Neue Gedichte von Hans Magnus Enzensberger

Alter Schuppen

Zwei Weltkriege, Boom und Crash

hat er überdauert,

da hinten im verwilderten Garten.◗

Die Tür windschief, ergraut die Bretter,◗

Moos auf der Regentonne.◗

Architekt: unbekannt.◗

Unter Denkmalschutz steht er nicht.◗

Wer weiß, auch die neuen Hochhäuser◗

wird er vielleicht überleben.◗

Drinnen verrostete Beitel und Zangen,◗

ausgetrocknete Farbtöpfe.◗

Eine löchrige Pferdedecke.◗

Der Überseekoffer aus Holz,◗

dem das Schloß fehlt.◗

Aber wenn es geschneit hat,◗

führt doch wieder eine Fußspur,◗

wie damals, vor hundert Jahren,◗

zu der Schneeschaufel hin. ◖Das waren Zeiten◗ ◖Ein Überfluß war das!◗ ◖Jeder von uns besaß seinen eigenen Stuhl,◗ ◖und es waren noch ein paar übrig◗ ◖für müde Ausländer, die sich ausruhen wollten.◗ ◖Unsre Gebisse waren wie neu.◗ ◖Versicherungen hatten uns fest im Griff,◗ ◖Vollbäder standen uns zur Verfügung◗ ◖jahraus jahrein, und manchmal◗ ◖sandten wir Geld und kaum getragene Jacken◗ ◖an weit entfernte Personen.◗ ◖Natürlich waren wir unbeliebt.◗ ◖Ohne mit der Wimper zu zucken,◗ ◖bestiegen wir Automobile und Aeroplane.◗ ◖Überall gab es Sicherheitsschleusen.◗ ◖Gehorsam zogen wir unsere Schuhe aus.◗ ◖Für den Fall, daß uns einer falsch kam,◗ ◖lauerte im Treppenhaus eine Schar von Anwälten.◗ ◖Sogar den Krankheiten ging es immer besser.◗ ◖Aber wir bissen die Zähne zusammen◗ ◖und hielten durch.◗ Die Kandidatur◗ ◖ ◖für Michael N.◗ ◗ ◖Geschwind, geschwind! riefen uns,◗ ◖über die Brüstung gebeugt,◗ ◖die Großmütter zu – ein Wort◗ ◖aus verschollenen Fibeln –,◗ ◖um uns anzuspornen.◗ ◖Aber es hat nicht geholfen.◗ ◖Eile mit Weile, ermahnten uns andre.◗ ◖Die Zugpferde lahmten, und wir◗ ◖hingen schlaff auf dem Bock.◗ ◖Die Astrologin hatte uns gewarnt,◗ ◖allein wir wollten nicht hören.◗ ◖Zu beschönigen gebe es nichts,◗ ◖äußerten die Parteifreunde◗ ◖in der Elefantenrunde.◗ ◖Nur unsre Schwiegertöchter –◗ ◖die eilten herbei, küßten uns◗ ◖und gratulierten zum Rücktritt.◗ ◖»Euer breites Siegerlächeln◗ ◖vor all den Kameras«,◗ ◖versicherten sie,◗ ◖»hätten wir nicht ertragen.«◗ ◗

Ohne Rücksicht auf Verluste◗

◖Die einen mögen barmherzig sein,◗

◖zornig die andern, launisch, oder ganz einfach◗

◖unerforschlich. Doch geizige Götter gibt es nicht.◗

◖Während wir uns sorgenvoll fragen,◗

◖ob unser Überziehungskredit, das Heu für den Winter,◗

◖der zusammengekratzte Notgroschen, das Wasser reicht,◗

◖kommt es ihnen auf ein paar Milliarden◗

◖Milchstraßen hin oder her gar nicht an.◗

◖Alles nur Wunderkerzen zu ihrer Unterhaltung.◗

◖So verschwenden sie ihr Leben und das unsere,◗

◖rücksichtslos aus dem vollen schöpfend,◗

◖während wir auf Sparflamme unser Süppchen kochen.◗

◖Zum Abgewöhnen◗

◖Sie ist ja so sensibel, die Ärmste.◗

◖Ein scheeler Blick, eine Absage,◗

◖ein bißchen Ärger, mir◗

◖macht das nichts aus, aber sie◗

◖ist weich im Nehmen.◗

◖Schon ist sie gekränkt,◗

◖beklagt sich, droht mit Migräne.◗

◖Dann wieder bockt sie,◗

◖stellt sich taub, will nicht,◗

◖spielt die Unergründliche.◗

◖Ja, diese ewige Nörglerin◗

◖geht mir oft auf die Nerven.◗

◖Aber was soll ich machen?◗

◖Unzertrennlich sind wir,◗

◖bis daß der Tod uns scheide,◗

◖meine Psyche und mich.◗

 
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