Gesellschaftskritik Der profane Liebhaber
Die zärtlichen Neigungen Prominenter: Was uns Boris Beckers öffentliche Heiratspläne sagen
Politische Relevanz hatte die öffentliche Bekanntmachung einer Eheverbindung einst in der Monarchie, geheiratet wurde aufgrund machtstrategischer Erwägungen, nicht etwa weil die Herzen zueinandergefunden hatten. Daher das unschöne Wort: Heiratspolitik. Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 18. Jahrhundert und damit dem Terror der Kleinfamilie und der großen Gefühle, unter dem wir, da die Ansprüche so drückend sind, noch heute entsetzlich leiden, stiegen auch die Erwartungen an Herrscher und ihre Gattinnen, sich als Liebende zu erweisen.
Herrschergemälden wurde sodann ein kleinfamiliärer Anstrich verpasst. Statt den ganzen wunderbar sündigen Hof zu verewigen (samt lustigen Zwergen und Mätressen), sah man nunmehr die Frau auf dem Stuhl, das Kind auf dem Schoß, den Mann dahinter, seine Hand ist zärtlich auf der Schulter der Gattin platziert. Die volkskitschige Verehrung, die mit dieser Entwicklung dem Herrscherpaar entgegengebracht wurde (allerlei pompöser Kult um Sisi oder Luise von Preußen), hatte für feinfühlige Beobachter stets etwas Peinliches, etwas zum Fremdschämen Einladendes. Die Liebe ist scheu, ja, sie ist ein Reh, ihre öffentliche Ausstellung hat etwas Vergewaltigendes, da sie Ewigkeit symbolisiert, wo doch Gefühle so wankend sind.
Mit einer derartigen Degradierung der Monarchie wurde jedenfalls nicht nur jeder Herrscher zum profanen Mann und zum profanen Liebhaber, sondern jeder gewöhnliche Mann zum kleinen König gewandelt, der mit seinen Gefühlen ganz groß hinauswill. Was weinten die Großmütter vor Jahren, als die Niederländerin Linda de Mol in ihrer Fernsehshow Traumhochzeit Heiratsanträge gewöhnlicher Paare zeigte! Mutige Männer-, devote Frauenblicke! Es menschelt auch heute auf allen Kanälen, mehr als jemals zuvor, vorzugsweise in Boulevard-Magazinen. Und gewiss, die Schlagzeilen sind größer, die Blogs hämischer, wenn ein Prominenter eine zärtliche Neigung bekundet.
Und riskanter ist es für ihn auch, denn eine zukünftige Trennung würde noch greller ausgeleuchtet sein als das Liebesglück. Ansonsten macht es keinen Unterschied, ob Sabine Mustermann heiratet oder ein Tennisspieler, eine Sängerin, ein Schauspieler. Jeder, der seine Liebe einem großen Publikum erklärt, reizt ohnehin schon überreizte Erwartungen. Und er reizt Kassandra, die Verblendete stets vergeblich warnt.
Dies nämlich ist eine Kolumne über Boris Becker, der in der letzten Wetten, dass..?- Show erklärte, er werde seine langjährige Freundin Sharlely "Lilly" Kerssenberg in St. Moritz heiraten.
- Datum 15.03.2009 - 15:42 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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Herr Becker taucht seit diversen Jahren nicht mehr in der Presse auf, weil er etwas kann. Er wird nur wegen banaler, privater Momente, als Prominenter geführt. Die Bekanntgabe seiner Hochzeitspläne in einer großen Unterhaltungssendung ist die logische Konsequenz seiner vorherigen Präsentation. Er hat Ehe, Zeugungsgeschichten, Trennung, Scheidung, Beziehungsversuchen und vieles uninteressante mehr an die Presse abgeliefert und wurde dort scheinbar gern abgebildet.
Etwas berichtenswertes hat der Mann doch schon lange nicht gemacht oder hat sich mal jemand nach seiner Tenniskarriere die Frage gestellt, ob er noch etwas anderes kann?
Aber vermutlich ist das nicht nötig bei der Lust am Berichten und Ablichten.
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»Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!«
Erich Kästner
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