Theater Die Wütenden
Vom überschätzten Unterschied zwischen der Liebe und dem Hass: Michael Thalheimer inszeniert Schnitzlers "Reigen" in Hamburg
Wäre Reigen ein Stück von heute, dann wäre es ein blutiges Stück: die Attacke einer Epidemie auf die Menschheit. Zu sehen wäre, wie sich ein Virus durch die Gesellschaft frisst und alle niederrafft. Denn im Reigen schläft die Dirne mit dem Soldaten, der Soldat mit dem Stubenmädchen, das Stubenmädchen mit dem jungen Herrn, der junge Herr mit der jungen Frau, die junge Frau mit dem Ehemann, der Ehemann mit dem süßen Mädel, das süße Mädel mit dem Dichter, der Dichter mit der Schauspielerin, die Schauspielerin mit dem Grafen und der Graf mit der Dirne. Und da uns heute eine solche Kette von Beischlafabenteuern, neudeutsch: Nummern, nicht mehr empört, müsste die Geschichte anders erzählt werden: als tödlicher Flächenbrand, als Ansteckungsthriller. Denn die Sexualität ist heute ja nicht mehr skandalös; skandalös ist nur noch der Tod, der sich mit ihr umhüllt.
Schnitzlers Reigen dagegen erreicht seine Wirkung dadurch, dass seine Figuren am Leben bleiben und, nachdem sie ihre Beischlafpartner betrogen haben, summend so weitermachen wie bisher. Als der Reigen im Jahr 1920 uraufgeführt wurde, entfachte gerade dieser geschäftsmäßige, abwinkende Umgang mit dem höchsten Gefühl einen dauerhaften Skandal.
Ist der Geschlechtsakt eine höhere Art der Konversation?
Von heute aus gesehen, erscheint Schnitzler als Meister der Dezenz: Seine zehn Szenen, die alle auf den Koitus zulaufen, zeigen den Akt gar nicht. Der Akt erscheint in ihnen vielmehr als Abstraktum, als ein Dunkelzustand, durch den alle hindurchmüssen und der alle voneinander trennt.
Schnitzler signalisiert im Text die körperliche Vereinigung mit einer Folge von Strichen, leeren Zeilen – ganz so, als setze für einen Moment die Sprache aus, als löse sich der Körper wütend vom Wort. Diese szenische Aussparung, dieser kurze Systemausfall verleiht der einzelnen Figur einen Rest von Tiefe und den Augenblickspaaren einen Hauch von wenigstens negativer Intimität, von gemeinsamem Schicksal.
Bei Michael Thalheimer auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters nun ist es, auch wenn kopuliert wird, immer krawallig laut, gemütlich und geschwätzig. Der Körper und die Sprache trennen sich nie, ja, es scheint vielmehr so, als fänden die Figuren erst im Koitus zur Sprache, einander reitend und verbissen beim Namen rufend. Ihnen fehlen auch jetzt nicht die Worte; in gewissem Sinn ist der Akt die Erfüllung aller Konversation.
Bei Schnitzler herrscht das Schema der Doppelbelichtung: Jede Figur sehen wir zweimal, den jungen Herrn beispielsweise erst intim mit dem Stubenmädchen und dann mit der jungen Bürgersfrau. So ist ein Klima allseitigen Verrats hergestellt (jeder verrät sowohl sich selbst als auch den Partner an die Lust von morgen). Und doppelt belichtet wirken die Figuren auch in jeder Szene: nämlich in der Gier vor und in kalter Ernüchterung nach dem Akt.
Bei Thalheimer werden diese Valeurs aufgegeben. Die Szenenfolge findet im Einheitslicht einer dunklen Fabrik statt, worin Arbeiter der Liebe Sonderschichten schieben. Und aus dem kühlen Rhythmus der Begierde bei Schnitzler – dem Lang-kurz-lang von Erwartung, Befriedigung und Ernüchterung – wird bei Thalheimer das kolbenstampfende Rein-Raus purer Mechanik. Das alles ist so tot, als trieben es die Figuren eines Wetterhäuschens gewitterdonnernd miteinander. So siegt das vernichtende Urteil des Regisseurs über den individuellen Zweifel, das Rätsel, den Schmerz.
Thalheimer verzichtet darauf, die gesellschaftliche Kurve nachzuzeichnen, die Schnitzler vorgibt; es geht bei Schnitzler ja gesellschaftlich immer höher hinauf und am Ende, in der letzten Szene, wieder steil hinab zur Hure, mit der alles begann. Ein naturalistisches Theater würde diesen Weg in einer halsbrecherischen Fassadenkletterei beschreiben. Aber bei Thalheimer findet alles im selben, von einer müden Drehbühne bewegten Schlafsaal statt. Denn es kommt ihm auf die Statusunterschiede, welche von der Lust scheinhaft übersprungen werden, gar nicht an, sein Blick, der Thalheimer-Blick, ebnet diese Unterschiede schon viel gründlicher ein, als die Lust es könnte, es geht ihm um die Nivellierung aller durch die Lust, um das ins Fleisch kläglich eingewickelte Menschenwesen. Und zwischen den Szenen, wenn der Geliebte weg ist, brabbeln diejenigen, die allein auf der Bühne bleiben, grimmig vor sich hin wie Opfer, über die etwas hereingebrochen ist.
Wie wird das gespielt? Wütend, großteils. Der ideale Thalheimer-Schauspieler greift in den Stücktext wie ein Wirtshausprügler in ein Tischtuch, das er gleich den versammelten Honoratioren vom Stammtisch reißen wird, damit endlich Stunk und Krieg ist. Konversation ist Vorspiel, weg damit! Und so wird in diesem Stück der schamvollen Verräter und der gesenkten Stimmen, wenn Thalheimer es inszeniert, immerzu geschrien.
Heiterkeit im Publikum, wenn sich wieder zwei zum Koitus schaukeln
Dieser Hang zur Wut gibt dem Hamburger Reigen tatsächlich etwas, nun ja, Modernes. Wenn das Reigen-Schema heute in Erzählungen angewendet wird, so geht es selten noch um Liebe, sondern meistens um Zorn, der sich fortpflanzt. Was etwa ist L.A. Crash , Paul Haggis’ Film über Los Angeles, anderes als ein großer Reigen, welcher von der Liebe spricht, indem er sie in den Hass kleidet?
Der Regisseur Michael Thalheimer, der mit Theaterfiguren nur etwas anfängt, solange er sie entblößen kann, verlässt nun das Thalia Theater, an dem er zehn Inszenierungen gemacht hat. Seine Hamburger Karriere begann mit dem Liliom im Jahr 2000, welcher vor allem dadurch unsterblich geworden ist, dass der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi während der Aufführung den Verweis »Das ist doch ein an-s-tändiges Stück« (mit diamanthartem hanseatischem »s-t«) ausstieß. Dohnanyis »an-s-tändiges Stück« wurde daraufhin in der Theaterwelt als Konversationsscharnier so bedeutend wie Klaus Wowereits »Und das ist auch gut so« im deutschen Alltag.
Aber wo ist Klaus Dohnanyi heute? Wo ist der An-s-tand? Im Thalia-Saal, neun Jahre später, nachsichtiges Brummeln, wenn wieder zwei zum feindlichen Koitus schaukeln, und höhere Heiterkeit, wenn sich ein Pärchen keuchend – »Alfred!« – »Ma- Rie !« – »Alfred!« – »Ma- Rie !« – in Schwung bringt.
Hinterher in der U-Bahn trifft man auf fünf Jungs im Alter von 16 bis 18 Jahren, sie brüllen sich an: »Hey, Digga, heute schon gefickt?« – »Nö, nachher! Wandsbek, Digga, da werden wir ficken!«
In Wandsbek steigen die Jungs aus, der Waggon zittert nach, man fürchtet um alle, die ihnen in die Quere kommen könnten. Vielleicht hat Thalheimer doch eine Wahrheit erfasst. Vielleicht muss man Reigen heute so inszenieren – nämlich blind für den Unterschied zwischen Liebe und Hass.
- Datum 14.03.2009 - 17:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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