MEINUNG DAMALS: 23.9.2006 Dicke Lippe
Wie man richtig küsst, notfalls auch gegen die prüden Vorschriften des politischen Protokolls, demonstrierte uns an jenem milden Herbsttag in Paris (wo sonst!) der feurige Präsident Jacques Chirac. Das war kein demütiger, huldigender, bewundernder, ehrerbietiger Handkuss, sondern ein zärtlicher Regelverstoß – im modernen Theater würde man von Verfremdungseffekt sprechen. Chirac signalisierte durch seinen liebevollen Zugriff, der nicht nur der Hand, sondern fast schon dem halben Arm der Kanzlerin galt, dass er mehr als Präsident ist, nämlich Franzose und Mann. Das soll durchaus ein Kompliment an Angela Merkel als Frau sein: Ein Kuss ist eine Sache, für die man beide Hände braucht! Die Geküsste lachte verständnisinnig über diesen feinfühligen Trick. Vielleicht dachte sie auch an Paul Flemings abschließende Ermunterung zur zwischenmenschlichen Anarchie: »Küsse nun ein Jedermann / wie er weiß will soll und kann!« EF
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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