Diskothek HÖRBUCH Wild durchs Blumenbeet

Das gesamte Jahr 1857 war ein warmer Vorfrühling der Moderne. Plötzlich trieben da, inmitten der satt restaurativen Ära, Madame Bovary, der Nachsommer, aber auch Charles Baudelaires giftige Blumen des Bösen aus der Erde. Diese Gedichte wurzeln in tiefen, heimlich faulenden Kulturschichten, weshalb sie bereits damals einen befreienden Nihilismus, eine betörende Auflösung verströmten (die vielen an der Avantgarde bis heute stinkt). Dabei strotzt Baudelaires epochaler Band auf den ersten Blick vor prächtigen Hybriden. Ein Füllhorn voll mit Bildern und Gestalten, Mythen und Engeln, Symbolen und Dämonen lockt den Leser – der sich dann schnell im Mahlstrom eines sensorischen Deliriums findet, welches tönt, stinkt, schmerzt und klingt, duftet, peitscht und schier an alle Sinne greift.

Es fällt uns heute nicht direkt leicht, uns Baudelaires ständig grell überraschender Poesie zu nähern. Christian Brückners Lesung bahnt einen geraden, dabei nicht leicht zu findenden Weg durchs wilde Blumenbeet: Brückner betont das Balladenhafte, Erzählerische. Seine markante Stimme kräftigt das im Text fast verstecke Ich. Da wird der dämonische Geprüfte plötzlich zum heiter Liebenden, der Selbsthenker gerät zum Ironiker, und den Pariser Traum durchstreift hier kein Geist mehr, sondern ein Flaneur auf zwei Beinen. Diese Erdung, die Friedhelm Kemps Prosaübersetzung unterstützt, macht die Gedichte zugänglicher. Ohne dass man vergessen würde, dass sie den Menschen einer urbanen Massenkultur zeigen, phantomhaft aufgelöst in einem Bilderwirbel aus alter Zeit. Wilhelm Trapp

 
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