MEINUNG HEUTE: 09.03.2009 Keuscher Kuss

Wie man richtig küsst, darüber muss kein Benimmpapst befinden, das hat vor fast vierhundert Jahren schon der Barockstar Paul Fleming getan, in seiner lyrischen Gebrauchsanleitung Wie er wolle geküsset seyn : »Nirgends hin als auff den Mund / da sinckts in deß Hertzens Grund. / Nicht zu frey nicht zu gezwungen / nicht mit gar zu fauler Zungen. // Nicht zu wenig nicht zu viel …« Der Kenner merkt, hier geht es um die erotisch-sentimentale Variante der berühmtesten aller Berührungen. Doch auch für den Kuss als Geste der Ehrerbietung gilt Flemings galantes Gebot der Balance. Der Schüler einer Berliner Schule, der hier die Hand der Kanzlerin nicht zu wenig, nicht zu viel küsst, scheint vom Literaturunterricht inspiriert. Wer nämlich die Dichter und Deuter des barocken Welttheaters studiert hat, wird angesichts einer hohen Dame in rotsamtener Robe nie das richtige Maß an ergebenster Zartheit verfehlen. EF

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Autoren abonnieren RSS-Feed
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service