Kölner Stadtarchiv Wir Terroristen

Was der Verlust der mittelalterlichen Dokumente bedeutet

Wer es genau wissen will: Die älteste Pergamenturkunde der Stadt Köln trägt die Jahresangabe 922. Insgesamt besaß Köln 60.000 solcher Urkunden. Stifte und Klöster verfügen wahrscheinlich noch über ein Drittel. Der Hauptanteil ist verloren, begraben im Schutt. Der sozial- und wirtschaftsgeschichtlich bedeutendste Bestand der Bundesrepublik an mittelalterlichen Dokumenten scheint unwiderruflich dahin, darunter 2100 Urkunden zu Hospital- und Armenstiftungen, ein unersetzlicher Spiegel frühester sozialer Anteilnahme unserer Vorfahren. Verloren auch die 3500 Urkunden des Kölner »Schreins« sowie die anschließenden »Schreinsbücher«, der größte nordalpine Bestand an Dokumenten mittelalterlichen Alltagslebens: Verträge, Erbeintragungen, Stiftungen, Immobilien, Einigungen – Zeugnisse der Fähigkeit von Sozietäten zur Selbstorganisation, zu Friedens-, Vertrags- und Rechtshandeln ohne juristische Quisquilerei.

Städtische Selbstverwaltung im Kontext ihrer Kämpfe um die Durchsetzung bürgerlicher Autonomie gegen adelige und klerikale Gewalten fand nirgendwo in Deutschland einen so lückenlosen Niederschlag. Fand! Vier Bände Ratsmemorialbücher enthielten die lückenlose Dokumentation Kölner Ratshandelns zwischen 1396 und 1522, eine Geschichte glänzender Erfolge, tiefer Zerwürfnisse und am Ende großartiger Selbstbehauptung des deutschen Bürgertums – in seinem europäischen Kontext, wie die 210 Bände von Abschriften abgesandter Ratsbriefe zwischen 1396 und 1798 belegten. Denn die vielleicht unersetzlichste Dimension des Kölner Mittelalters im Spiegel seines Archivs ist die Unabweisbarkeit einer vornationalen Geschichte Europas. Sie wird bezeugt durch den gewaltigen Fundus an Hanse-Urkunden, vom Erwerb eines Grundstücks durch Kölner Kaufleute im Jahr 1157 in London, aus dem der Stalhof, das Zentrum der Hanse in England, hervorging, bis zum »Rezess« der Hanseauflösung 1669 in Lübeck. Das Kölner Archiv barg darüber hinaus die Akten des wichtigsten Hansekontors Europas, des Hansehofs in Brügge. Diese kamen durch Antwerpener Abschriften nach Köln, als Ende des 16. Jahrhunderts den Niederländern der Hanserock längst zu eng geworden war. Köln aber stand fest zu dem Städte- und Kaufmannsbund, der längst verblichene Tugenden der Sozialisierung des Gewinns und der Qualitätsbürgschaft für die gehandelten Waren pflegte.

Kölns Archiv selbst war eine Erfindung dieser Zeit, die das Gedächtnis für eine Orientierungseinheit hielt. Seit den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts wurde das Archiv mit dem Rat verbunden. Nur drei Ratsmitglieder zugleich durften mit jeweils eigenen Schlüsseln zu drei unterschiedlichen Schlössern das Archiv öffnen. Warum? Mittelalterliche Gesellschaften standen zutiefst unter dem Eindruck der möglichen Überwältigung durch subjektive Gedächtnisschübe. Das bessere Gedächtnis war somit jenes, das sich solchen Schüben zu entziehen vermochte – durch gegenseitiges Zeugnis und gestützt auf Dokumente. Der Kölner scholastische Gelehrte Albert der Große war davon überzeugt, dass alle Begriffe unseres Gedächtnisses auf höhere Wirklichkeiten verweisen, am Ende auf Gott. Alberts Schriften sind längst ediert, aber die Dokumente der Kölner »Hohen Schule« liegen im Schutt. Was geschah also in Köln? Nichts weniger als ein Anschlag auf unser aller Gedächtnis. Im Namen des rasenden Stillstandes werden wir verurteilt, nur noch auf uns selbst zu blicken. Tausche drei Minuten verkürzte Fahrzeit gegen 1000 Jahre Gedächtnis, lautet das Motto dieses Anschlages. Der Terrorist, der ihn verübte, sind wir selbst.

 
Leser-Kommentare
  1. ...warum man nicht die Originale im Bunker eingelagert hat, und stattdessen leicht reproduzierbare Kopien ausstellt. Kopien atombombensicher einzulagern paßt irgendwie eher nach Schilda als nach Köln. ( Für brennbare Bibliotheken a la Anna Amalia gilt das analog )

    Als nächstes wird wohl der Kölner Dom in den Rhein gekippt, den kann man leider nicht im Bunker aufbewahren, auch nicht als Kopie.

  2. Ute von Verstaetten: Schweigen und Beten

    Sehr geehrter Herr Achatz von Müller,

    Ich kann nicht sagen, dass ich von dieser Welt, die mir, je länger ich auf dieser Erde lebe, immer unbekannter und unheimlicher wird, viel verstünde, ich darf aber von mir behaupten, dass ich einiges Wichtigeres, was zu diesem unlebbaren Leben offenbar zu gehören scheint, verstehen gelernt habe, was ich jedoch nicht verstehe und überhaupt nie verstehen werde, ist, aus welchem Grunde Sie, und mit Ihnen viele andere Pseudopublizisten, beispielsweise Ihren Zeit-Artikel „Wir Terroristen“, mit rhetorisch intendierten interrogativen Pronomina beginnen lassen. „Was“ ein augenblicklich noch gar nicht näher zu bestimmender möglicher Verlust mittelalterlicher und neuzeitlicher Dokumente für wen auch immer, ganz bestimmt jedenfalls nicht für eine allergrößte Mehrheit einer deutschen sich selbst unterhaltenden und genügenden Bevölkerung, die lieber fernsehend wegsieht als hinsehend Teilnahme erwirkt, zu bedeuten hat, kann weder von Ihnen, noch von irgendjemandem anderen überhaupt ermessen werden. Warum bedienen Sie sich in einer alogischen Unangemessenheit einer die Dinge zerredenden pseudophilen Publizistiksprache einer vollkommenen Plakativität und Nichtssagendheit Ihrer Aussagen über Gegenstände Ihrer Berichterstattung, deren mehr oder weniger schrecklicher Ausgang noch vollständig ungewiss ist? Zu diesem oder jenem Wichtigeren, das ich gelernt habe, gehören Ehrlichkeit und Schweigen, Schweigen gegenüber einem Unabdingbaren, Unauslotbarem, Unhintergehbarem, Ehrlichkeit gegenüber einem Notwendigen. Steht eine Erkenntnis einer Notwendigkeit einer Reduzibilität einer geschehenen Vernichtung noch außerhalb jeglichen menschlichen Bewusstseins, müsste doch ehrlicherweise auch von Ihnen, wenn Sie selber sich einer geistigen Hochstapelei nicht schuldig zu machen gedenken, zugegeben werden, dass es hierzu bisher an Wegen sehr mangelt. Warum verhindern Sie durch Ihre laute, zutiefst misstönende und nichtssagende Aufgereigtheit eines totalitär infizierten Geschwätzes Schweigen, Schweigen vor der Unhintergehbarkeit und Unhinterfragbarkeit einer Vernichtung dieser Welt, die nie mehr zu Verstande kommen wird.

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