Marcel Proust war nie in Berlin

Wenn Jochen Schmidt liest, dann klingt das ein bisschen nach eingerosteten Gelenken. So, als ob sich seine Stimmbänder gegen die Worte sträubten, die ihm nur gestaucht und gepfercht von den Lippen gehen. Für das Experiment allerdings, das der Berliner Schriftsteller hier vorliest, ist das der stimmliche Idealfall, denn es geht um Widerstände und Schwellenängste. Schon im Titel lauert eine Barriere, die aber nur Kulisse ist: Schmidt liest Proust , das stimmt fast gar nicht, denn tatsächlich liest Schmidt hier zuallererst Schmidt. Schmidt über Proust, okay.

Ausgangslage ist ein Geständnis: Mit 36 Jahren kannte Jochen Schmidt Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit nur vom Hörensagen. Schlimm? Nun mal ehrlich: Sieben Bände hat dieses Großwerk der Romankunst, auf 3900 Seiten eine Handlung wie ein Aquarium, kurz: Proust ist furchteinflößend. Genau daraus hat Jochen Schmidt eine erfrischende Strategie entwickelt. Vom 18. Juni 2006 bis zum 27. Januar 2007 las er täglich zwanzig Seiten Proust und führte Tagebuch, wie es ihm dabei erging. Oder, in Schmidts Worten, als er bei einer Lesung gefragt wird, wer dieser Proust denn sein: »Ich glaube, man muss das gar nicht wissen, um zu verstehen, was ich dazu zu sagen habe.«

Das ist als Großspurigkeit getarnte Verehrung, stimmt aber. Fern dem Hierophantentum so mancher Proustianer, reflektiert Schmidt nämlich seine eigenen Nöte, Lieben, Erinnerungen. Vergleicht die Welt der Guermantes mit dem, wofür in seiner DDR-Kindheit der Westen stand. Schließt aus Prousts Lärmempfindlichkeit: »Wenn man mit Proust Werbung für ein Produkt machen könnte, dann für Ohrstöpsel.« Sammelt Lesefrüchte in köstlichen Rubriken wie »Unklares Inventar: Klopfpeitsche«, oder »Verlorene Praxis: Mit aller Macht schellen, wenn ein Mann einen küssen will./Arm auf seinen Besitzungen leben.«

Ach ja: Schmidt liest nur einen Teil seiner Proust-Erfahrung vor, den Rest gibt es als Buch zur CD dazu. Der Leipziger Verlag Voland & Quist pflegt diese schöne Editionspraxis wegen des Mehrwerts, den die Autorenstimme einem Text geben kann. Bei Schmidt hört man durch die Mühsal hindurch nämlich auch das Glück, das ihm das Schneisenschlagen nach Paris bereitet: denn Proust ist von Berlin so weit entfernt wie dessen Roman von der verlorenen Zeit, die er sucht. Und so gelingt Jochen Schmidt, da darf seine Komik uns nicht täuschen, eine schlaue, recht zärtliche Proust-Hommage. Wilhelm Trapp

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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    • Schlagworte Marcel Proust | Berlin | Literatur | Komik | Paris
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