weil ihr niemand zuhört – weil das Nichtwahrhabenwollen prekärer Verhältnisse auch so eine Konstante ist.

»Wohin mit mir. Ist eine Zeit zu denken, in die ich passen würde«, sagt Medea am Schluss des gleichnamigen Romans, der 1996 erschien und von einigen Kritikern prompt auf die Gegenwart angewendet wurde. Sie wollten in Kolchis die DDR und in Korinth die Bundesrepublik erkennen, in Medea aber die Verteidigerin des schönen, armen Kolchis gegen das hässliche, reiche Korinth. Das war schon deshalb Unsinn, weil Kolchis im Roman alles andere als schön ist. Vor allem aber, weil die Autorin weit über das kleine wichtigtuerische Land ihrer Herkunft hinauszielte. »Das Drama der Geschichte bezieht sich auf Geschichte als Kontinuum von Gewalt, Ausschluss, Unterdrückung«, schreibt die Historikerin Daniela Colombo über die Antikebearbeitungen Heiner Müllers und Christa Wolfs. Dieses Drama beginnt in der Antike und reicht bis in die Gegenwart. Beider Autoren Unfähigkeit, das Ende der Geschichte zu feiern und die Gegenwart zu bejahen, macht das Provozierende ihrer unterschiedlichen Werke aus.

Bleibt die Frage: Warum hat die Verfasserin solch geschichtspessimistischer Bücher im Herbst 1989 einen Aufruf für unser Land mitverfasst? Vielleicht lässt sich ihre Biografie auch als Versuch beschreiben, wider besseres Wissen die Idee gegen die Realität des Sozialismus zu verteidigen. Christa Wolf sah beides zusammen den Bach runtergehen. Sie war es doch, die beim Kulturkahlschlagplenum der SED im Jahr 1965 als Einzige den Mund aufmachte und ihrem Kollegen Werner Bräunig beisprang, an dem die Funktionäre ein Exempel statuierten. Sie war es, die 1976 zusammen mit Sarah Kirsch ganz oben auf der Unterzeichnerliste der Biermann-Petition stand. Sie war es, deren Zermürbung die Stasi organisierte, indem sie das Gerücht streute, Christa Wolf habe ihre Petitionsunterschrift zurückgezogen.

Das konnte die Autorin nicht wissen, als sie 1979 Was bleibt schrieb, einen schmalen Bericht aus dem Überwachungsstaat, über den bei Erscheinen 1990 eine donnernde Woge der Kritik hinwegbrauste. Man zieh die Verfasserin des Selbstmitleids und wollte nicht wahrhaben, was an dem Buch wahr war: die präzise Beschreibung des Spitzelapparates und seiner demoralisierenden Methoden. Was heute vom deutsch-deutschen Literaturstreit als Vorwurf an das Buch übrig bleibt, ist hauptsächlich der Veröffentlichungstermin. Zu spät, hieß es damals und heißt es heute. Die Kritiker übersehen, dass sie selbst reichlich spät dran waren mit ihrer finalen Sozialismusschelte, dieser posthumen Abrechnung anhand einer lebenden Person.

Wahrscheinlich war es nicht so sehr das Sozialistische an Christa Wolf, sondern ihre Kapitalismuskritik, die missfiel. Von Selbstentfremdung wollten viele selbstgewisse Bewohner des Westens nach der Wende nichts mehr hören, schon gar nicht aus dem Osten. Christa Wolf wusste aber, was sie kritisierte, denn ihre wachsende Skepsis gegenüber dem Staatssozialismus hatte in den siebziger, achtziger Jahren zur genauen Beschäftigung mit der Systemalternative Bundesrepublik geführt. Dass sie diese Alternative als Lebensmöglichkeit verwarf, war kein Plädoyer für die Diktatur.

Jetzt aber, da Kapitalismuskritik unausweichlich geworden ist, weil die Wirtschaft implodiert, jetzt, da die Demokratie manchem als zu wenig verwirklichte Idee erscheint, lohnt es sich mehr denn je, Christa Wolf zu lesen. Überrascht wird man Texte wiederentdecken, die den Konsumismus, Funktionalismus und Nihilismus der DDR geißeln. Diese Texte bestehen darauf, dass ein paar grundlegende Menschheitsprobleme die Wende überlebt haben.