Theodor Storm war nie in Afrika
»Einen so heißen Sommer, wie nun vor hundert Jahren, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kein Grün fast war zu sehen; zahmes und wildes Getier lag verschmachtet auf den Feldern.«
So beginnt Theodor Storms Märchen Die Regentrude (1863), und man mag es kaum glauben, dass der Dichter Husums, der »grauen Stadt am Meer«, wo Regenwolken häufiger zu Hause sind als Hitzeperioden, die sengende Gewalt der Sonne so eindrucksvoll zu beschreiben vermochte, als wäre er in Afrika gewesen, was er nie war. Afrikanisch ist dieser Sommer durchaus, aber die Landschaft liegt irgendwo in den Schleswigschen Breiten, wo es Schafherden gibt und Alleen mit alten Weiden. Maren ist die naturgemäß hübsche Tochter des Wiesenbauern, der rechtzeitig tiefer gelegenes Land aufgekauft hat, das jetzt gutes Heu verspricht, während Andrees und seine Mutter mit ihren trockenen Wiesen und jedem verdursteten Schaf ärmer werden. Die Mutter nun erinnert sich an die Regentrude, von der ihr die Urgroßmutter erzählt hat: Eine Jungfrau muss diese heidnische Göttin aufsuchen und mit dem richtigen Spruch aus dem Schlaf wecken. Wie das nun gelingt, wie Andrees den Feuerteufel belauscht und wie dieser, als hieße er Rumpelstilzchen, alles Notwendige verrät, das erzählt Storm höchst wirkungsvoll.
Es ist eine von den Geschichten, die man gar nicht oft genug hören kann, und deshalb ist es ein Glück, dass wir die wunderbare Rosemarie Fendel haben, die uns die Regentrude vorliest, als lägen wir mit Masern im Bett, und die Großmutter raunte von einem Wunder, das wirklich passiert ist, weil sie nämlich dabei war und den Feuerteufel selber gehört hat, wie er den Zauberspruch vor sich hin krächzt: »Dunst ist die Welle, / Staub ist die Quelle! / Stumm sind die Wälder, / Feuermann tanzet über die Felder!«, weil sie die Regentrude selber gesehen hat, die als alte Frau schlaftrunken aufsteht und mit jeder Wolke, die sie aus dem Regenschloss ins Freie wedelt, immer schöner wird, bis schließlich Maren es zu verhindern weiß, dass Andrees sie erblickt – der junge Mann soll nicht auf Abwege geraten. Da nun merken wir Storms leisen Humor, und wenn er den reichen Bauern am Ende, da die von ihm zunächst missbilligte Hochzeit stattfindet, sagen lässt, es sei so übel nicht, wenn Höhen und Tiefen beieinanderkämen (nämlich die trockenen und die nassen Wiesen), dann begreifen wir, was bauernschlau heißt. – Diese Aufnahme, dezent eingerahmt von Harfenmusik (Camilla Baier), dauert 67 Minuten, mit anderen Worten: Wir gewinnen eine gute Stunde Hörensglück. Ulrich Greiner
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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